Maga­zin

Pass­ge­naue Bera­tungs­an­ge­bo­te schaf­fen

10. Janu­ar 2022 | Psy­cho­so­zia­le Bera­tung

Inter­view mit Emi­ly Engel­hardt

Frau Engel­hardt, Sie unter­rich­ten ab April in unse­rem neu­en Zer­ti­fi­kats­kurs Psy­cho­so­zia­le Online­be­ra­tung. Was genau kön­nen wir uns unter Psy­cho­so­zia­ler Online­be­ra­tung vor­stel­len?


Zunächst ein­mal geht es um eine sprach­li­che Abgren­zung: Der Begriff „Online­be­ra­tung“ ist nicht geschützt und taucht inzwi­schen in ganz vie­len Kon­tex­ten auf. So bie­ten z. B. auch Ver­si­che­run­gen oder Ban­ken

Online­be­ra­tung an. Psy­cho­so­zia­le Online­be­ra­tung fokus­siert auf Bera­tung (aber auch Coa­ching und Super­vi­si­on) im Zusam­men­hang mit The­men und Anlie­gen, die im Kon­text von Sozia­ler Arbeit und angren­zen­den Dis­zi­pli­nen ent­ste­hen. 

Gibt es jen­seits von Coro­na aktu­el­le Bezü­ge, die das The­ma gera­de beson­ders rele­vant machen?


Ja, denn wir befin­den uns auf dem Weg zur digi­ta­len Gesell­schaft. Gro­ße Tei­le unse­rer All­tags­kom­mu­ni­ka­ti­on fin­den inzwi­schen medi­al ver­mit­telt statt. Smart­pho­nes und Lap­tops sind aus unse­rem Leben nicht mehr

weg­zu­den­ken. Dies hat auch enor­me Aus­wir­kun­gen auf die Bera­tung. Sowohl in Hin­blick auf The­men, die in der Bera­tung auf­tau­chen, als auch auf die Art und Wei­se, wie Bera­tungs­kon­tak­te rea­li­siert wer­den.  

Wel­che Vor­tei­le bie­tet Psy­cho­so­zia­le Online­be­ra­tung? Wel­che per­sön­li­chen Erfah­run­gen haben Sie damit bereits gemacht?


Sie stellt in ers­ter Linie eine Erwei­te­rung des vor allem auf Prä­senz­be­ra­tung kon­zen­trier­ten Ange­bots da. Für vie­le rat­su­chen­de Men­schen stellt der Besuch einer Bera­tungs­stel­le eine gro­ße Hür­de dar. Die Mög­lich­keit, sich z. B. zunächst per E‑Mail an die Stel­le zu wen­den senkt Schwel­len. Zudem kön­nen Ange­bo­te lebens­welt­ori­en­tier­ter gestal­tet wer­den. Jun­ge Men­schen errei­chen wir nicht mehr aus­schließ­lich mit Prä­sen­z­an­ge­bo­ten, sehr wohl aber

über das Smart­pho­ne und da bevor­zugt per Mes­sen­ger.

Ich selbst bera­te seit inzwi­schen mehr als 20 Jah­ren online. In „Inter­net­jah­ren“ ist das eine gefühl­te Ewig­keit, wenn man sich ver­ge­gen­wär­tigt, wel­che Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­en in die­sem Zeit­raum ent­wi­ckelt wur­den. Dass inzwi­schen neben der text­ba­sier­ten Bera­tung per Chat und Mail auch Video und Sprach­nach­rich­ten genutzt wer­den kön­nen, macht die­ses Feld sehr dyna­misch. Ich habe auch selbst schon Online­be­ra­tung in Anspruch genom­men, da ich die schrift­li­che Refle­xi­on sehr schät­ze.


Gibt es auch beson­de­re Schwie­rig­kei­ten und Hemm­nis­se, die dabei zu beach­ten sind?

Es muss uns gelin­gen, pass­ge­naue Ange­bo­te zu schaf­fen. Nicht für alle Rat­su­chen­de ist jedes Medi­um geeig­net. Hier­zu ist es wich­tig, die Prä­fe­ren­zen, Res­sour­cen und Kom­pe­ten­zen der Bedarfs­grup­pen zu ana­ly­sie­ren und

auch eige­ne Vor­be­hal­te zu reflek­tie­ren. Und natür­lich gäbe es auch Wege, um Online­be­ra­tung anzu­bie­ten, die eine hohe Akzep­tanz bei den Rat­su­chen­den hät­ten, aber aus Daten­schutz­grün­den kri­tisch zu sehen sind.


Ich neh­me an, die Ein­hal­tung des Daten­schut­zes ist in die­sem Zusam­men­hang ein wich­ti­ges The­ma. Wie kann dies gelin­gen?


Es gibt bereits seit vie­len Jah­ren Soft­ware, die spe­zi­ell für die siche­re und ver­schlüs­sel­te Online­kom­mu­ni­ka­ti­on ent­wi­ckelt wur­de. Die­se kön­nen wir für die Bera­tung beden­ken­los nut­zen. Gleich­zei­tig müs­sen wir beach­ten, dass es für man­che Rat­su­chen­de eine Hür­de dar­stel­len kann, sich z. B. den siche­ren Mes­sen­ger run­ter­zu­la­den oder das ver­schlüs­sel­te Video­tool zu nut­zen. Es ist daher wich­tig, dass wir gut Bescheid wis­sen und ein­schät­zen kön­nen, wann wir es mit ver­trau­li­chen Inhal­ten zu tun haben, die wir ent­spre­chend schüt­zen müs­sen. Dazu gehört auch, Rat­su­chen­de gut zu infor­mie­ren und manch­mal auch zu über­zeu­gen.

Nun viel­leicht noch ein paar Wor­te zu unse­rem Zer­ti­fi­kats­kurs. Wie sehen die kon­kre­ten Inhal­te des Kur­ses aus?

Der Kurs deckt alle For­men der Online­be­ra­tung ab, die sich in den letz­ten Jah­ren eta­bliert haben. Wir beschäf­ti­gen uns in der Wei­ter­bil­dung mit den beson­de­ren Chan­cen der text­ba­sier­ten Bera­tungs­kom­mu­ni­ka­ti­on, die für vie­le Rat­su­chen­de manch­mal der ein­zi­ge Zugangs­weg zu einem Bera­tungs­an­ge­bot ist. Aber wir befas­sen uns natür­lich auch mit der Videobe­ra­tung sowie der Mög­lich­keit, mit einem Mes­sen­ger in ganz viel­fäl­ti­ger Wei­se Bera­tungs­pro­zes­se zu gestal­ten. Da kom­men dann z. B. auch Sprach­nach­rich­ten zum Ein­satz, die für bestimm­te Ziel­grup­pen einen nahe­zu bar­rie­re­frei­en Zugang zur Bera­tung bedeu­ten.


Wie genau ist der Kurs auf­ge­baut? Wie funk­tio­niert die Ver­bin­dung von Theo­rie und Selbst­re­fle­xi­on im Online­for­mat?


Der gro­ße Vor­teil am Online­for­mat: Wir ler­nen und üben in und mit dem Medi­um, um das es auch geht. So wird das theo­re­tisch Erlern­te gleich prak­tisch erfahr­bar und umsetz­bar. Zudem wird die eige­ne Online(kommunikations)kompetenz gestärkt. In den Selbst­lern­pha­sen kön­nen die Teilnehmer:innen The­men in ihrem eige­nen Arbeits­tem­po und mit den Schwer­punk­ten, die für sie beson­ders rele­vant sind, erar­bei­ten.


Wem wür­den Sie den Kurs emp­feh­len? Gibt es spe­zi­el­le Anfor­de­run­gen an die Teil­neh­men­den?


Der Kurs ist geeig­net für alle, die sich fit machen wol­len für eine Bera­tung im Zeit­al­ter der digi­ta­len Trans­for­ma­ti­on und der Mei­nung sind, dass wir die Bera­tung im Netz kei­nen Schar­la­ta­nen über­las­sen soll­ten.

Die Teilnehmer:innen soll­ten grund­le­gen­de Bera­tungs­kom­pe­ten­zen mit­brin­gen, wenn­gleich sie im Kurs ganz neue Kom­pe­ten­zen erler­nen wer­den und schnell fest­stel­len wer­den, dass Online­be­ra­tung etwas ganz ande­res ist, als das, was sie z. B. über Gesprächs­füh­rung wis­sen. Und Basis­kom­pe­ten­zen im Umgang mit dem Inter­net und sei­nen Medi­en sind wich­tig. Vor allem aber die Offen­heit, sich mit neu­en und ande­ren Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men für die Bera­tung zu beschäf­ti­gen.


Wel­che Chan­ce sehen Sie dar­in, den Kurs bei uns an der Aka­de­mie anzu­bie­ten?

Die Zusam­men­ar­beit mit der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie habe ich in den letz­ten Jah­ren als sehr kon­struk­tiv und stets ver­bind­lich erlebt. Digi­ta­le The­men haben im Pro­gramm schon län­ger eine Rol­le gespielt und ich freue mich, dass wir mit dem Zer­ti­fi­kats­kurs nun eine qua­li­fi­zier­te Wei­ter­bil­dungs­mög­lich­keit geschaf­fen haben.

Vie­len Dank für das Gespräch!

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Das Gespräch führ­te Sol­vejg Hes­se, Bil­dungs­re­fe­ren­tin an der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie Ber­lin.

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