Sozialarbeit in den USA vs. Deutschland?
Über Innovative Konzepte aus New York (5 Fragen an Chris Hanway)
mit deutscher Übersetzung weiter unten
Wie wird Soziale Arbeit in den USA gedacht und umgesetzt? Und was können Fachkräfte in Deutschland daraus mitnehmen? Chris Hanway (Bild Mitte), Mitorganisator der jährlichen New-York-Reise und verantwortlich für das Austausch-Programm, gibt Einblicke in seine Arbeit an sogenannten Settlement Houses vor Ort. Im Interview spricht er über die wichtigsten Unterschiede zwischen Deutschland und den USA in der sozialen Arbeit und darüber, welchen Mehrwert internationale Austauschformate wie diese für die Praxis bieten.
Dear Chris, you’ve been working at Jacob A. Riis Neighborhood Settlement for more than 17 years, including several years as executive director. What motivated you personally to work there?
I had been working at larger NGO related to health care, architecture, and support for victims of crime and all of them were gratifying and challenging, but I was looking for an opportunity to work directly in communities, particularly in communities that are often overlooked and neglected. At the time, I had no idea what a Settlement House was, but the job posting seemed to offer the possibility of working directly with the community, learning from them just as I hoped they could learn from me. I never dreamed that a few years later, I would become Executive Director and remain at Riis Settlement for over 17 years and counting!
Settlement houses like Riis Settlement are not very common in Germany. Could you describe what your work involves and what a typical day is like for you as the executive director?
My work involves a little bit of everything, which is exactly why I love it. As a Settlement House, Riis is necessarily a multi-service organization, so we work with children, youth, adults of all ages especially older adults, as well as immigrants from around the world. I am involved and exposed to all of our programmatic activities from after-school programming for kids, to English language classes for immigrants, to provision of meals to food-insecure-neighbors. But of course, I also fundraise, interact with government officials, oversee the finances of the organization and a whole lot more. One thing that I try to ensure every single day is that Riis Settlement is empowering our community, doing and acting WITH, not for or to the community. Our community is filled with strength and power and effect change themselves. We are helpers.
There is something special about this intensely local,
multi-generational/ intergenerational, multi-service organizations with multiple points of entry, which serve as community hubs, town squares, safe spaces and places of person expression all at once.
Chris Hanway
What do you think are the main similarities and differences between social work in the United States and in Germany?
I think social work in both the United States and Germany is grounded in shared values such as promoting social justice, supporting and empowering vulnerable populations, and improving well-being across the lifespan. In the U.S. social work is more strongly shaped by our decentralized welfare system and greater reliance on nonprofit and private services, while your social work operates within a more comprehensive, state-centered model. Despite these structural differences, social workers in both countries face similar challenges, including heavy caseloads, emotional stress, and the need to adapt practice to changing realities, especially around migration and agin populations.
What do you think social workers in Germany could learn from their colleagues in the United States, or specifically in New York?
I think they could learn how to successfully combine advocacy, community organizing, case management, clinical work, and administrative finesse. I say this, not because German Social Workers don’t do these things, but because social workers in New York City seem to have to be able to do all of them every single day. I am not a trained or licensed social worker, but I work with many of them, of course, and I am amazed by how they are able to manage and juggle all of these different necessary skills to make their jobs work and help their clients and neighbors.
Having worked on several exchange programs, what are some moments that participants often describe as eye-opening? And is there anything you particularly like to show German social workers during their visit?
They love visiting Settlement Houses, of course! 😊 There is something special about this intensely local,
multi-generational/ intergenerational, multi-service organizations with multiple points of entry, which serve as community hubs, town squares, safe spaces and places of person expression all at once. We serve grandparents and their grandchildren and bring many different types of people from within the community together and there is something magical and life-affirming about that.
Deutsche Übersetzung
Lieber Chris, du arbeitest seit mehr als 17 Jahren bei Jacob A. Riis Neighborhood Settlement, davon mehrere Jahre als Geschäftsführer. Was hat dich persönlich dazu motiviert, dort zu arbeiten?
Ich hatte zuvor bei größeren NGOs in den Bereichen Gesundheitswesen, Architektur und Opferhilfe gearbeitet, und all diese Tätigkeiten waren erfüllend und herausfordernd, aber ich suchte nach einer Möglichkeit, direkt in den Gemeinden zu arbeiten, insbesondere in solchen, die oft übersehen und vernachlässigt werden. Damals hatte ich keine Ahnung, was ein Settlement Haus ist, aber die Stellenanzeige schien die Möglichkeit zu bieten, direkt mit der Gemeinschaft zu arbeiten und von ihr zu lernen, genauso wie ich hoffte, dass sie von mir lernen könnte. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich wenige Jahre später Geschäftsführer werden und über 17 Jahre lang bei Riis Settlement bleiben würde – und es geht immer noch weiter!
Settlement-Häuser wie das Riis Settlement sind in Deutschland eher unbekannt. Könnten Sie beschreiben, worin Ihre Arbeit besteht und wie ein typischer Tag für Sie als Geschäftsführer aussieht?
Meine Arbeit umfasst ein bisschen von allem, und genau deshalb liebe ich sie. Als „Settlement House“ ist Riis zwangsläufig eine Organisation mit vielfältigen Dienstleistungsangeboten. Deshalb arbeiten wir mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen jeden Alters – insbesondere mit Senioren – sowie mit Migrant:innen aus aller Welt zusammen. Ich bin an all unseren programmatischen Aktivitäten beteiligt und mit ihnen vertraut, von der Nachmittagsbetreuung für Kinder über Englischkurse für Migrant:innen bis hin zur Essensausgabe für Nachbar:innen, die unter Ernährungsunsicherheit leben. Aber natürlich kümmere ich mich auch um das Fundraising, stehe im Austausch mit Behördenvertreter:innen, überwache die Finanzen der Organisation und vieles mehr. Eine Sache, die ich jeden Tag sicherstellen möchte, ist, dass Riis Settlement unsere Gemeinschaft stärkt und MIT ihr handelt, nicht FÜR sie oder an ihr. Unsere Gemeinschaft ist voller Kraft und Stärke und kann selbst Veränderungen bewirken. Wir sind Helfende.
Diese stark lokal verankerten, generationsübergreifenden Organisationen mit vielfältigen Angeboten und zahlreichen Zugangsmöglichkeiten haben etwas ganz Besonderes an sich: Sie dienen gleichzeitig als Dreh- und Angelpunkt der Gemeinschaft, als Stadtplatz, als sicherer Ort und als Raum für die persönliche Entfaltung.
Chris Hanway
Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der Sozialarbeit in den Vereinigten Staaten und in Deutschland?
Ich denke, dass die Sozialarbeit sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Deutschland auf gemeinsamen Werten basiert, wie der Förderung sozialer Gerechtigkeit, der Unterstützung und Stärkung benachteiligter Bevölkerungsgruppen sowie der Verbesserung des Wohlbefindens über alle Lebensphasen hinweg. In den USA ist die Sozialarbeit stärker von unserem dezentralisierten Sozialsystem und einer größeren Abhängigkeit von gemeinnützigen und privaten Dienstleistungen geprägt, während Ihre Sozialarbeit im Rahmen eines umfassenderen, staatlich ausgerichteten Modells funktioniert. Trotz dieser strukturellen Unterschiede stehen Sozialarbeiter:innen in beiden Ländern vor ähnlichen Herausforderungen, darunter hohe Fallzahlen, emotionaler Stress und die Notwendigkeit, die Praxis an sich wandelnde Realitäten anzupassen, insbesondere im Zusammenhang mit Migration und einer alternden Bevölkerung.
Was könnten Sozialarbeiter:innen in Deutschland Ihrer Meinung nach von ihren Kolleg:innen in den Vereinigten Staaten oder speziell in New York lernen?
Ich glaube, sie können lernen, wie man Interessenvertretung, Gemeinschaftsarbeit, Fallmanagement, klinische Arbeit und administratives Geschick erfolgreich miteinander verbindet. Ich sage das nicht, weil deutsche Sozialarbeiter:innen diese Dinge nicht tun, sondern weil Sozialarbeiter:innen in New York City offenbar in der Lage sein müssen, all das jeden Tag zu bewältigen. Ich bin kein ausgebildeter oder zugelassener Sozialarbeiter, aber ich arbeite natürlich mit vielen von ihnen zusammen und bin beeindruckt davon, wie sie all diese verschiedenen notwendigen Fähigkeiten unter einen Hut bringen und jonglieren, um ihre Arbeit zu bewältigen und ihren Klient:innen und Nachbar:innen zu helfen.
Sie haben bereits an mehreren Austauschprogrammen mitgewirkt – welche Momente werden von den Teilnehmern oft als besonders aufschlussreich erlebt? Und gibt es etwas, das Sie deutschen Sozialarbeitern während ihres Besuchs besonders gerne zeigen?
Natürlich besuchen sie gerne die Settlement Häuser! 😊 Diese stark lokal verankerten, generationsübergreifenden Organisationen mit vielfältigen Angeboten und zahlreichen Zugangsmöglichkeiten haben etwas ganz Besonderes an sich: Sie dienen gleichzeitig als Dreh- und Angelpunkt der Gemeinschaft, als Stadtplatz, als sicherer Ort und als Raum für die persönliche Entfaltung. Wir betreuen Großeltern und ihre Enkelkinder und bringen viele verschiedene Menschen aus der Gemeinschaft zusammen und das hat etwas Magisches und Lebensbejahendes an sich.
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Redaktion: Lucas Frye (Paritätische Akademie Berlin)
Foto: Prof. Stapf-Finé (li), Chris Hanway (mi) und Dilek Yüksel (re) – 2022, New York
New York, New York!
Eine Studienreise nach New York zeigt, welche wichtige Bedeutung Peers in der Sozialarbeit haben
Personen mit ähnlichen Erfahrungen oder Hintergründen wie die Zielgruppe, werden unter dem Begriff Peers gefasst. In der sozialen Arbeit fungieren Sie als Unterstützende, Begleitende oder Vorbilder.
Sunita Maria Kumar leitet in Deutschland die Geschäfte beim Zentrum für psychosoziale Gesundheit in Schaumburg (ZePGiS e.V.). In diesem Beitrag berichtet sie über die bedeutsame Arbeit mit Peers in der Sozialarbeit, die sie auf ihrer Reise nach New York City beobachtet hat.
Im Oktober 2024 organisierte die Paritätische Akademie Berlin erneut eine Bildungsreise nach New York. Es haben sich in diesem Jahr 11 Sozialarbeiter:innen in soziale Organisationen vor Ort begeben. Der us-amerikanische Ansatz der Sozialen Arbeit beruht vor allem auf einem Grundsatz: der Stärkung von Communities.
In den USA bewährt – in Deutschland unterschätzt: Das Potenzial der Peers
Nicht jede Person hat Zugang zu den Angeboten der sozialen Arbeit. Dem hinzu kommt der Mangel an Fachkräften sowie die unzureichende Repräsentation von Minderheiten in der Sozialen Arbeit. Peers spielen daher eine entscheidende Rolle, da sie durch ihre eigene Erfahrung näher an den betroffenen Communities sind und diese besser erreichen können.
Das Potenzial der Peers wird in Deutschland nicht ausgeschöpft. Im US-amerikanischen System hat es sich bereits gut als Ausgleich gegen den Fachkräftemangel erwiesen. Doch es ist nicht nur eine Methode, um den Personalmangel abzumildern, sondern auch eine Möglichkeit, die soziale Arbeit vielfältiger, inklusiver und näher an den Bedürfnissen der Communities zu gestalten.
Peers schaffen einen Ausgleich gegen Fachkräftemangel und sorgen für ein inklusiveres Angebot
Peers bringen durch ihre eigene Erfahrung eine besondere Empathie und Authentizität in die Arbeit ein, die herkömmliche Fachkräfte oft nicht in gleichem Maße bieten können. Sie stehen als Gleichgesinnte auf Augenhöhe mit den Betroffenen und schaffen dadurch eine besondere Vertrauensbasis. Diese Art der Unterstützung passt hervorragend in den aktuellen Zeitgeist multiprofessioneller Teams, die verschiedene Perspektiven und Expertisen zusammenbringen, um den bestmöglichen Support zu leisten. In Bereichen wie der psychischen Gesundheit, Suchthilfe oder Obdachlosenhilfe können Peers als wichtige Bindeglieder zwischen den betroffenen Menschen und den professionellen Fachkräften agieren.
Durch die Etablierung von Peers als professionelle Unterstützung können vorhandene Sozialarbeiter:innen entlastet werden. Die Peer-Spezialisten arbeiten eng mit Fachkräften zusammen, bieten aber eine zusätzliche Dimension der Betreuung, die auf Gleichwertigkeit und Augenhöhe beruht.
Unterstützung mit Perspektive und auf Augenhöhe: Beispiele aus New York City
Den Zugang zu psychischer Gesundheitsversorgung in der gesamten Stadt New York fördert die Organisation NYC Mayor’s Office of Community Mental Health. Peer-Arbeit ist ein integraler Bestandteil der Arbeit. Dort werden Peers ausgebildet, die durch ihre Nähe zu den Betroffenen eine wichtige Brückenfunktion zwischen der Community und dem formellen Hilfesystem einnehmen. Das Ziel ist, Menschen so früh wie möglich zu erreichen, bevor Krisen eskalieren. Bei einem Treffen mit einer leitenden Mitarbeiterin des Büros wurde deutlich, wie stark die Arbeit der Organisation auf den Aufbau von Community Resilience abzielt, also der eigenen Widerstandskraft von Gemeinschaften.
Das Programm von Howie the Harp, das die Teilnehmenden ebenfalls auf ihrer Reise kennengelernt haben, vermittelt den Betroffenen nicht nur fachliche Fähigkeiten für einen Einstieg ins Arbeitsleben, sondern legt großen Wert auf Soft Skills wie Kommunikation und Selbstorganisation. Wichtiger Bestandteil des Programms ist die ‚Housing First Culture‘ – ein Konzept, das ein sicheres Zuhause als Basis für Heilung und langfristige Stabilität betrachtet.
Auch viele Peers befinden sich in prekären Lebenslagen, beziehen geringe staatliche Unterstützung oder haben ein sehr niedriges Einkommen. Das Training selbst erfordert ein hohes Zeitaufwand. Trotzdem ist die Erfolgsgeschichte des Programms beeindruckend: Viele der angehenden Peer-Spezialist:innen schaffen das Ausbildungsprogramm. Die Absolvent:innen haben dann die Möglichkeit, nach einem Praktikum als Peer-Spezialist:innen in verschiedenen sozialen Feldern zu arbeiten.
Die Lage in Deutschland
Zwar gibt es erste Fortschritte, doch das Potenzial bleibt weitgehend ungenutzt – die Peer-Arbeit findet in Deutschland noch immer nur in Nischen statt.
Zum Beispiel bieten die Ergänzenden Unabhängigen Teilhabeberatungen (EUTBs) Menschen mit Behinderungen und ihren Angehörigen „niederschwellige“ Beratungen an, die oft von Peers durchgeführt werden. Diese Beratungsstellen sind ein Beispiel dafür, wie Menschen mit eigener Erfahrung anderen als Berater:innen zur Seite stehen und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben fördern.
Auch in der Suchthilfe hat sich der Einsatz von Peer-Arbeit bewährt. Ebenso gibt es in der (Sozial-)Psychiatrie bereits Ansätze, bei denen Peers durch Weiterbildungen wie ExIn (Experienced Involvement) professionell qualifiziert werden, um Menschen mit psychischen Erkrankungen zu unterstützen.
Ein weiterer innovativer Ansatz ist die Integration von Ergotherapeut:innen und Physiotherapeut:innen, um auch Menschen mit Obdachlosigkeit besser zu erreichen und zu unterstützen.
Fazit
Die Einführung und Vertiefung von Peer-Programmen in Deutschland könnte einen Durchbruch für eine inklusivere und effektivere Sozialarbeit darstellen. Es bleibt zu hoffen, dass der Peer-Support hierzulande nicht nur als Randphänomen behandelt wird, sondern sich zu einem integralen Bestandteil des sozialen Hilfesystems entwickelt.
Ein Bericht von Sunita Maria Kumar (Sozial- und Organisationspädagogin M.A., Geschäftsleitung ZePGiS e.V. – www.zepgis.de )
Impressionen der New York Reise:




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Redaktion: Julia Mann & Lucas Frye (Paritätische Akademie Berlin )
Foto im Titelbild: Pexels
Sozialarbeit in New York City. Aktuelle Einblicke in die US-amerikanische Sozialarbeit
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