Maga­zin

Ein Plä­doy­er für

Sozia­le Grup­pen-

arbeit (SGA)

15. FEBRU­AR 2018 | FÜH­RUNG

Inhal­te und Metho­den der Sozia­len Grup­pen­ar­beit


Aus­gangs­punkt aller (sozial)pädagogischen Akti­vi­tä­ten sind die jewei­li­gen Bedürf­nis­se und Ent­wick­lungs­auf­ga­ben von Kin­dern und Jugend­li­chen. Dabei ste­hen die Grund­sät­ze der Offen­heit, Frei­wil­lig­keit, Ziel­grup­pen ­ und Lebens­welt­ori­en­tie­rung in Ver­bin­dung mit Ver­bind­lich­keit und Kon­ti­nui­tät in den per­so­nel­len und struk­tu­rel­len Gege­ben­hei­ten im Vor­der­grund. Die Mit­ar­bei­te­rin­nen machen kla­re, ver­läss­li­che Bezie­hungs­an­ge­bo­te, auf deren Basis sich ein ver­trau­ens­vol­les Mitei­nander ent­wi­ckelt. SGA erfolgt ziel- ­ und lösungs­ori­en­tiert unter Berück­sich­ti­gung der Hil­fe­plan­zie­le, unter Anwen­dung eines päd­ago­gi­schen Kon­zep­tes und einer Viel­falt päd­ago­gi­scher Metho­den. Gruppen‑, Einzel‑, Eltern‑, Netz­werk- ­ und Umfeld­ar­beit bil­den die Bau­stei­ne des Ange­bo­tes.


Grup­pen­ar­beit


Eine Grup­pe stellt einen wich­ti­gen sozia­len Rah­men für die Ent­wick­lung und Selbst­ver­wirk­li­chung des jun­gen Men­schen dar. Für eine posi­ti­ve Iden­ti­fi­ka­ti­on und den Auf­bau von Bezie­hun­gen ist es not­wen­dig, den Anfor­de­run­gen, die eine Grup­pe (z.B. Schu­le, Freun­des­kreis) an den Ein­zel­nen stellt, gerecht zu wer­den. Eben­so ist es not­wen­dig, Grup­pen nut­zen zu kön­nen, um Aner­ken­nung und das Gefühl sozia­ler Sicher­heit und Gebor­gen­heit zu erfah­ren. Die sozia­le Grup­pe nimmt selbst als ein bewusst gewähl­tes und von den Grup­pen­päd­ago­gen kon­trol­lier­tes Arran­ge­ment Ein­fluss auf Ver­än­de­rungs­pro­zes­se des Ein­zel­nen. In einer Grup­pe von Gleich­alt­ri­gen wer­den die jun­gen Men­schen unter stützt, Fähig­kei­ten zu ent­wi­ckeln, ihr Selbst­bild und ihre Per­spek­ti­ve zu ver­än­dern, neue Ver­hal­tens­mus­ter ein­zu­üben, um sich auf die Über­nah­me sozi­al akzep­tier­ter Rol­len vor­zu­be­rei­ten. In der Grup­pe tau­schen sie sich über adäqua­tes Ver­hal­ten aus.


Durch ziel­ge­rich­te­te Grup­pen­er­leb­nis­se sol­len die sozia­len Fähig­kei­ten erwei­tert und ange­mes­se­ne Umgangs ­ und Aus­ein­an­der­set­zungs­for­men mit Gleich­alt­ri­gen ent­wi­ckelt wer­den. Im schüt­zen­den Rah­men der Grup­pe kön­nen die Kin­der und Jugend­li­chen wech­sel­sei­tig ler­nen, sich über eige­ne Kon­flikt­kon­stel­la­tio­nen bewusst zu wer­den, über Erleb­nis­se und Gefüh­le, die sie bewe­gen, zu reden, ihr Ver­hal­ten zu reflek­tie­ren und mit den ande­ren Grup­pen­mit­glie­dern gemein­sam nach Lösungsstra­tegien zu suchen. Dadurch kön­nen sie erle­ben, was es heißt, akti­ves Mit­glied einer Grup­pe zu sein sowie ver­ständ­nis­voll und tole­rant mit­ein­an­der umzu­ge­hen. Die Inte­gra­ti­on in eine fes­te Grup­pe för­dert das Erle­ben von sozia­ler Zuge­hö­rig­keit und stei­gert das Selbst­wert­ge­fühl. Dabei wer­den die grup­pen­dy­na­mi­schen Pro­zes­se von den Grup­pen­lei­tern gezielt genutzt.


Metho­den des sozia­len Ler­nens in der Grup­pe wer­den ein­ge­setzt, um mit ­ und von­ein­an­der zu ler­nen, den Umgang mit Kon­flik­ten und mit Kri­tik zu üben, sozia­le Kom­mu­ni­ka­ti­on zu beför­dern, die For­mu­lie­rung eige­ner Wün­sche und Gren­zen zu erler­nen, Ver­hal­ten zu inter­pre­tie­ren und ein inter­kul­tu­rel­les Mit­ein­an­der zu ent­wi­ckeln. Die Grup­pen­teil­neh­me­rin­nen erfah­ren durch Situa­ti­ons­ge­stal­tung, Spie­le, Kom­mu­ni­ka­ti­ons ­ und Inter­ak­ti­ons­übun­gen, wie Kon­flik­te gelöst und Impul­se re­guliert wer­den kön­nen.


Dar­über hin­aus erwer­ben bzw. fes­ti­gen die Teil­neh­me­rin­nen einer SGA eine Viel­zahl an all­tags­prak­ti­schen Kom­pe­ten­zen. Dazu gehö­ren Fer­tig­kei­ten wie Kochen und Backen, Tisch­diens­te, der Um ­ gang mit Geld (z. B. beim Ein­kau­fen für die Grup­pe) oder das ver­ant­wor­tungs­be­wuss­te Han­deln im Stra­ßen­ver­kehr. Hilf­reich für die Ori­en­tie­rung der jun­gen Men­schen im Tages­ver­lauf sind die ritua­lisierten Abläu­fe in der Grup­pe sowie eine kla­re Zeit­pla­nung.


Par­ti­zi­pa­ti­on als grund­le­gen­de Struk­tur­ma­xi­me nimmt einen hohen Stel­len­wert im päd­ago­gi­schen Han­deln ein: Es gilt, jun­ge Men­schen zu moti­vie­ren sich ein­zu­brin­gen – so wie sie sind, mit dem was sie kön­nen und wol­len. Sie dür­fen sich enga­gie­ren, betei­li­gen, mit­ent­schei­den und mit­ge­stal­ten. Sie erhal­ten Gele­gen­heit, ihre eige­nen Inter­es­sen zu ver­tre­ten und in demo­kra­ti­schen Pro­zes­sen aus­zu­han­deln. Gemein­sam gestal­te­te Aus­hand­lungs­pro­zes­se stär­ken selbst­be­wuss­tes Han­deln und befä­hi­gen jun­ge Men­schen dazu, sozia­le Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. Vor allem geht es um das Mut machen und die Befä­hi­gung, die Her­aus­for­de­run­gen des Lebens mit eige­nem Enga­ge­ment aktiv wahr­zu­neh­men. Die jun­gen Men­schen erhal­ten Frei­räu­me zur Mit­be­stim­mung, um dar­über ihre Eigen­in­itia­ti­ve zu för­dern. Auf die­se Wei­se wird ange­regt, selbst­stän­dig Kon­flik­te lösen zu ler­nen bzw. eige­ne Inte­gra­ti­ons­mus­ter zu fin­den. Die Ange­bo­te bezie­hen sich auf die Inter­es­sen und Fähig­kei­ten der jun­gen Men­schen und eröff­nen ihnen zugleich neue Per­spek­ti­ven. Auf die­se Wei­se wird Kin­dern und Jugend­li­chen die Mög­lich­keit gege­ben, sich als eigen­ver­ant­wort­lich, selbst­wirk­sam, schöp­fe­risch und wert­voll zu erfah­ren.


In den Feri­en die­nen ganz­tä­gi­ge Grup­pen­tref­fen, Grup­pen­rei­sen, Tages­fahr­ten oder gemein­sa­me Über­nach­tun­gen der inten­si­ven Grup­pen­fin­dung und ­-aus­ein­an­der­set­zung der Teil­neh­mer. Der lau­fen­de Grup­pen­pro­zess erhält star­ke Impul­se. Dar­über hin­aus stär­ken posi­ti­ve gemein­sa­me Erleb­nis­se die gegen­sei­ti­gen Bezie­hun­gen unter­ein­an­der und unter­stüt­zen so den Auf­bau eines ver­trau­ens­vol­len Rah­mens. Die Kin­der wer­den in die Vor­be­rei­tung und Durch­füh­rung aktiv mit­ein­be­zo­gen und erle­ben so ihre Selbst­wirk­sam­keit.


Ein­zel­ar­beit


Neben der Arbeit mit der gesam­ten Grup­pe beinhal­tet die Hil­fe­form der SGA auch ver­schie­de­ne Ele­mente indi­vi­du­el­ler Unter­stüt­zung und Auf­merk­sam­keit, die situa­tions- ­ und bedarfs­ori­en­tiert in die Arbeit ein­flie­ßen. Die Zuwen­dung zu jedem Ein­zel­nen


  • ermög­licht die Wert­schät­zung der indi­vi­du­el­len Inter­es­sen, Mög­lich­kei­ten und Wün­sche der Kin­der
  • wird genutzt, um die per­sön­li­chen Belan­ge, Sor­gen und The­men der jun­gen Men­schen stär­ker the­ma­ti­sie­ren zu kön­nen
  • stärkt und formt die Bezie­hung und das Ver­trau­en der jun­gen Men­schen zu den Fach­kräf­ten und ist somit wich­ti­ger Grund­bau­stein der Zusam­men­ar­beit
  • ist not­wen­dig, um jun­ge Men­schen und ihre Zugän­ge zu The­men ken­nen­zu­ler­nen und so die Ange­bo­te pass­ge­nau gestal­ten zu kön­nen.


For­men der indi­vi­du­el­len För­de­rung sind:

  • indi­vi­du­el­le Gesprä­che, Bio­gra­fie­ar­beit
  • schu­li­sche Unter­stüt­zung, Lern­för­de­rung
  • Ein­zel­ar­beit im Rah­men von Pro­jek­ten
  • Moti­va­ti­on zur Selbst­re­fle­xi­on
  • Benen­nen indi­vi­du­el­ler Res­sour­cen und Stär­ken
  • Ver­ga­be von Auf­trä­gen, die sich an den indi­vi­du­el­len Fähig­kei­ten ori­en­tie­ren
  • Erar­bei­tung indi­vi­du­el­ler Zie­le und Refle­xi­on des Hil­fe­ver­laufs
  • gemein­sa­me Vor ­ und Nach­be­rei­tung der Hil­fe­plan­ge­sprä­che
  • Erar­bei­tung von Lösun­gen bei aktu­el­len Schwierigkeiten/Problemlagen > Kri­sen­in­ter­ven­ti­on


Eltern­ar­beit


Der Eltern­ar­beit kommt in der SGA beson­de­re Bedeu­tung zu, sie ist inte­gra­ler Bestand­teil der päd­ago­gi­schen Arbeit. Der regel­mä­ßi­ge Aus­tausch über die Ent­wick­lung ihrer Kin­der – nicht nur im Kon­flikt­fall, son­dern gera­de auch bei posi­ti­ven Rück­mel­dun­gen über das Ver­hal­ten oder die Leis­tun­gen – sind ein Bei­trag zur Auf­lö­sung von Span­nun­gen inner­halb der Fami­lie oder zwi­schen Fami­lie und Schu­le. Die Eltern­ar­beit hat dar­über hin­aus das Ziel, dys­funk­tio­na­le Mus­ter wahr­zu­neh­men, anzu­sprechen und nach Mög­lich­keit die Fami­lie dabei zu unter­stüt­zen, neue, funk­tio­na­le­re Mus­ter auf­zu­bau­en und zu fes­ti­gen. Dazu gehört:


  • Klar­heit über Regeln, Nor­men, Auf­ga­ben und Bezie­hun­gen inner­halb des Fami­li­en­sys­tems zu schaf­fen
  • Rol­len­klä­rung, zu der eine kla­re Grenz­zie­hung zwi­schen den Genera­tio­nen inner­halb der Fami­lie und den jewei­li­gen Auf­ga­ben gehört
  • Ver­stän­di­gung über alters­an­ge­mes­se­ne Regeln, Nor­men und Auf­ga­ben
  • Klä­rung der Rol­len mög­li­cher Stief­eltern
  • Abstim­mung der Erzie­hungs­zie­le unter­schied­li­cher Erzie­hungs­be­rech­tig­ter.


Die Kin­der erle­ben die gemein­sa­men Gesprä­che in der Regel posi­tiv als Wert­schät­zung und Inter­es­se ihrer Eltern, obwohl sie sich mit dem eige­nen Ver­hal­ten aus­ein­an­der­set­zen müs­sen und auch schwie­ri­ge Situa­tio­nen the­ma­ti­siert wer­den.


Ein­la­dun­gen zu gemein­sa­men Ver­an­stal­tun­gen, Fes­ten und Eltern­aben­den ergän­zen die indi­vi­du­el­len Gesprä­che und stel­len den Bezug zum fami­liä­ren Umfeld der Kin­der und Jugend­li­chen her. Sie geben den Eltern die Mög­lich­keit, sich aktiv zu betei­li­gen und sich mit ande­ren Eltern aus­zu­tau­schen.


Bau­stei­ne der Eltern­ar­beit:

  • gemein­sa­me Ent­wick­lung von Zie­len
  • regel­mä­ßi­ge Bera­tungs­ge­sprä­che zu Erzie­hungs­fra­gen
  • Bera­tung und Unter­stüt­zung der Eltern im Umgang mit den Her­aus­for­de­run­gen des Kin­des
  • Refle­xi­on der päd­ago­gi­schen Pro­zes­se in der SGA und Über­prü­fung der Über­tra­gung in den fami­liä­ren Kon­text
  • Stär­kung der Fami­li­en­res­sour­cen
  • Eltern­grup­pen­an­ge­bo­te, Eltern­aben­de
  • Unter­stüt­zung und Bera­tung in Kri­sen­si­tua­tio­nen


Netz­werk­ar­beit


Die Zusam­men­ar­beit mit für die Hil­fe rele­van­ten Insti­tu­tio­nen und Per­so­nen, wie Schu­len, Jugend­äm­ter, Ärz­te, The­ra­peu­ten, ist eine Bedin­gung für das Gelin­gen der Hil­fen. Vor allem der regel­mä­ßi­ge Aus­tausch mit Leh­rern und Schul­so­zi­al­ar­bei­tern ist von beson­de­rer Bedeu­tung, da der Lern­ort Schu­le die betreu­ten jun­gen Men­schen in der Regel vor gro­ße Her­aus­for­de­run­gen stellt. Des­halb fin­den bedarfs­ent­spre­chend und in Abstim­mung mit den Eltern regel­mä­ßi­ge Gesprä­che mit den Leh­re­rin­nen und Schul­so­zi­al­ar­bei­tern statt. Die Eltern wer­den bei Bedarf im Umgang mit der Schu­le so beglei­tet und bera­ten, dass sie im Sin­ne ihres Kin­des eine kon­struk­ti­ve Form der Zusam­men­ar­beit prak­ti­zie­ren.


Die Ver­net­zung der Fach­kräf­te der SGA durch die Teil­nah­me an rele­van­ten bezirk­li­chen Gre­mi­en ist hilf­reich für die Arbeit, da die Fach­kräf­te so stets über wich­ti­ge Ange­bo­te und Ent­wick­lun­gen in den Sozi­al­räu­men infor­miert sind und die­ses Wis­sen wie­der­um an die Fami­li­en wei­ter­ge­ben kön­nen.


Erschlie­ßung und Nut­zung sozi­al­räum­li­cher Ange­bo­te


Das gemein­sa­me Erkun­den von Ange­bo­ten und Frei­zeit­mög­lich­kei­ten im Kiez erleich­tert den Kin­dern und Jugend­li­chen an den grup­pen­frei­en Tagen oder im Anschluss an eine Hil­fe den Zugang zum Sozi­al­raum. Akti­vi­tä­ten der Grup­pe för­dern das Wis­sen der Grup­pen­teil­neh­mer um die Möglichkei­ten in ihrer Umge­bung, erhö­hen die Selb­stän­dig­keit im öffent­li­chen Raum, die­nen der Interessen­erweiterung und füh­ren idea­ler­wei­se zu neu­en Kon­tak­ten und Ansprech­part­nern für die Kin­der und Jugend­li­chen (z. B. zu Mit­ar­bei­tern von Kin­der ­ und Jugend­frei­zeit­ein­rich­tun­gen).

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