Maga­zin

Wie KI die Bedin­gun­gen emo­tio­na­ler Kom­pe­tenz ver­än­dert

Zukunfts­trends in der Sozi­al­wirt­schaft

Juli 2026

Verändert KI die emotionale Kompetenz?

Wie ste­hen sich emo­tio­na­le Kom­pe­tenz und künst­li­che Intel­li­genz gegen­über? Die­se Fra­ge stel­len wir uns in Bezug auf die Rele­vanz für den sozia­len und the­ra­peu­ti­schen Bereich. Denn für die Beglei­tung von Men­schen ist es wich­tig sich die Fra­ge zu stel­len, was sich auf der Ebe­ne von Emo­ti­ons- und Wahr­neh­mungs­ver­ar­bei­tung durch die Nut­zung von KI ver­än­dert. Sebas­ti­an Sier­ra Bar­ra (Medi­en- und Kul­tur­anthro­po­lo­ge & Pro­fes­sor an der Evan­ge­li­schen Hoch­schu­le Ber­lin) hat die­sen Bei­trag ver­fasst. Dabei bewegt er sich weg von einer rein tech­ni­schen Per­spek­ti­ve auf KI, hin zu einer gesell­schafts­po­li­ti­schen.

Mit der soge­nann­ten Künst­li­chen Intel­li­genz erle­ben wir einen his­to­risch bei­spiel­lo­sen Feld­ver­such. Nie­mals zuvor haben sich neue Mensch-Gerä­te-Kon­stel­la­tio­nen mit einer ver­gleich­ba­ren Geschwin­dig­keit und glo­ba­len Reich­wei­te ver­brei­tet.

Die eigent­li­che Ver­än­de­rung liegt dabei nicht auf der Ebe­ne tech­ni­scher Funk­tio­nen.

Lar­ge Lan­guage Models erzeu­gen durch ihre sprach­li­che Struk­tur eine beson­ders enge, indi­vi­dua­li­sier­te Kopp­lung zwi­schen Mensch und Gerät. Sie reagie­ren auf For­mu­lie­run­gen, pas­sen sich Gesprächs­ver­läu­fen an und spie­geln zurück. Was dabei ent­steht, ist kei­ne neu­tra­le Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung, son­dern eine neue sozio-tech­ni­sche Kon­stel­la­ti­on, die Emo­tio­nen und Wirk­lich­keits­wahr­neh­mun­gen aktiv her­vor­bringt. Ihre beson­de­re Wirk­sam­keit gewinnt die­se Kopp­lung dar­aus, dass sie Teil jener Mensch-Gerä­te-Kon­stel­la­tio­nen wird, in denen Wahr­neh­mung, Erin­ne­rung, Kom­mu­ni­ka­ti­on und Wirk­lich­keits­be­zü­ge über­haupt erst orga­ni­siert wer­den.

Dass die Sozia­le Arbeit KI flä­chen­de­ckend ein­set­zen wird, ist Teil lau­fen­der Ent­wick­lun­gen. Die Refle­xi­on dar­über fin­det bis­lang aller­dings vor allem auf der Ebe­ne der Nut­zung statt: Wel­che Sys­te­me sind geeig­net? Wel­che Risi­ken müs­sen regu­liert wer­den? Wo lie­gen die Chan­cen und Gren­zen des Ein­sat­zes? Die Fra­ge nach der rich­ti­gen oder fal­schen Nut­zung setzt jedoch zu spät an. Sie über­geht jene Vor­ent­schei­dun­gen, die bereits in die Sys­te­me ein­ge­schrie­ben sind und Wahr­neh­mung, Auf­merk­sam­keit und Urteils­bil­dung struk­tu­rie­ren. Sie betref­fen die Wahr­neh­mungs­wei­sen, die emo­tio­na­len Archi­tek­tu­ren, also die Wei­sen, wie Auf­merk­sam­keit, Gefüh­le und pro­fes­sio­nel­le Urtei­le orga­ni­siert wer­den, letzt­lich die Art und Wei­se, wie Men­schen ihre Welt erfah­ren. 

Wir bli­cken inzwi­schen auf meh­re­re Jahr­zehn­te digi­ta­ler Kul­tur­prak­ti­ken zurück. Mit die­sen Prak­ti­ken ver­än­dern sich auch die Vor­stel­lun­gen davon, was der Mensch ist. Die Erwei­te­rung durch digi­ta­le Daten­kör­per sowie die Fra­ge, wo wir uns räum­lich und zeit­lich befin­den, wenn wir online sind, ver­wei­sen auf ver­än­der­te Raum-Zeit-Ver­hält­nis­se. Mit KI wird nun im All­tag offen­sicht­lich, dass kogni­ti­ve Pro­zes­se ver­teil­te Pro­zes­se inner­halb von Mensch-Gerä­te-Kon­stel­la­tio­nen sind. Das gilt auch für Emo­tio­nen.

Emo­tio­nen ent­ste­hen nicht nur zwi­schen­mensch­lich, son­dern auch in digi­ta­ler Umge­bung 

Neue­re Ansät­ze der Emo­ti­ons­for­schung gehen davon aus, dass das Gehirn Emo­tio­nen kon­stru­iert, auf der Basis von Erfah­run­gen, kör­per­li­chen Zustän­den und den Umge­bun­gen, in denen Men­schen leben. Emo­ti­ons- und Wirk­lich­keits­kon­struk­ti­on sind dabei mit­ein­an­der ver­wo­ben. Was wir füh­len, ent­steht nicht zuerst in uns und trifft anschlie­ßend auf eine Welt. Es ent­steht in der Welt, durch sie und mit ihr. 

Im Zeit­al­ter digi­ta­ler Infra­struk­tu­ren betrifft dies nicht nur zwi­schen­mensch­li­che Bezie­hun­gen. Gerä­te, Inter­faces und algo­rith­mi­sche Sys­te­me sind längst Teil jener sozia­len Öko­lo­gien gewor­den, in denen Emo­tio­nen, Wahr­neh­mun­gen und Urtei­le her­vor­ge­bracht wer­den. Wahr­neh­mun­gen, Gewohn­hei­ten und Bewer­tun­gen ent­ste­hen dabei häu­fig nicht durch bewuss­te Ent­schei­dun­gen, son­dern durch die wie­der­hol­te Teil­nah­me an sozia­len und tech­ni­schen Umwel­ten.

Die Ein­füh­rung von Lar­ge Lan­guage Models mar­kiert in die­ser Geschich­te eine neue Qua­li­tät. Nicht weil Tech­nik erst­mals auf Men­schen wirkt. Tech­nik und Mensch impli­zie­ren ein­an­der seit jeher gegen­sei­tig. Neu ist die Inten­si­tät die­ser Kopp­lung. Zugleich ent­zie­hen sich die rele­van­ten Ope­ra­tio­nen digi­ta­ler Sys­te­me weit­ge­hend der sinn­li­chen Wahr­neh­mung. Sicht­bar wird nicht die Infra­struk­tur, son­dern das Gespräch. Genau dar­in liegt ihre beson­de­re Wirk­sam­keit. Pro­zes­se emo­tio­na­ler Anpas­sung wer­den damit zu einer all­täg­li­chen Bedin­gung pro­fes­sio­nel­len Han­delns. 

Für die Sozia­le Arbeit bedeu­tet das eine Ver­schie­bung, die tie­fer reicht als die Fra­ge nach dem rich­ti­gen Ein­satz von Tech­no­lo­gie. KI-Sys­te­me, Fall­ma­nage­ment­sys­te­me, Risi­ko­ein­schät­zun­gen und Doku­men­ta­ti­ons­tools sind nicht ein­fach Hilfs­mit­tel. Sie sind Umge­bun­gen, die struk­tu­rie­ren, was wahr­ge­nom­men wird, was als rele­vant gilt und wel­che emo­tio­na­len Kon­struk­ti­ons­pro­zes­se sich wie­der­ho­len. Wer täg­lich in sol­chen Sys­te­men arbei­tet, ent­wi­ckelt eine bestimm­te emo­tio­na­le Archi­tek­tur durch die wie­der­hol­te Teil­nah­me an die­sen Umwel­ten. 

Span­nungs­ver­hält­nis pri­vat­wirt­schaft­li­cher KI-Sys­te­me und gemein­wohl- und teil­ha­be­ori­en­tier­ter Sozia­ler Arbeit 

Hin­zu kommt eine struk­tu­rel­le Span­nung. KI-Sys­te­me gehö­ren wie alle digi­ta­len Anwen­dun­gen eigent­lich einer Pro­dukt­klas­se von Ent­wurfs­prak­ti­ken an. Sie ope­rie­ren im Mög­lich­keits­raum, erzeu­gen Vari­an­ten und laden zum Expe­ri­men­tie­ren ein. Die Sozia­le Arbeit dage­gen ist his­to­risch stark durch Fall­lo­gi­ken, Doku­men­ta­ti­on, Nach­voll­zieh­bar­keit und Risi­ko­be­ar­bei­tung geprägt. Die­se unter­schied­li­chen Ratio­na­li­tä­ten ste­hen nicht span­nungs­frei neben­ein­an­der. Genau die­se Span­nung wird von den Anbie­tern der Sys­te­me sel­ten the­ma­ti­siert. Sie ver­kau­fen Effi­zi­enz­ver­spre­chen an eine Pro­fes­si­on, wäh­rend sie zugleich die Bedin­gun­gen ver­än­dern, unter denen pro­fes­sio­nel­le Wahr­neh­mung, Auf­merk­sam­keit und emo­tio­na­le Kom­pe­tenz ent­ste­hen. 

Das eigent­li­che Pro­blem liegt dabei nicht in der Tech­no­lo­gie selbst. Es liegt dar­in, dass die­se ko-evo­lu­tio­nä­ren Pro­zes­se digi­ta­ler Infra­struk­tu­ren weit­ge­hend pri­vat­wirt­schaft­lich vor­an­ge­trie­ben wer­den und damit den gesell­schaft­li­chen Mög­lich­keits­raum ver­en­gen. Ohne demo­kra­ti­sche Legi­ti­ma­ti­on, ohne Mit­be­stim­mung der Fach­kräf­te und ohne Trans­pa­renz über die Wir­kun­gen, die dabei ent­ste­hen.

So wer­den die Bedin­gun­gen pro­fes­sio­nel­ler Wahr­neh­mung und emo­tio­na­ler Kom­pe­tenz zuneh­mend von Unter­neh­men gestal­tet, deren Inter­es­sen nicht not­wen­di­ger­wei­se mit den Inter­es­sen der Men­schen über­ein­stim­men, um die es in der Sozia­len Arbeit geht.

Damit gewinnt die Fra­ge emo­tio­na­ler Kom­pe­tenz eine poli­ti­sche Dimen­si­on. Wer die Umge­bun­gen gestal­tet, in denen Men­schen wahr­neh­men, kom­mu­ni­zie­ren, ent­schei­den und füh­len, gestal­tet nicht ledig­lich tech­ni­sche Infra­struk­tur. Er gestal­tet die Bedin­gun­gen mensch­li­cher Exis­tenz. Die Fra­ge nach künst­li­cher Intel­li­genz wird damit zu einer Fra­ge demo­kra­ti­scher Gestal­tung von Mensch-Gerä­te-Kon­stel­la­tio­nen. Die Zukunft emo­tio­na­ler Kom­pe­tenz ent­schei­det sich eben­so in der Fra­ge, wer die kogni­ti­ven Infra­struk­tu­ren gestal­tet, in denen die­ses Gespräch über­haupt statt­fin­den kann. Die Fra­ge der Künst­li­chen Intel­li­genz ist des­halb nicht pri­mär eine tech­ni­sche. Sie ist eine demo­kra­ti­sche.

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Autor: Sebas­ti­an Sier­ra Bar­ra

Titel­bild: Pexels