3 Fehler beim Onboarding
und was ihr stattdessen tun könnt (von Tanja Tissen)
Tanja Tissen begleitet soziale Organisationen in der Organisationsentwicklung und beim Onboarding neuer Mitarbeiter:innen (zum Seminar). Wir haben sie um Tipps gebeten, wie der Einstieg neuer Kolleg:innen gut gelingen kann und welche Fehler Organisationen nicht mehr machen sollten. Das ist ihre Antwort:
Klar, lässt sich Onboarding professionell aufsetzen. Indem man Führungskräfte in Workshops schult oder neue und bestehende (!) Kolleg:innen beim Onboarding-Prozess professionell begleitet (zum Beispiel in diesem Kurs).
Was aber sind Dinge, die ihr auch jetzt eigenständig und ohne großen Mehraufwand umsetzen könnt? In diesem Beitrag zeige ich euch 3 typische Onboarding-Fehler und was ihr stattdessen machen könnt.
#1 Don’t: Dicke Onboarding-Mappen oder Ordner
Do: Reduziert es auf das Wesentliche!
Oft wird gefragt „Was muss alles noch in die Onboarding-Mappe?“. Wie wär’s erst einmal mit der Frage: „Was kann weg?”. Das gilt für Onboarding-Mappen aus Papier genauso wie für überfüllte digitale Ordner. Je mehr ihr diese Informationsflut reduziert (oder zumindest wochenweise dosiert), desto einfacher können sich neue Kolleg:innen Informationen auch langfristig einprägen.
Für den Fall, dass nichts so wirklich weg kann: welche Unterlagen oder Informationen könnten zumindest zu einem späteren Zeitpunkt eingestreut werden? Um das herauszufinden, könnt ihr eure zuletzt eingearbeiteten Kolleg:innen fragen, welche Informationen sie erst später oder nie gebraucht haben und entsprechend kürzen.
Am Anfang ist nahezu jede Information neu. Ich vergleiche das gern mit dem Aufwand für euren täglichen, routinierten Arbeitsweg und dem Aufwand, wenn ihr zum 1. Mal an einem neuen Ort seid und bei jeder Abbiegung die Route prüfen müsst. Letzteres kostet deutlich mehr Denkleistung, bringt aber auch Vorteile mit sich, die ich gern in Punkt 2 erläutern möchte:
#2 Don’t: Feedback ohne Anpassungsbedarf
Do: Legt fest, wie ihr mit Feedback umgeht!
Wenn Aussagen wie „Sag uns doch bitte, wenn dir in den ersten Wochen etwas auffällt” oder „Dein Feedback ist eine tolle Chance für uns” nur als Wohlfühl-Floskeln gemeint sind, lasst sie weg. Feedback braucht regelmäßige Räume, in denen explizit danach gefragt wird, um wirklich einen Nutzen zu stiften. Sonst kann es schnell mal passieren, dass Generationenkonflikte unnötig verstärkt werden, weil neue Kolleg:innen „ungefragt in offener Runde herumkritisieren”.
Ich vertrete den Standpunkt, dass neue Kolleg:innen gerade mit ihrer Unwissenheit wertvolle Perspektiven für die Verbesserung von Strukturen und Prozessen beitragen. Genauso wie die Leute, die diese Prozesse vor Ihnen aufgebaut haben. Um dieses Potential zu nutzen, statt zu verbrennen, empfehle ich folgende Fragen möglichst konkret und in sicheren Räumen, z.B. in Probezeitgesprächen, zu stellen:
- Was ist dir bei uns bisher aufgefallen, was wir vielleicht gar nicht mehr sehen?
- Wovon brauchst du mehr, wovon weniger in den kommenden Wochen?
- Wie empfindest du die Arbeit mit Tool X, Y, Z? Welche Fragen hättest du hierzu?
Wenn euch solche Fragen irgendwie unpassend erscheinen, empfehle ich, zumindest die Fragen von neuen Kolleg:innen als wertvolles Feedback aufzunehmen. Denn genau diese Fragen sind es, die bestehende Inkonsistenzen, Prozessfehler oder Ineffizienzen deutlich machen – etwas, wofür man sonst auch mal externe Beratung einkauft!
#3 Don’t: Voreilig Rückschlüsse ziehen
Do: Zieht an einem Strang!
Wenn eine neue Person Aufgaben oder Prozesse nicht direkt versteht oder automatisch mitmacht, liegt das manchmal weniger an der Person und mehr am Kontext und Umfeld: Beispielsweise habe ich miterlebt, dass eine neue Kollegin sich zu Beginn erst kaum einbrachte und dann später zunehmend ihre Verwirrung und ihren Unmut äußerte. Das hätte man natürlich als passiv, unmotiviert oder sogar frech deuten können. Was diese Betrachtung aber außer Acht lassen würde: an der neuen Stelle, die für diese Person geschaffen wurde, liefen haufenweise Ungereimtheiten und Ineffizienzen zusammen. Dies war in der vorherigen Arbeitsteilung schlichtweg nicht aufgefallen.
Statt bestehende Vorgehensweisen stumpf zu akzeptieren, konnte genau diese Kollegin maßgeblich beim Aufsetzen neuer Prozesse und Tools in beratender Funktion mitwirken. So konnten nicht nur Qualitätslücken bereinigt, sondern auch der Aufwand für alle Beteiligten erheblich reduziert werden.
Die letzten beiden Do’s greifen also ineinander: wird ein geeigneter Raum für Kritik gegeben, kann diese leichter geäußert werden. Es wird ein Gewinn für alle daraus, wenn man die Kritik nutzt, um Prozesse (und nicht die Arbeitsweise einer Person) gemeinsam überarbeitet.
An dieser Stelle möchte ich erstmal einen Punkt setzen. Natürlich ist das Thema Onboarding damit nicht beendet. Wenn ihr den Prozess der Einarbeitung neuer Kolleg:innen umfassend angehen wollt, erfahrt ihr in diesem Seminar mehr!
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Autorin: Tanja Tissen (Systemisches Coaching & Organisationsentwicklung: Frei-Bindungen)
Redaktion: Julia Mann (Paritätische Akademie Berlin)
Foto: Tanja Tissen