Verändert KI die emotionale Kompetenz?
Wie stehen sich emotionale Kompetenz und künstliche Intelligenz gegenüber? Diese Frage stellen wir uns in Bezug auf die Relevanz für den sozialen und therapeutischen Bereich. Denn für die Begleitung von Menschen ist es wichtig sich die Frage zu stellen, was sich auf der Ebene von Emotions- und Wahrnehmungsverarbeitung durch die Nutzung von KI verändert. Sebastian Sierra Barra (Medien- und Kulturanthropologe & Professor an der Evangelischen Hochschule Berlin) hat diesen Beitrag verfasst. Dabei bewegt er sich weg von einer rein technischen Perspektive auf KI, hin zu einer gesellschaftspolitischen.
Mit der sogenannten Künstlichen Intelligenz erleben wir einen historisch beispiellosen Feldversuch. Niemals zuvor haben sich neue Mensch-Geräte-Konstellationen mit einer vergleichbaren Geschwindigkeit und globalen Reichweite verbreitet.
Die eigentliche Veränderung liegt dabei nicht auf der Ebene technischer Funktionen.
Large Language Models erzeugen durch ihre sprachliche Struktur eine besonders enge, individualisierte Kopplung zwischen Mensch und Gerät. Sie reagieren auf Formulierungen, passen sich Gesprächsverläufen an und spiegeln zurück. Was dabei entsteht, ist keine neutrale Informationsverarbeitung, sondern eine neue sozio-technische Konstellation, die Emotionen und Wirklichkeitswahrnehmungen aktiv hervorbringt. Ihre besondere Wirksamkeit gewinnt diese Kopplung daraus, dass sie Teil jener Mensch-Geräte-Konstellationen wird, in denen Wahrnehmung, Erinnerung, Kommunikation und Wirklichkeitsbezüge überhaupt erst organisiert werden.
Dass die Soziale Arbeit KI flächendeckend einsetzen wird, ist Teil laufender Entwicklungen. Die Reflexion darüber findet bislang allerdings vor allem auf der Ebene der Nutzung statt: Welche Systeme sind geeignet? Welche Risiken müssen reguliert werden? Wo liegen die Chancen und Grenzen des Einsatzes? Die Frage nach der richtigen oder falschen Nutzung setzt jedoch zu spät an. Sie übergeht jene Vorentscheidungen, die bereits in die Systeme eingeschrieben sind und Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Urteilsbildung strukturieren. Sie betreffen die Wahrnehmungsweisen, die emotionalen Architekturen, also die Weisen, wie Aufmerksamkeit, Gefühle und professionelle Urteile organisiert werden, letztlich die Art und Weise, wie Menschen ihre Welt erfahren.
Wir blicken inzwischen auf mehrere Jahrzehnte digitaler Kulturpraktiken zurück. Mit diesen Praktiken verändern sich auch die Vorstellungen davon, was der Mensch ist. Die Erweiterung durch digitale Datenkörper sowie die Frage, wo wir uns räumlich und zeitlich befinden, wenn wir online sind, verweisen auf veränderte Raum-Zeit-Verhältnisse. Mit KI wird nun im Alltag offensichtlich, dass kognitive Prozesse verteilte Prozesse innerhalb von Mensch-Geräte-Konstellationen sind. Das gilt auch für Emotionen.
Emotionen entstehen nicht nur zwischenmenschlich, sondern auch in digitaler Umgebung
Neuere Ansätze der Emotionsforschung gehen davon aus, dass das Gehirn Emotionen konstruiert, auf der Basis von Erfahrungen, körperlichen Zuständen und den Umgebungen, in denen Menschen leben. Emotions- und Wirklichkeitskonstruktion sind dabei miteinander verwoben. Was wir fühlen, entsteht nicht zuerst in uns und trifft anschließend auf eine Welt. Es entsteht in der Welt, durch sie und mit ihr.
Im Zeitalter digitaler Infrastrukturen betrifft dies nicht nur zwischenmenschliche Beziehungen. Geräte, Interfaces und algorithmische Systeme sind längst Teil jener sozialen Ökologien geworden, in denen Emotionen, Wahrnehmungen und Urteile hervorgebracht werden. Wahrnehmungen, Gewohnheiten und Bewertungen entstehen dabei häufig nicht durch bewusste Entscheidungen, sondern durch die wiederholte Teilnahme an sozialen und technischen Umwelten.
Die Einführung von Large Language Models markiert in dieser Geschichte eine neue Qualität. Nicht weil Technik erstmals auf Menschen wirkt. Technik und Mensch implizieren einander seit jeher gegenseitig. Neu ist die Intensität dieser Kopplung. Zugleich entziehen sich die relevanten Operationen digitaler Systeme weitgehend der sinnlichen Wahrnehmung. Sichtbar wird nicht die Infrastruktur, sondern das Gespräch. Genau darin liegt ihre besondere Wirksamkeit. Prozesse emotionaler Anpassung werden damit zu einer alltäglichen Bedingung professionellen Handelns.
Für die Soziale Arbeit bedeutet das eine Verschiebung, die tiefer reicht als die Frage nach dem richtigen Einsatz von Technologie. KI-Systeme, Fallmanagementsysteme, Risikoeinschätzungen und Dokumentationstools sind nicht einfach Hilfsmittel. Sie sind Umgebungen, die strukturieren, was wahrgenommen wird, was als relevant gilt und welche emotionalen Konstruktionsprozesse sich wiederholen. Wer täglich in solchen Systemen arbeitet, entwickelt eine bestimmte emotionale Architektur durch die wiederholte Teilnahme an diesen Umwelten.
Spannungsverhältnis privatwirtschaftlicher KI-Systeme und gemeinwohl- und teilhabeorientierter Sozialer Arbeit
Hinzu kommt eine strukturelle Spannung. KI-Systeme gehören wie alle digitalen Anwendungen eigentlich einer Produktklasse von Entwurfspraktiken an. Sie operieren im Möglichkeitsraum, erzeugen Varianten und laden zum Experimentieren ein. Die Soziale Arbeit dagegen ist historisch stark durch Falllogiken, Dokumentation, Nachvollziehbarkeit und Risikobearbeitung geprägt. Diese unterschiedlichen Rationalitäten stehen nicht spannungsfrei nebeneinander. Genau diese Spannung wird von den Anbietern der Systeme selten thematisiert. Sie verkaufen Effizienzversprechen an eine Profession, während sie zugleich die Bedingungen verändern, unter denen professionelle Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und emotionale Kompetenz entstehen.
Das eigentliche Problem liegt dabei nicht in der Technologie selbst. Es liegt darin, dass diese ko-evolutionären Prozesse digitaler Infrastrukturen weitgehend privatwirtschaftlich vorangetrieben werden und damit den gesellschaftlichen Möglichkeitsraum verengen. Ohne demokratische Legitimation, ohne Mitbestimmung der Fachkräfte und ohne Transparenz über die Wirkungen, die dabei entstehen.
So werden die Bedingungen professioneller Wahrnehmung und emotionaler Kompetenz zunehmend von Unternehmen gestaltet, deren Interessen nicht notwendigerweise mit den Interessen der Menschen übereinstimmen, um die es in der Sozialen Arbeit geht.
Damit gewinnt die Frage emotionaler Kompetenz eine politische Dimension. Wer die Umgebungen gestaltet, in denen Menschen wahrnehmen, kommunizieren, entscheiden und fühlen, gestaltet nicht lediglich technische Infrastruktur. Er gestaltet die Bedingungen menschlicher Existenz. Die Frage nach künstlicher Intelligenz wird damit zu einer Frage demokratischer Gestaltung von Mensch-Geräte-Konstellationen. Die Zukunft emotionaler Kompetenz entscheidet sich ebenso in der Frage, wer die kognitiven Infrastrukturen gestaltet, in denen dieses Gespräch überhaupt stattfinden kann. Die Frage der Künstlichen Intelligenz ist deshalb nicht primär eine technische. Sie ist eine demokratische.
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Autor: Sebastian Sierra Barra
Titelbild: Pexels