Was bedeutet soziale Ungleichheit, Dr. Vera Santos?
Im Interview mit unserer Dozentin Dr. Rocío Vera Santos
Frau Dr. Vera Santos, Sie lehren sowohl in den Bachelorstudiengängen Soziale Arbeit und Heilpädagogik als auch im Masterstudiengang Sozialmanagement. Worum geht es in Ihrem Fachgebiet?
Mein Fachgebiet ist die Soziologie mit dem Schwerpunkt Soziale Ungleichheit, Rassismus, Gender- und Ethnicity Studies.
Was bedeutet soziale Ungleichheit?
Soziale Ungleichheit ist ein multidimensionales und strukturelles Phänomen. Sie bezeichnet die Disparitäten zwischen sozialen Gruppen, die durch eine hierarchische Ordnung beim Zugang zu Ressourcen entstehen. Diese gehen über das Ökonomische hinaus und umfassen auch politische, soziokulturelle und ökologische Dimensionen.
Womit beschäftigen Sie sich genau?
Ich untersuche soziale Ungleichheit als historisches Ergebnis von Kolonialismus, Versklavung und dem transatlantischen Sklavenhandel sowie als Folge bis heute fortbestehender und transnational verflochtener Machtverhältnisse, Machtstrukturen und Mechanismen des Ausschlusses (z. B. soziale Stratifikationen, Diskurse und rechtliche Rahmenbedingungen). Darüber hinaus beschäftige ich mich mit Formen des Widerstands, Prozessen der Identitätsstärkung sowie mit Fragen der Reparation und der Anerkennung afrikanischer und indigener Wissensformen.
Wie sind Sie zu diesem Gebiet gekommen und was genau interessiert Sie?
Ich bin während meiner Promotion und meines Postdocs am Lateinamerika-Institut zu diesem Themenfeld gekommen, als ich begann, mich intensiver mit Fragen sozialer Ungleichheit, Kolonialgeschichte und Rassismus in Lateinamerika zu beschäftigen. Auf der Mikroebene habe ich insbesondere die Konstruktion von Afro-Bezirken in urbanen Kontexten untersucht, wobei ich die Rolle von Frauen, Religion, traditionelles Wissen, Ethnobildung und Gemeinwesenarbeit besonders berücksichtigt habe.
Später habe ich meine Forschung auf strukturellen Rassismus und institutionelle Diskriminierung in Bildungs‑, Justiz- und Gesundheitsbereichen ausgerichtet. Derzeit untersuche ich die Zusammenhänge zwischen Umwelt-Rassismus, rassistischem Kapitalismus und den globalen Verflechtungen.
Mein Anspruch ist es,
Studierende dazu zu befähigen, soziale Gerechtigkeit, Teilhabe und inklusive Unterstützungssysteme sowohl analytisch zu verstehen als auch in professionellen Handlungsfeldern umzusetzen.
Dr. Rocío Vera Santos
Warum ist es wichtig, dieses Feld in der Sozialen Arbeit zu lehren?
Wie Sie wissen, weist das Studium der Sozialen Arbeit eine ausgeprägte praxisorientierte Dimension auf. Ich habe in Berlin viele Jahre in sozialen Organisationen gearbeitet, die Migrant*innen, Geflüchtete, Frauen und – in letzter Zeit – auch Menschen mit körperlichen oder kognitiven Behinderungen unterstützen.
Ich versuche in meinen Lehrveranstaltungen, Studierende an die Lebensrealitäten dieser vulnerablen Gruppen heranzuführen. Dabei wende ich soziologische Theorien an, um soziale Phänomene besser verständlich zu machen und zugleich für deren gesellschaftliche Bedeutung zu sensibilisieren.
Wie kann man sich den Unterricht bei Ihnen vorstellen?
In meiner Lehrtätigkeit arbeite ich interdisziplinär. Ich unterrichte Seminare in den Bereichen Sozialwirtschaft, Sozialmanagement, Soziologie und Forschungsmethoden, halte Vorlesungen zum sozialen Wandel im internationalen Vergleich und biete Wahlmodule zu Gender und Diversität an.
Ein zentraler Schwerpunkt meiner Lehre liegt auf den Themen Migration, Flucht, soziale Ungleichheit, Intersektionalität, Gewalt, Diskriminierung und Rassismus sowie auf Fragen des Zusammenlebens, der Konvivialität und des Empowerments von Minderheiten.
Ziel meiner Lehre ist es, Studierende für die komplexen Lebenslagen von Menschen in prekären sozialen Situationen zu sensibilisieren und ihnen fundierte Kenntnisse über die strukturellen Bedingungen sozialer Ungleichheiten zu vermitteln. Dazu gehören auch die Wechselwirkungen mit lokal-globalen Machtverhältnissen, Rechtsordnungen und organisationalen Praktiken zu vermitteln.
Dabei lege ich besonderen Wert darauf, zentrale sozialwissenschaftliche Konzepte theoriegeleitet und zugleich praxisnah zu vermitteln. Mein Anspruch ist es, Studierende dazu zu befähigen, soziale Gerechtigkeit, Teilhabe und inklusive Unterstützungssysteme sowohl analytisch zu verstehen als auch in professionellen Handlungsfeldern umzusetzen.
Was möchten Sie den Studierenden weitergeben? Welchen Ansatz verfolgen Sie?
In meiner Lehre arbeite ich vor allem mit postkolonialen und dekolonialen Ansätzen sowie mit Perspektiven des Black Feminism. Ich ermutige die Studierenden, eine reflektierte, analytische und zugleich feministische, antirassistische und antidiskriminierende Haltung zu entwickeln. Über den Tellerrand hinauszublicken heißt, Autor*innen aus dem Globalen Süden zu lesen und damit neue Perspektiven kennenzulernen.
Ich lege außerdem großen Wert auf Inklusion und den Respekt vor Vielfalt sowie auf die Förderung sozialer Projekte, die die individuellen Bedürfnisse vulnerabler Menschen berücksichtigen. Auch unter dem Gesichtspunkt der Intersektionalität.
Worauf freuen Sie sich besonders in Ihrer Lehrtätigkeit an der Paritätischen Akademie Berlin?
Ich freue mich besonders auf die Studierenden, da die Mehrheit über umfangreiche Berufserfahrung und praktisches Wissen im Bereich der Sozialen Arbeit oder der Pädagogik verfügt. Viele von ihnen haben Führungspositionen inne und arbeiten in öffentlichen oder privaten sozialen Einrichtungen. Einige absolvieren zudem ein Zweitstudium. Dadurch ist das Niveau und die Beteiligung in den Lehrveranstaltungen sehr hoch, was unsere Diskussionen sehr bereichert.
Meine Lehrveranstaltungen gestalte ich inklusiv und lege großen Wert darauf, zu einer positiven und respektvollen Lernatmosphäre beizutragen. Mein Ziel ist es, dass die Studierenden an jeder Sitzung aktiv teilnehmen. Ihre Meinungen, Kenntnisse und Erfahrungen sind mir sehr wichtig. Die Sitzungen sind eine Zeit des gemeinsamen Lernens.
Die Atmosphäre an der Paritätischen Akademie ist sehr angenehm und förderlich für das Lernen. Wenn Leidenschaft für die Lehre vorhanden ist, fließt vieles ganz von selbst – und genau das macht den Austausch mit den Studierenden so bereichernd.
Zur Person:
Dr. Rocío Vera Santos
Assoziierte Wissenschaftlerin, Lateinamerika-Institut, Freie Universität Berlin
Schwerpunkte:
- Soziale Ungleichheiten
- Rassismus, Antirassismus
- Diskriminierung
- Migration
- Menschenrechte
- Gender and Diversity Studies
- Black Studies
Dr. Vera Santos ist Dozentin an der Paritätischen Akademie Berlin in den Kooperationsstudiengängen Soziale Arbeit (B.A) und Heilpädagogik (B.A.) mit der Hochschule für Soziale Arbeit und Pädagogik HSAP und dem Kooperationsstudiengang Sozialmanagement (M.A.) mit der Alice Salomon Hochschule Berlin.
Ihr Buch „Dinámicas de la negritud y africanidad. Construcciones de la afrodescendencia en Ecuador“ wurde 2016 mit dem Isabel Tobar Guarderas-Preis ausgezeichnet. Ihr zweites Buch „Entre el Atlántico y el Pacífico Negro. Afrodescendencia y regímenes de desigualdad en Sudamérica“ (mit Sergio Costa und Manuel Góngora) erhielt 2021 den LASA Iberoamericano Book Award der Latin American Studies Association.
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Redaktion: Julia Mann (Paritätische Akademie Berlin)
Foto: Rocío Vera Santos