Maga­zin

Was bedeu­tet sozia­le Ungleich­heit, Dr. Rocío Vera San­tos?

April 2026

Was bedeutet soziale Ungleichheit, Dr. Vera Santos?

Im Inter­view mit unse­rer Dozen­tin Dr. Rocío Vera San­tos

Frau Dr. Vera San­tos, Sie leh­ren sowohl in den Bache­lor­stu­di­en­gän­gen Sozia­le Arbeit und Heil­päd­ago­gik als auch im Mas­ter­stu­di­en­gang Sozi­al­ma­nage­ment. Wor­um geht es in Ihrem Fach­ge­biet?

Mein Fach­ge­biet ist die Sozio­lo­gie mit dem Schwer­punkt Sozia­le Ungleich­heit, Ras­sis­mus, Gen­der- und Eth­ni­ci­ty Stu­dies.


Was bedeu­tet sozia­le Ungleich­heit? 

Sozia­le Ungleich­heit ist ein mul­ti­di­men­sio­na­les und struk­tu­rel­les Phä­no­men. Sie bezeich­net die Dis­pa­ri­tä­ten zwi­schen sozia­len Grup­pen, die durch eine hier­ar­chi­sche Ord­nung beim Zugang zu Res­sour­cen ent­ste­hen. Die­se gehen über das Öko­no­mi­sche hin­aus und umfas­sen auch poli­ti­sche, sozio­kul­tu­rel­le und öko­lo­gi­sche Dimen­sio­nen.

Womit beschäf­ti­gen Sie sich genau?

Ich unter­su­che sozia­le Ungleich­heit als his­to­ri­sches Ergeb­nis von Kolo­nia­lis­mus, Ver­skla­vung und dem trans­at­lan­ti­schen Skla­ven­han­del sowie als Fol­ge bis heu­te fort­be­stehen­der und trans­na­tio­nal ver­floch­te­ner Macht­ver­hält­nis­se, Macht­struk­tu­ren und Mecha­nis­men des Aus­schlus­ses (z. B. sozia­le Stra­ti­fi­ka­tio­nen, Dis­kur­se und recht­li­che Rah­men­beding­ungen). Dar­über hin­aus beschäf­ti­ge ich mich mit For­men des Wider­stands, Pro­zes­sen der Iden­ti­täts­stär­kung sowie mit Fra­gen der Repa­ra­ti­on und der Aner­ken­nung afri­ka­ni­scher und indi­ge­ner Wis­sens­for­men.

Wie sind Sie zu die­sem Gebiet gekom­men und was genau inter­es­siert Sie?

Ich bin wäh­rend mei­ner Pro­mo­ti­on und mei­nes Post­docs am Latein­ame­ri­ka-Insti­tut zu die­sem The­men­feld gekom­men, als ich begann, mich inten­si­ver mit Fra­gen sozia­ler Ungleich­heit, Kolo­ni­al­ge­schich­te und Ras­sis­mus in Latein­ame­ri­ka zu beschäf­ti­gen. Auf der Mikroebe­ne habe ich ins­be­son­de­re die Kon­struk­ti­on von Afro-Bezir­ken in urba­nen Kon­tex­ten unter­sucht, wobei ich die Rol­le von Frau­en, Reli­gi­on, tra­di­tio­nel­les Wis­sen, Eth­no­bil­dung und Gemein­we­sen­ar­beit beson­ders berück­sich­tigt habe. 

Spä­ter habe ich mei­ne For­schung auf struk­tu­rel­len Ras­sis­mus und insti­tu­tio­nel­le Dis­kri­mi­nie­rung in Bildungs‑, Jus­tiz- und Gesund­heits­be­rei­chen aus­ge­rich­tet. Der­zeit unter­su­che ich die Zusam­men­hän­ge zwi­schen Umwelt-Ras­sis­mus, ras­sis­ti­schem Kapi­ta­lis­mus und den glo­ba­len Ver­flech­tun­gen. 

Mein Anspruch ist es,

Stu­die­ren­de dazu zu befä­hi­gen, sozia­le Gerech­tig­keit, Teil­ha­be und inklu­si­ve Unter­stüt­zungs­sys­te­me sowohl ana­ly­tisch zu ver­ste­hen als auch in pro­fes­sio­nel­len Hand­lungs­fel­dern umzu­set­zen.

Dr. Rocío Vera San­tos

War­um ist es wich­tig, die­ses Feld in der Sozia­len Arbeit zu leh­ren? 

Wie Sie wis­sen, weist das Stu­di­um der Sozia­len Arbeit eine aus­ge­präg­te pra­xis­ori­en­tier­te Dimen­si­on auf. Ich habe in Ber­lin vie­le Jah­re in sozia­len Orga­ni­sa­tio­nen gear­bei­tet, die Migrant*innen, Geflüch­te­te, Frau­en und – in letz­ter Zeit – auch Men­schen mit kör­per­li­chen oder kogni­ti­ven Behin­de­run­gen unter­stüt­zen.

Ich ver­su­che in mei­nen Lehr­ver­an­stal­tun­gen, Stu­die­ren­de an die Lebens­rea­li­tä­ten die­ser vul­ner­ablen Grup­pen her­an­zu­füh­ren. Dabei wen­de ich sozio­lo­gi­sche Theo­rien an, um sozia­le Phä­no­me­ne bes­ser ver­ständ­lich zu machen und zugleich für deren gesell­schaft­li­che Bedeu­tung zu sen­si­bi­li­sie­ren.

Wie kann man sich den Unter­richt bei Ihnen vor­stel­len?

In mei­ner Lehr­tä­tig­keit arbei­te ich inter­dis­zi­pli­när. Ich unter­rich­te Semi­na­re in den Berei­chen Sozi­al­wirt­schaft, Sozi­al­ma­nage­ment, Sozio­lo­gie und For­schungs­me­tho­den, hal­te Vor­le­sun­gen zum sozia­len Wan­del im inter­na­tio­na­len Ver­gleich und bie­te Wahl­mo­du­le zu Gen­der und Diver­si­tät an.

Ein zen­tra­ler Schwer­punkt mei­ner Leh­re liegt auf den The­men Migra­ti­on, Flucht, sozia­le Ungleich­heit, Inter­sek­tio­na­li­tät, Gewalt, Dis­kri­mi­nie­rung und Ras­sis­mus sowie auf Fra­gen des Zusam­men­le­bens, der Kon­vi­via­li­tät und des Empowerm­ents von Min­der­hei­ten. 

Ziel mei­ner Leh­re ist es, Stu­die­ren­de für die kom­ple­xen Lebens­la­gen von Men­schen in pre­kä­ren sozia­len Situa­tio­nen zu sen­si­bi­li­sie­ren und ihnen fun­dier­te Kennt­nis­se über die struk­tu­rel­len Bedin­gun­gen sozia­ler Ungleich­hei­ten zu ver­mit­teln. Dazu gehö­ren auch die Wech­sel­wir­kun­gen mit lokal-glo­ba­len Macht­ver­hält­nis­sen, Rechts­ord­nun­gen und orga­ni­sa­tio­na­len Prak­ti­ken zu ver­mit­teln.

Dabei lege ich beson­de­ren Wert dar­auf, zen­tra­le sozi­al­wis­sen­schaft­li­che Kon­zep­te theo­rie­ge­lei­tet und zugleich pra­xis­nah zu ver­mit­teln. Mein Anspruch ist es, Stu­die­ren­de dazu zu befä­hi­gen, sozia­le Gerech­tig­keit, Teil­ha­be und inklu­si­ve Unter­stüt­zungs­sys­te­me sowohl ana­ly­tisch zu ver­ste­hen als auch in pro­fes­sio­nel­len Hand­lungs­fel­dern umzu­set­zen.

Was möch­ten Sie den Stu­die­ren­den wei­ter­ge­ben? Wel­chen Ansatz ver­fol­gen Sie?

In mei­ner Leh­re arbei­te ich vor allem mit post­ko­lo­nia­len und deko­lo­nia­len Ansät­zen sowie mit Per­spek­ti­ven des Black Femi­nism. Ich ermu­ti­ge die Stu­die­ren­den, eine reflek­tier­te, ana­ly­ti­sche und zugleich femi­nis­ti­sche, anti­ras­sis­ti­sche und anti­dis­kri­mi­nie­ren­de Hal­tungzu ent­wi­ckeln. Über den Tel­ler­rand hin­aus­zu­bli­cken heißt, Autor*innen aus dem Glo­ba­len Süden zu lesen und damit neue Per­spek­ti­ven ken­nen­zu­ler­nen.

Ich lege außer­dem gro­ßen Wert auf Inklu­si­on und den Respekt vor Viel­falt sowie auf die För­de­rung sozia­ler Pro­jek­te, die die indi­vi­du­el­len Bedürf­nis­se vul­nerabler Men­schen berück­sich­ti­gen. Auch unter dem Gesichts­punkt der Inter­sek­tio­na­li­tät.


Wor­auf freu­en Sie sich beson­ders in Ihrer Lehr­tä­tig­keit an der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie Ber­lin?

Ich freue mich beson­ders auf die Stu­die­ren­den, da die Mehr­heit über umfang­rei­che Berufs­er­fah­rung und prak­ti­sches Wis­sen im Bereich der Sozia­len Arbeit oder der Päd­ago­gik ver­fügt. Vie­le von ihnen haben Füh­rungs­po­si­tio­nen inne und arbei­ten in öffent­li­chen oder pri­va­ten sozia­len Ein­rich­tun­gen. Eini­ge absol­vie­ren zudem ein Zweit­stu­di­um. Dadurch ist das Niveau und die Betei­li­gung in den Lehr­ver­an­stal­tun­gen sehr hoch, was unse­re Dis­kus­sio­nen sehr berei­chert.

Mei­ne Lehr­ver­an­stal­tun­gen gestal­te ich inklu­siv und lege gro­ßen Wert dar­auf, zu einer posi­ti­ven und respekt­vol­len Lernat­mo­sphä­re bei­zu­tra­gen. Mein Ziel ist es, dass die Stu­die­ren­den an jeder Sit­zung aktiv teil­neh­men. Ihre Mei­nun­gen, Kennt­nis­se und Erfah­run­gen sind mir sehr wich­tig. Die Sit­zun­gen sind eine Zeit des gemein­sa­men Ler­nens.

Die Atmo­sphä­re an der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie ist sehr ange­nehm und för­der­lich für das Ler­nen. Wenn Lei­den­schaft für die Leh­re vor­han­den ist, fließt vie­les ganz von selbst – und genau das macht den Aus­tausch mit den Stu­die­ren­den so berei­chernd.


Zur Person:

Dr. Rocío Vera San­tos 

Asso­zi­ier­te Wis­sen­schaft­le­rin, Latein­ame­ri­ka-Insti­tut, Freie Uni­ver­si­tät Ber­lin

Schwer­punk­te:

  • Sozia­le Ungleich­hei­ten
  • Ras­sis­mus, Anti­ras­sis­mus
  • Dis­kri­mi­nie­rung
  • Migra­ti­on
  • Men­schen­rech­te
  • Gen­der and Diver­si­ty Stu­dies
  • Black Stu­dies

Dr. Vera San­tos ist Dozen­tin an der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie Ber­lin in den Koope­ra­ti­ons­stu­di­en­gän­gen Sozia­le Arbeit (B.A) und Heil­päd­ago­gik (B.A.) mit der Hoch­schu­le für Sozia­le Arbeit und Päd­ago­gik HSAP und dem Koope­ra­ti­ons­stu­di­en­gang Sozi­al­ma­nage­ment (M.A.) mit der Ali­ce Salo­mon Hoch­schu­le Ber­lin.

Ihr Buch „Diná­mi­cas de la negri­tud y afri­ca­ni­dad. Con­s­truc­cio­nes de la afro­de­s­cen­den­cia en Ecua­dor“ wur­de 2016 mit dem Isa­bel Tobar Guar­de­ras-Preis aus­ge­zeich­net. Ihr zwei­tes Buch „Ent­re el Atlán­ti­co y el Pací­fi­co Negro. Afro­de­s­cen­den­cia y regí­me­nes de desi­gu­aldad en Suda­mé­ri­ca“ (mit Ser­gio Cos­ta und Manu­el Gón­go­ra) erhielt 2021 den LASA Ibe­ro­ame­ri­ca­no Book Award der Latin Ame­ri­can Stu­dies Asso­cia­ti­on.

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Redak­ti­on: Julia Mann (Pari­tä­ti­sche Aka­de­mie Ber­lin)

Foto: Rocío Vera San­tos