Von der Pflege bis zur Jugendhilfe:
Praxisbeispiele für erfolgreiches Wirkungsmanagement
Wie können wir die Wirkung Sozialer Arbeit besser darstellen und was bringt das? In diesem Beitrag berichten uns drei engagierte Menschen aus der Praxis darüber, wie Sie Wirkungsmanagement in ihrem Arbeitsbereich mit Erfolg anwenden. Vom Ehrenamt in Pflegewohngemeinschaften bis hin zu nachhaltiger Jugendhilfe.
Marie Schäffler, Katja Witteck (Projektkoordinatorinnen bei der Vertrauensstelle) und Christoph Bohne (sozialpädagogische Fachkraft Jugendhilfe & Teamleitung Schulsozialarbeit beim Kreativitätsschulzentrum Berlin) haben durch den Zertifikatskurs in Wirkungsmanagement ihre Projekte geschärft, neue Zielgruppen erreicht und Engagement sichtbar gemacht haben. Was das für ihren Arbeitsalltag konkret bedeutete, erzählen Sie uns in diesem Interview.
Warum ein Zertifikatskurs? Motivation für Wirkungsmanagement
Was hat Sie motiviert, sich intensiver mit Wirkungsmanagement zu beschäftigen?
Christoph Bohne: Mich hat besonders interessiert, wie man Angebote und Prozesse so steuern kann, dass sie unter begrenzten Ressourcen möglichst effektiv wirken.
Marie Schäffler & Katja Witteck: Die Nennung reiner Kennzahlen sagt zwar viel über den Aufwand der Projekte in der sozialen Arbeit aus, gibt aber in Bezug auf das gewünschte Ergebnis oft ein schwaches Bild ab, da die tatsächliche Wirkung oftmals nicht sichtbar wird. Wir wollten lernen, wie man das besser darstellen kann.
Engagement für eine gute Pflege und kreative Kinder- und Jugendhilfe
Worum geht es in Ihren Projekten und was sollen Sie bewirken?
Marie Schäffler und Katja Witteck: Unser Projekt widmet sich der Frage, wie gesellschaftliche Teilhabe und soziale Kontakte für die WG Bewohner:innen einer Pflegewohngemeinschaft gefördert werden können. Hierfür möchten wir, neben der guten Bindung zu Pflegediensten, Menschen für ein Ehrenamt als Vertrauensperson begeistern. Dazu braucht es engagierte Personen, offene Pflegewohngemeinschaften, interessierte Mitarbeitende in Pflegediensten sowie eine zugewandte Verwaltung und Politik.
Langfristig möchten wir ein System etablieren, das Sozialraumintegration und Teilhabe strukturell mitdenkt. Nicht nur optional, sondern als Teil guter Pflege. Wir versuchen, allen Beteiligten mit unseren Angeboten gerecht zu werden, durch Beratung, Vermittlung, Begleitung, Austausch und Schulungen.
Christoph Bohne: Wir engagieren uns für ganzheitliche, kreative Kinder- und Jugendhilfe sowie Bildung. Unser Ziel ist es, junge Menschen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und Selbstständigkeit zu fördern. In meiner Rolle gestalte ich pädagogische Prozesse und Resonanzräume für Jugendliche und begleite gleichzeitig Mitarbeitende in ihrer Entwicklung.
Mit welchen Vorkenntnissen starteten Sie den Kurs und was haben Sie im Laufe der Weiterbildung gelernt?
Christoph Bohne: Ich hatte bereits erste Berührungspunkte, zum Beispiel im Rahmen von Hilfeplanung oder Qualitätsentwicklung. Das Thema tauchte auch immer wieder in Literatur und Fortbildungen auf.
Ich habe gelernt, vor der Umsetzung bewusst einen Schritt zurückzutreten und eine strategische Perspektive einzunehmen. Wirkung zeigt sich nicht nur in Endergebnissen, sondern beginnt bereits im Alltagsprozess.
Marie Schäffler und Katja Witteck: Wir hatten bereits die Broschüre gelesen und auch in anderen Projekten das Thema Wirkung beleuchtet. Die intensive Auseinandersetzung im Kurs war ein großer Gewinn. Wir sind weiterhin dabei, wurden in vielen bereits gegangenen Schritten bestätigt, haben Neues gelernt und uns weiterentwickelt.
Wirkungsmanagement ist zeitintensiv und erfordert Kraft. Manchmal ist es bedauerlich, dass diese Energie nicht direkt in die Arbeit mit den Menschen fließt. Auf der anderen Seite ist es wichtig und richtig, die wertvolle Arbeit, die von so vielen Akteur:innen der sozialen Arbeit – besonders durch freiwillig Engagierte – geleistet wird, sichtbar und greifbar zu machen
Wie haben Sie das Wissen über Wirkungsmanagement im Zertifikatskurs konkret in Ihrer Arbeit umgesetzt?
Marie Schäffler und Katja Witteck: Wir wollten die Aufgabe und das Profil unseres Projekts schärfen und dabei von Anfang an auch die Wirkung mitdenken und planen. Genau das haben wir im Kurs gemacht.
Christoph Bohne: Ich habe eine vollständige Wirkungstreppe für die regelmäßige Gruppenrunde und Projektplanung in der Jugendwohngruppe entwickelt. Sie hilft mir dabei, mein pädagogisches Handeln gezielter zu planen und zu reflektieren. Die Kursstruktur war gut in meinen Arbeitsalltag integrierbar. Zusätzlich konnte ich das Gelernte auf andere Formate übertragen – sogar im privaten Kontext, etwa in meinem Engagement als Vereinsvorsitzender eines Fußballvereins.
Marie Schäffler und Katja Witteck: Es fühlte sich nicht wie ein zusätzliches Thema an, sondern wie eine fachliche Unterstützung durch ein erweitertes Team. Das Wirkungsmanagement hat nicht nur unser Projekt gestärkt, sondern auch unsere Rolle als Koordinatorinnen verändert: Wir fühlen uns sicherer darin, unsere Arbeit strategisch zu reflektieren und sichtbar zu machen.
„Ich habe gelernt, vor der Umsetzung bewusst einen Schritt zurückzutreten und eine strategische Perspektive einzunehmen. Wirkung zeigt sich nicht nur in Endergebnissen, sondern beginnt bereits im Alltagsprozess.“ Christoph Bohne
Erfolg durch Wirkungsmanagement: Neue Zielgruppen und Auszeichnungen
Marie Schäffler & Katja Witteck: Ein konkretes Erfolgserlebnis war, dass wir durch das Wirkungsmanagement unser Selbstverständnis neu geschärft und dadurch eine zusätzliche Zielgruppe definieren konnten. Das hat uns gezeigt, wo unser Output besonders großflächig wirken kann und welche Netzwerkpartner wir für die nächsten Schritte brauchen. So konnten wir das Projekt gezielt neu ausrichten und erste Unterstützer gewinnen, die uns helfen, über unsere Kernzielgruppe hinauszuwachsen.
Christoph Bohne: Ein besonderes Highlight war, dass unser Engagement durch das KIJUNA-Siegel ausgezeichnet wurde – eine Anerkennung für nachhaltige Projekte, die Partizipation und Bildung miteinander verbinden (mehr lesen) .
Denn durch gezielte Beteiligungsformate und die verstärkte Einbeziehung der Perspektiven der Jugendlichen konnten wir das Projekt „Rummelwasser – Bildung für nachhaltige Entwicklung“ umsetzen.
Ausgangspunkt war eine gemeinsame Reflexion über den Wasserverbrauch in unserer Wohngruppe – von der Dusche bis zum Abwasch. Die Jugendlichen recherchierten zum Wasserfußabdruck von Lebensmitteln, diskutierten über nachhaltigen Einkauf und Konsum, Fast Fashion, Wasserkreislauf und Trinkwasserqualität in Berlin. Sie hinterfragten ihr eigenes Einkaufsverhalten, machten Vorschläge für einen bewussteren Umgang mit Kleidung, produzierten kurze Clips zum Thema Wasser und Nachhaltigkeit und überlegten, wie man WG-Alltag und Klimabewusstsein besser verbinden kann.


So wurde deutlich, wie Wirkungsorientierung praktisch greifbar wird: von der Alltagsbeobachtung über gemeinsame Projektplanung bis hin zu echten Veränderungen im Denken und Handeln der Jugendlichen. Ziel war es die Haltung zu entwickeln, das jede:r wichtig ist einen kleinen Beitrag zu leisten um so einen Unterschied auszumachen.
Vielen Dank für das Interview!
Christoph Bohne, Sozialpädagogische Fachkraft Jugendhilfe & Teamleitung Schulsozialarbeit (Website)
Katja Witteck & Marie Schäffler, Projektkoordinatorinnen bei Vertrauensstelle Berlin (Website)
In Ihrem Projekt fehlt noch das richtige Wirkungsmanagement? Erfahren Sie im Zertifikatskurs, wie Sie es anwenden!
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Redaktion: Julia Mann (Paritätische Akademie Berlin)
Foto im Titelbild: Marie Schäffler und Katja Witteck (Foto: Kristina Kast)
Beitragsfotos: Dokumentation „Rummelwasser – Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (Foto: Christoph Bohne)
Einführung in die Wirkungsorientierung
Online-Seminar
kostenfrei für Berliner Mitglieder
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„Starre Hierarchien sind ungesund – und führen zu keinen Lösungen“
Was passiert in der Arbeitswelt, wenn wir Führung von Grund auf anders gestalten? – und warum das vor allem für soziale Organisationen gut ist.
Radikal kooperativ! Das ist der Gegenentwurf zu einer Führungskultur, die Menschen nur ausbrennt. Die drei Trainerinnen Dr. Ute Schürings, Elena Schmitz und Katja Günther nennen es „Partizipative Führung“.
Wer führen will, muss allein entscheiden, sich auch mal über andere hinwegsetzen und den Kurs halten? Dieses Führungsbild hat Risse bekommen – und es eignet sich für den sozialen Bereich absolut nicht. Besonders dort, wo starre Hierarchien dominieren, hat dies Nachteile für vor allem für Menschen, die diesen vermeintlich männlich assoziierten Eigenschaften nicht entsprechen. In solchen Strukturen werden sie häufig weniger gehört und ernst genommen. Denn Macht und Abgrenzung regieren hier oft stärker als Offenheit und Vertrauen.
Gerade im sozialen Bereich, wo Überengagement und Selbstaufopferung verbreitet sind, führt dieser Druck nicht selten in die Erschöpfung. Wer dauerhaft über die eigenen Grenzen geht, verliert das Gespür für die Balance – und fürs Team. Dabei braucht es genau das: Führung, die sich traut, Schwächen zu zeigen, Verantwortung zu teilen und Räume zu schaffen, in denen alle sich beteiligen können.
Statt Burnout – Kreatives Potenzial entfachen
„Ich war extrem überengagiert“, erzählt Katja Günther. Ihr Burnout wurde zur Zäsur. Heute coacht sie Wissenschaftlerinnen und bringt Psychologie mit Strukturarbeit zusammen. Ihre Mission: „Ein Team so aufstellen, dass man sich auch gegenseitig schützt – vor Überforderung und vor der Vorstellung, alles allein tragen zu müssen.“
Auch Elena Schmitz kennt dieses System von innen – und hat es bewusst verlassen. „Ich war genau ein Jahr angestellt. Danach war klar: Starre Hierarchien sind nicht mein Ding.“ Heute gestaltet sie Formate, die Vertrauen ermöglichen – und die kreativen Potenziale entfalten. Ihre Mission: Alle Mitarbeitenden dabei zu unterstützen, die eigenen Potenziale selbst zu sehen, zu schätzen und weiterzuentwickeln.
Dr. Ute Schürings hat in ihrer Laufbahn als Lehrbeauftragte an der Universität gelernt, dass Beteiligung auch bedeutet, Unterschiede auszuhalten. „Ob Stadt-Land-Gefälle oder kulturelle Differenzen – es geht immer um Zuhören. Und darum, von der eigenen Idee wieder abrücken zu können.“
Was sie gemeinsam entwickelt haben, ist ein Werkzeugkasten für echte Teamarbeit. Mit ihren Kursen – unter anderem für die Paritätische Akademie (mehr Infos) – begleiten sie Leitungskräfte in sozialen Trägern auf dem Weg zu mehr Beteiligung.
Ihre Devise lautet:
Echte Lösungen entstehen nicht im Alleingang, sondern in Verbindung
Dabei geht es um die Verbindung mit anderen, aber auch mit sich selbst. Das beginnt bei scheinbar simplen Dingen wie Meetingstrukturen. „Schon die Art, wie ein Gespräch eröffnet wird, verändert alles“, sagt Katja Günther. Ein kurzer Check-in – wie geht’s dir heute wirklich? – könne den Unterschied machen.
Vertrauen ist die Grundlage dafür, dass Menschen Risiken eingehen.
Was vielleicht banal klingt, hat eine tiefere Wirkung: Wer seine aktuelle Lage benennen darf, bringt sich danach klarer ein. Es entsteht psychologisches Vertrauen. Und Vertrauen ist die Grundlage dafür, dass Menschen Risiken eingehen – etwa eine neue Idee äußern oder einen Fehler zugeben, ohne Angst vor Sanktionen.
„Was ist, darf sein – und was sein darf, kann sich verändern“, ist eines der Lieblingssätze des Trios. Dahinter steht der Anspruch, zuerst die Realität anzunehmen, bevor man sie verbessern will. Werden Unsicherheiten, Bedürfnisse und Grenzen sichtbar gemacht, entstehen oft kreative Wege, wie man mit begrenzten Ressourcen besser umgeht – ohne dass Einzelne ausbrennen. Es geht nicht um erzwungene Harmonie oder Feelgood-Fassade, sondern um Strukturen, die Beteiligung ermöglichen.
Genau deshalb arbeiten die drei viel mit Rollenklarheit, Werten, Gesprächsregeln und partizipativen Formaten zur Lösungsfindung. Ihr gemeinsames Seminar lebt vom erfahrungsbasierten Lernen. Das bedeutet konkret, Dinge auszuprobieren und gemeinsam zu evaluieren, ob sie fürs Team gut funktionieren.
Die Lösungen der Zukunft werden im Team gefunden.
Denn: Ein Team, das seine Bedürfnisse und Spannungen ehrlich reflektieren kann, findet bessere Lösungen, weil es gezielter denkt und sich auf Probleme einlassen kann. Und weil es nicht auf eine Einzelne angewiesen ist, die alles entscheidet. „Die Lösungen der Zukunft werden im Team gefunden“, sagt Elena. Für sie ist das keine Theorie. Es ist gelebte Praxis – und ein Gegenentwurf zum alten Führungsdenken.
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Redaktion: Julia Mann (Paritätische Akademie Berlin)
Foto im Titelbild: Sabine Streckhardt
Partizipative Führung – Teams stärken und Verantwortung teilen
Zertifikatskurs
Ein attraktiver Arbeitgeber werden: Grundlagenseminar für die Sozialwirtschaft
Online-Seminar
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Pflegeeltern gesucht: Was sich in der Pflegekinderhilfe ändern muss
Interview zur Praxisforschung zum Thema Diversität im Rahmen des Masterstudiums Sozialmanagement
Pflegefamilien spiegeln kaum die Vielfalt unserer Gesellschaft wider – das hat Hannah von der Mark als Sozialarbeiterin in Berlin selbst erlebt. Die Absolventin der Paritätischen Akademie Berlin stellt daher in ihrer Masterarbeit die Frage: Wie lassen sich mehr Pflegeeltern of Colour gewinnen? Wie kann Diversity Management in der Pflegekinderhilfe konkret umgesetzt werden?
Dazu befragte Sie Pflegekinder, Pflegeeltern und Fachkräften der Pflegekinderhilfe nach ihren Erfahrungen der mit den Institutionen. Wir haben mit ihr über die Ergebnisse ihrer Untersuchung und ihre Arbeit in der Pflegekinderhilfe gesprochen.
Frau von der Mark, wie ist Ihrer Einschätzung nach die Pflegekinderhilfe aufgestellt, insbesondere in Bezug auf das Thema Diversität?
Hannah von der Mark: Die Pflegekinderhilfe ist gesellschaftlich wie auch in der Sozialen Arbeit ein Nischenbereich, mit dem sich nur sehr wenig befasst wird und der im öffentlichen Diskurs eher negativ behaftet ist. Zu wenige Menschen sind über die Möglichkeit, ein Pflegekind aufzunehmen und was dies in der Realität bedeutet, informiert. Die Kinder, für die eine Pflegefamilie gesucht wird, kommen aus vielen verschiedenen Familien und bringen verschiedene ethnische Identitäten mit. Auf der anderen Seite gibt es jedoch nur sehr wenige Pflegeeltern, die nicht weiß sind.
Um auch BIPoC-Kindern ein Umfeld zu geben, in dem sie sich abgleichen und wiederfinden können, und insgesamt dafür zu sorgen, dass eine Vielfalt an Pflegeeltern zur Verfügung steht, ist es wichtig, auch Communities of Color in Überlegungen zur Ausweitung von Pflegeelternakquise mit einzubeziehen. Bisher passiert dies kaum.
Zu wenige Menschen sind über die Möglichkeit, ein Pflegekind aufzunehmen und was dies in der Realität bedeutet, informiert.
Migrantische und geflüchtete Mütter, insbesondere auch schwarze Frauen, sind oft selbst von institutionellem Rassismus – etwa seitens der Jugendämter – betroffen. (Anmerkung der Redaktion)*
Gut gelungen ist in der Vergangenheit die Aufklärung darüber, dass auch gleichgeschlechtliche Paare sowie andere Menschen aus der LGBTQIA+-Community Pflegeeltern werden können. Es gibt viele gleichgeschlechtliche Paare, die Pflegekinder aufgenommen haben. Ich würde mir wünschen, dass künftig zusätzlich auch Communities of Color erreicht werden können.
Ein häufiges Missverständnis: Pflegekinder müssten ihre Pflegefamilie bald wieder verlassen. Das stimmt nur selten – die meisten bleiben bis zur Volljährigkeit. Dieses Vorurteil schreckt viele Interessierte ab. In Berlin fehlen aktuell rund 700 Pflegefamilien – eine alarmierende Zahl.
Was sind laut Ihrer Untersuchung die größten Herausforderungen? Welche Maßnahmen gibt es, um die Situation zu verbessern?
Hannah von der Mark: Es ist eine gesamtgesellschaftliche Veränderung notwendig statt allein in der Pflegekinderhilfe. Der aktuelle politische Diskurs zum Thema Migration ist von so viel Rassismus und Hass geprägt – da ist es absolut verständlich, dass Menschen mit Migrationsgeschichte allen deutschen Ämtern mit Vorsicht begegnen. Die Pflegekinderhilfe als Institution, die eng mit dem Jugendamt zusammenarbeitet, ist hiervon selbstverständlich mit betroffen. Auch Alltagsrassismus und Mikroaggressionen sind so weit verbreitet, dass es eine nachvollziehbare Sorge ist, diesen auch in Prozessen der Pflegekinderhilfe zu begegnen. Sich dem nicht aussetzen zu wollen, ist sehr verständlich. Ich kann, basierend auf meinen Interviews, auch nicht ausschließen, dass es zu solchen Erfahrungen kommt.
Eine Stärkung der Fachkräfte sowohl der Pflegekinderhilfe als auch des Jugendamtes hinsichtlich einer diskriminierungssensiblen Haltung stellt eine große Herausforderung dar, die beispielsweise mithilfe von Fortbildungen angegangen werden kann.
Was muss sich ändern, um mehr BIPoC-Pflegeeltern zu gewinnen?
Hannah von der Mark: Die Akquise findet zu wenig im öffentlichen Raum statt. In meinen Interviews erhielt ich vor allem die Rückmeldung, dass es an Informationen fehlt.
Mehr Informationen sollten beispielsweise über Plakate oder Social Media verbreitet werden. Letzteres beginnt langsam, jedoch findet auch hier Diversity bisher nur bedingt Einzug. Für eine Plakatkampagne fehlen aktuell – wie überall in der Sozialen Arbeit – die finanziellen Ressourcen.
Wurde das Thema Diversität im Masterstudiengang Sozialmanagement, den sie berufsbegleitend studiert haben, aufgegriffen? Wie hat Ihnen das für Ihr Thema weitergeholfen?
Hannah von der Mark: Ja, es gab ein Modul zum Thema Diversity-Management. Hier erhielt ich einen ersten Einblick in Diversity als Managementaufgabe und konnte meinen Blick für die Herausforderungen diesbezüglich in der Pflegekinderhilfe schärfen. Zudem konnte ich die Expertin, die den Kurs doziert hat, als Erstgutachterin für meine Masterarbeit gewinnen.
Wie geht es jetzt für Sie und Ihren Bereich weiter?
Hannah von der Mark: Die Anregungen und Ideen, die ich in der Masterarbeit gesammelt habe, möchte ich nun umsetzen. Damit möchte ich nachhaltige Veränderungen in meinem Arbeitsbereich erreichen.
Das heißt konkret:
- Communities of Color sowie der LGBTQIA+-Community sollen in die aktuell stattfindende Social-Media-Kampagne aufgenommen werden.
- Fortbildungsprogrammen für Pflegefamilien, die ein BIPoC-Kind aufgenommen haben, sollen das Thema einbeziehen
- Netzwerke für diese Pflegefamilien sollen aufgebaut werden, um die Kinder in der Entwicklung ihrer ethnischen Identität zu stärken.
- Fortbildungsmaßnahmen für die Fachkräfte der Pflegekinderhilfe werden geplant, um die Pflegekinderhilfe so diskriminierungssensibel wie möglich zu gestalten.
Ziel ist es, dass alle Menschen erreicht werden können und wir möglichst viele neue Pflegeeltern akquirieren können. Das wird zwar noch dauern, ich bin jedoch guter Dinge, dass die notwendigen Veränderungen auch durchgeführt werden.
Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg!
Zur Person: Hannah von der Mark (Foto unter dem Text) war als Sozialarbeiterin in der Jugendhilfe tätig. Doch durch ihren Wunsch neben dem Beruf Sozialmanagement zu studieren, suchte sie nach einer neuen Stelle, die mit flexibleren Arbeitszeiten ein berufsbegleitendes Studium ermöglichen könnte. Auf diesem Weg kam sie zu einer Stelle in der Pflegekinderhilfe. In diesem Interview gibt sie Einblicke in die Ergebnisse ihrer umfangreichen Untersuchung des Themas Diversität in diesem Bereich, die sie im Rahmen ihrer Abschlussarbeit an der Paritätischen Akademie Berlin durchführte.

*Hinweis der Redaktion: Das Antidiskriminierungsnetzwerk Berlin (ADNB) bietet Beratung und Unterstützung für Menschen, die rassistische Diskriminierung erfahren haben. Es setzt sich für die soziale, rechtliche und politische Gleichbehandlung ein und fördert eine Antidiskriminierungskultur auf lokaler Ebene. Mehr Infos auf der Website von SEKIS Berlin.
Sie möchten mehr über Pflegeelternschaft in Berlin erfahren? Dann besuchen Sie Pflegekinder Berlin – das Informationsportal für Pflegefamilien auf www.pflegekinder-berlin.de.
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Redaktion: Julia Mann (Paritätische Akademie Berlin)
Foto im Titelbild: Pexels
Foto im Text: Hannah von der Mark
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Was macht ein:e Heilpädagog:in?
Beruf, Aufgaben und Chancen
Heilpädagog:innen werden dringend gebraucht! Du willst wissen, was die Heilpädagogik eigentlich tut? In diesem Beitrag stellen wir den Beruf, Aufgaben und die Chancen eines heilpädagogischen Studiums vor!
Die Heilpädagogik ist ein unglaublich vielseitiges Berufsfeld mit spannenden Einsatzmöglichkeiten. Heilpädagog:innen sind außerdem stark nachgefragt. Hier sind drei besonders interessante Bereiche, die die Bandbreite dieses Berufs verdeutlichen:
Drei spannende Berufsfelder in der Heilpädagogik
Frühförderung und inklusive Pädagogik
In der Frühförderung arbeiten Heilpädagog:innen mit Kleinkindern, die Entwicklungsverzögerungen oder Behinderungen haben. Sie begleiten Kinder in Kitas oder im häuslichen Umfeld, um ihre motorischen, sprachlichen oder sozialen Fähigkeiten gezielt zu fördern. Besonders spannend ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Logopäd:innen, Ergotherapeut:innen und Psycholog:innen.
Heilpädagogische Unterstützung in der Jugend- und Eingliederungshilfe
In der Jugend- und Eingliederungshilfe betreuen Heilpädagog:innen Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit sozialen oder emotionalen Schwierigkeiten. Sie arbeiten z. B. in Wohngruppen, Schulen oder Beratungsstellen und unterstützen Menschen dabei, Konflikte zu bewältigen, soziale Kompetenzen zu stärken und einen stabilen Lebensweg zu finden. Besonders spannend ist hier die individuelle Förderung und die kreative Arbeit mit Theater, Musik oder Erlebnispädagogik.
Heilpädagogische Begleitung in der Arbeit mit älteren Menschen
Auch im Bereich der Gerontopsychiatrie oder in Pflegeeinrichtungen sind Heilpädagog:innen gefragt. Sie begleiten ältere Menschen mit Demenz oder geistigen Beeinträchtigungen, um deren Lebensqualität zu erhalten. Durch kreative und alltagsnahe Methoden wie Biografiearbeit, Musik- oder Kunsttherapie helfen sie, Erinnerungen zu aktivieren, soziale Kontakte zu fördern und das Wohlbefinden zu steigern.
Warum lohnt sich ein Studium in der Heilpädagogik? Vier gute Gründe
Zunahme von Entwicklungs- und Verhaltensauffälligkeiten
Immer mehr Menschen – von der frühen Kindheit bis ins Erwachsenenalter – haben Diagnosen wie Autismus-Spektrum-Störungen (ASS), ADHS, Lernbehinderungen oder psychische Erkrankungen. Sie benötigen heilpädagogische Unterstützung in Schule, Beruf und Alltag.
Inklusion und gesellschaftlicher Wandel
Durch die UN-Behindertenrechtskonvention wächst der Anspruch, Menschen mit Behinderungen in Schule, Beruf und Gesellschaft gleichberechtigt zu integrieren. Heilpädagog:innen spielen eine Schlüsselrolle bei der individuellen Begleitung und Assistenz.
Steigender Unterstützungsbedarf in Krisenzeiten
Pandemie, soziale Unsicherheiten und psychische Belastungen haben zu einem Anstieg von Ängsten, Depressionen und Verhaltensproblemen geführt – sowohl bei Jugendlichen als auch bei Erwachsenen. Heilpädagogische Angebote helfen bei der Bewältigung von Krisen.
Fachkräftemangel in der Sozial- und Heilpädagogik
Ob in Kitas, Schulen, Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen oder in der Erwachsenenbildung – überall fehlen Fachkräfte, die eine individuelle und professionelle Unterstützung leisten können.
Berufsbegleitend studieren – Besonders vorteilhaft!
Was wäre, wenn du oder deine Mitarbeitenden die Chance hätten zu studieren und dabei trotzdem weiter arbeiten könnten? An der Paritätischen Akademie bieten wir den Studiengang Heilpädagogik berufsbegleitend an. Er ist unmittelbar mit einer Berufstätigkeit verknüpft und gut mit damit vereinbar: mit nur wenigen Präsenztagen im Jahr! Viele Inhalte – auch einige Prüfungen – können online absolviert werden.
Wer Mitarbeitende in ihrer Weiterbildung fördert, holt sich Kompetenz ins Team und fördert die Bindung von Fachkräften!
Mehr Infos erhalten Sie auf unserer Website zum Studiengang Heilpädagogik (Bachelor of Arts).
Weiterführende Quellen:
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Verfasserin des Beitrags: Regina Schödl (Paritätischer Landesverband Berlin e. V.)
Redaktion: Julia Mann (Paritätische Akademie Berlin)
Foto im Titelbild: Pexels
Sexualität und Beziehungen – Herausforderungen für junge Menschen mit Behinderungen
Seminar
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New York, New York!
Eine Studienreise nach New York zeigt, welche wichtige Bedeutung Peers in der Sozialarbeit haben
Personen mit ähnlichen Erfahrungen oder Hintergründen wie die Zielgruppe, werden unter dem Begriff Peers gefasst. In der sozialen Arbeit fungieren Sie als Unterstützende, Begleitende oder Vorbilder.
Sunita Maria Kumar leitet in Deutschland die Geschäfte beim Zentrum für psychosoziale Gesundheit in Schaumburg (ZePGiS e.V.). In diesem Beitrag berichtet sie über die bedeutsame Arbeit mit Peers in der Sozialarbeit, die sie auf ihrer Reise nach New York City beobachtet hat.
Im Oktober 2024 organisierte die Paritätische Akademie Berlin erneut eine Bildungsreise nach New York. Es haben sich in diesem Jahr 11 Sozialarbeiter:innen in soziale Organisationen vor Ort begeben. Der us-amerikanische Ansatz der Sozialen Arbeit beruht vor allem auf einem Grundsatz: der Stärkung von Communities.
In den USA bewährt – in Deutschland unterschätzt: Das Potenzial der Peers
Nicht jede Person hat Zugang zu den Angeboten der sozialen Arbeit. Dem hinzu kommt der Mangel an Fachkräften sowie die unzureichende Repräsentation von Minderheiten in der Sozialen Arbeit. Peers spielen daher eine entscheidende Rolle, da sie durch ihre eigene Erfahrung näher an den betroffenen Communities sind und diese besser erreichen können.
Das Potenzial der Peers wird in Deutschland nicht ausgeschöpft. Im US-amerikanischen System hat es sich bereits gut als Ausgleich gegen den Fachkräftemangel erwiesen. Doch es ist nicht nur eine Methode, um den Personalmangel abzumildern, sondern auch eine Möglichkeit, die soziale Arbeit vielfältiger, inklusiver und näher an den Bedürfnissen der Communities zu gestalten.
Peers schaffen einen Ausgleich gegen Fachkräftemangel und sorgen für ein inklusiveres Angebot
Peers bringen durch ihre eigene Erfahrung eine besondere Empathie und Authentizität in die Arbeit ein, die herkömmliche Fachkräfte oft nicht in gleichem Maße bieten können. Sie stehen als Gleichgesinnte auf Augenhöhe mit den Betroffenen und schaffen dadurch eine besondere Vertrauensbasis. Diese Art der Unterstützung passt hervorragend in den aktuellen Zeitgeist multiprofessioneller Teams, die verschiedene Perspektiven und Expertisen zusammenbringen, um den bestmöglichen Support zu leisten. In Bereichen wie der psychischen Gesundheit, Suchthilfe oder Obdachlosenhilfe können Peers als wichtige Bindeglieder zwischen den betroffenen Menschen und den professionellen Fachkräften agieren.
Durch die Etablierung von Peers als professionelle Unterstützung können vorhandene Sozialarbeiter:innen entlastet werden. Die Peer-Spezialisten arbeiten eng mit Fachkräften zusammen, bieten aber eine zusätzliche Dimension der Betreuung, die auf Gleichwertigkeit und Augenhöhe beruht.
Unterstützung mit Perspektive und auf Augenhöhe: Beispiele aus New York City
Den Zugang zu psychischer Gesundheitsversorgung in der gesamten Stadt New York fördert die Organisation NYC Mayor’s Office of Community Mental Health. Peer-Arbeit ist ein integraler Bestandteil der Arbeit. Dort werden Peers ausgebildet, die durch ihre Nähe zu den Betroffenen eine wichtige Brückenfunktion zwischen der Community und dem formellen Hilfesystem einnehmen. Das Ziel ist, Menschen so früh wie möglich zu erreichen, bevor Krisen eskalieren. Bei einem Treffen mit einer leitenden Mitarbeiterin des Büros wurde deutlich, wie stark die Arbeit der Organisation auf den Aufbau von Community Resilience abzielt, also der eigenen Widerstandskraft von Gemeinschaften.
Das Programm von Howie the Harp, das die Teilnehmenden ebenfalls auf ihrer Reise kennengelernt haben, vermittelt den Betroffenen nicht nur fachliche Fähigkeiten für einen Einstieg ins Arbeitsleben, sondern legt großen Wert auf Soft Skills wie Kommunikation und Selbstorganisation. Wichtiger Bestandteil des Programms ist die ‚Housing First Culture‘ – ein Konzept, das ein sicheres Zuhause als Basis für Heilung und langfristige Stabilität betrachtet.
Auch viele Peers befinden sich in prekären Lebenslagen, beziehen geringe staatliche Unterstützung oder haben ein sehr niedriges Einkommen. Das Training selbst erfordert ein hohes Zeitaufwand. Trotzdem ist die Erfolgsgeschichte des Programms beeindruckend: Viele der angehenden Peer-Spezialist:innen schaffen das Ausbildungsprogramm. Die Absolvent:innen haben dann die Möglichkeit, nach einem Praktikum als Peer-Spezialist:innen in verschiedenen sozialen Feldern zu arbeiten.
Die Lage in Deutschland
Zwar gibt es erste Fortschritte, doch das Potenzial bleibt weitgehend ungenutzt – die Peer-Arbeit findet in Deutschland noch immer nur in Nischen statt.
Zum Beispiel bieten die Ergänzenden Unabhängigen Teilhabeberatungen (EUTBs) Menschen mit Behinderungen und ihren Angehörigen „niederschwellige“ Beratungen an, die oft von Peers durchgeführt werden. Diese Beratungsstellen sind ein Beispiel dafür, wie Menschen mit eigener Erfahrung anderen als Berater:innen zur Seite stehen und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben fördern.
Auch in der Suchthilfe hat sich der Einsatz von Peer-Arbeit bewährt. Ebenso gibt es in der (Sozial-)Psychiatrie bereits Ansätze, bei denen Peers durch Weiterbildungen wie ExIn (Experienced Involvement) professionell qualifiziert werden, um Menschen mit psychischen Erkrankungen zu unterstützen.
Ein weiterer innovativer Ansatz ist die Integration von Ergotherapeut:innen und Physiotherapeut:innen, um auch Menschen mit Obdachlosigkeit besser zu erreichen und zu unterstützen.
Fazit
Die Einführung und Vertiefung von Peer-Programmen in Deutschland könnte einen Durchbruch für eine inklusivere und effektivere Sozialarbeit darstellen. Es bleibt zu hoffen, dass der Peer-Support hierzulande nicht nur als Randphänomen behandelt wird, sondern sich zu einem integralen Bestandteil des sozialen Hilfesystems entwickelt.
Ein Bericht von Sunita Maria Kumar (Sozial- und Organisationspädagogin M.A., Geschäftsleitung ZePGiS e.V. – www.zepgis.de )
Impressionen der New York Reise:




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Redaktion: Julia Mann & Lucas Frye (Paritätische Akademie Berlin )
Foto im Titelbild: Pexels
Sozialarbeit in New York City. Aktuelle Einblicke in die US-amerikanische Sozialarbeit
Bildungsreise nach New York
Umgang mit Klassismus in der Sozialen Arbeit und in sozialen Organisationen
Online-Seminar
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Vielfalt adé? Wohnraum für soziale Organisationen in Not
Studie zur Wohnraumsituation von Trägerwohnungen in Berlin
Berlin ist gelebte Vielfalt, aber wie lange noch? Seit vielen Jahren beruft sich die Stadt Berlin gern auf ihr Image als soziale und inklusive Stadt. Doch wie soziale und inklusiv ist Berlin angesichts des knappen Wohnraums und steigenden Mieten wirklich? Wie können Menschen mit besonderen Wohnbedarfen und einkommensschwache Haushalte am Leben in zentralen Stadtteilen überhaupt noch teilhaben? Einen erheblichen Nachteil auf dem ohnehin schon angespannten Wohnungsmarkt haben Menschen mit körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen, schutzbedürftige Minderjährige oder Geflüchtete oder von Armut Betroffene. Gibt es für sie überhaupt eine reelle Chance?
Für die hundertausenden betroffenen Menschen bleibt alternativ zur Wohnungslosigkeit meist nur noch der Wohnraum sozialer Träger. Doch auch dieser Wohnraum, beispielsweise Räume für betreutes Wohnen für Menschen mit Behinderung, Jugendliche oder Menschen in Wohnungslosigkeit, befindet sich ebenfalls in Not. Das haben Gabriele Schlimper, Geschäftsleiterin des Paritätischen Landesverbands Berlin, und Co-Autorin Daniela Radlbeck in der 2024 veröffentlichten Studie zur Wohnraumsituation sozialer Träger des Paritätischen Landesverbands Berlin (Logos Verlag) genauer belegt.
Wir, die Redaktion der Paritätischen Akademie Berlin, hat ihnen acht Fragen zur Studie und ihren Ergebnissen gestellt.
Lage & Dringlichkeit
1) In der Studie sprechen Sie von einer erheblichen Verschärfung seit 2017. Können Sie konkret beschreiben, wie sich die Situation laut den Ergebnissen Ihrer Studie für soziale Organisationen in Berlin verändert hat? Was sind für die Träger und Klient:innen die größten Herausforderungen?
Gabriele Schlimper und Daniela Radlbeck: Seit 2017 hat sich der Mangel an Trägerwohnraum in Berlin verschärft. Unsere Studie zeigt, dass über 90 % der befragten Organisationen einen zunehmenden Bedarf an Trägerwohnraum verzeichnen. Soziale Organisationen stehen vor großen Herausforderungen, insbesondere durch die steigenden Mietpreise, durch den begrenzten Bestand an geeignetem und bezahlbarem Wohnraum für Betreutes Wohnen sowie durch die oft komplexen rechtlichen Rahmenbedingungen.
Gleichzeitig konkurrieren die sozialen Organisationen mit allen anderen Personen, die die wenigen bezahlbaren Wohnungen in Berlin anmieten möchten. Zudem kommt, dass Bewohnende in Trägerwohnungen keine bezahlbaren Wohnalternativen finden und deshalb unter Umständen länger als eigentlich notwendig in den Trägerwohnungen verbleiben müssen. Die Alternative wäre hier die Wohnungslosigkeit, was nun wirklich nicht gewollt sein kann.
Hier sind die sogenannten landeseigenen Wohnungsgesellschaften noch deutlich in die Pflicht zu nehmen.
2) Wer vermietet eigentlich Wohnungen an Träger und deren Klient:innen? Sind dies größtenteils privatwirtschaftliche Wohnungsunternehmen oder die Wohnungen des Landes Berlin?
Die Befragungsergebnisse zeigen, dass 68 % der Wohnungen, die an soziale Organisationen vermietet werden, von privaten Wohnungsunternehmen und Vermietern stammen. Lediglich 19 % kommen von landeseigenen Wohnungsunternehmen. Wir schätzen es sehr, dass es in Berlin sozial engagierte private Vermieterinnen und Vermieter gibt, die unsere Träger bei der Bereitstellung von dringend benötigtem Trägerwohnraum tatkräftig unterstützen. Hier sind die sogenannten landeseigenen Wohnungsgesellschaften noch deutlich in die Pflicht zu nehmen.
In der Praxis liegen die Marktpreise oft deutlich über (den Vorschriften), was insbesondere bei Neuanmietungen zu finanziellen Herausforderungen führt.
3) Wirft man einen Blick in Studie, ist dort von AV-Wohnen Vorschriften die Rede. Diese sind aber oft umstritten, weil die Angemessenheitsgrenzen in vielen Regionen unter den tatsächlich geforderten Mietpreisen liegen. Inwiefern stellt das die Träger laut der Befragung vor Schwierigkeiten?
Die Ausführungsvorschrift Wohnen (AV-Wohnen) definiert, welche Unterkunftskosten im Rahmen von Sozialleistungen als angemessen gelten. Soziale Organisationen in Berlin dürfen die Bruttokaltmiete innerhalb dieser Grenzen plus 20 Euro Umlage an Leistungsberechtigte im Betreuten Wohnen weitergeben. In der Praxis liegen die Marktpreise jedoch oft deutlich darüber, was insbesondere bei Neuanmietungen zu finanziellen Herausforderungen führt.
Laut unserer Befragung liegen 47 % der Trägerwohnungen unterhalb der AV-Wohnen-Grenzen, 21 % entsprechen den Vorgaben, doch 31 % überschreiten diese Werte. Die Mehrkosten werden in der Regel nicht refinanziert und müssen von den sozialen Organisationen selbst aufgebracht werden.
Besonders auffällig sind hier Unterschiede zwischen den Arbeitsbereichen: So gibt es im Leistungsfeld des betreuten Wohnens für Menschen mit Behinderungen überdurchschnittlich viele Wohnungen, die unterhalb der Bruttomietgrenzen liegen. Das ist vielfach auf lang bestehende Mietverträge zurückzuführen. Deren Mietpreise sind in den letzten Jahren, im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben, moderat gestiegen.
Im Gegensatz dazu wirken sich hohe Marktpreise negativ auf Bereiche wie die Wohnungslosen- und Jugendhilfe aus. Hier ist der Bedarf nach Trägerwohnraum dynamischer z.B. durch gestiegenen Zuzug von unbegleiteten, minderjährigen Geflüchteten und der gesetzlichen Verpflichtung zur Aufnahme in das Betreute Jugendwohnen. Auch in der Wohnungslosenhilfe ist das Trägerwohnmodell in den letzten Jahren aus der Wohnungsnot deutlich angestiegen. Bei Neuanmietungen von Wohnraum sehen sich Organisationen hier mit steigenden Angebotsmieten konfrontiert, die kaum innerhalb der AV-Wohnen-Vorgaben liegen.
4) Wie bewerten die Träger die Wohnungen, die Ihnen zur Verfügung stehen? (hinsichtlich Barrierefreiheit, Größe, Zustand, Erreichbarkeit mit ÖPNV, Lage & Nachbarschaft)
Knapp 80 % der befragten Organisationen bewerten den barrierefreien Zugang und die Ausstattung der bestehenden Wohnungen als unzureichend. Von den insgesamt 4.200 erfassten Trägerwohnungen sind nur etwa 1.200 barrierefrei zugänglich.
Besonders wichtig wird zudem die Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln, die Lage der Wohnungen, ein unterstützendes Wohnumfeld und eine gute Nachbarschaft eingeschätzt. Diese Aspekte verdeutlichen, wie entscheidend es ist, Betreutes Wohnen in allen Berliner Bezirken zu ermöglichen. Berlin soll eine soziale und inklusive Stadt bleiben, in der Menschen mit besonderen Wohnbedarfen und einkommensschwache Haushalte auch in zentralen Stadtteilen teilhaben können.
Finanzielle Auswirkungen
5) Welche konkreten finanziellen Belastungen tragen soziale Organisationen derzeit? Wie wirken sich diese Kosten auf ihre Fähigkeit aus, Klient:innen zu unterstützen?
Zusätzlich zu den finanziellen Belastungen durch Mieten, die die Grenzwerte der AV-Wohnen überschreiten, fallen weitere Kosten an. Dazu zählen steigende Energie- und Betriebskosten, Mietausfälle, Aufwendungen für Entrümpelungen nach Betreuungsabbrüchen oder Todesfällen sowie Instandhaltungs- und Renovierungskosten.
In den Entgelten für Betreuungsleistungen sind die Aufwendungen für Trägerwohnraum nicht prospektiv eingeplant. Gleichzeitig bindet die fortlaufende Suche nach bezahlbarem und geeignetem Wohnraum sowie die Verwaltung und Instandhaltung der Wohnungen erhebliche personelle Ressourcen, die von den Trägern zusätzlich aufgebracht werden müssen.
Auswirkung auf Betroffene
6) Können Sie uns schildern, wie sich das Wohnraumproblem auf den Alltag und die Zukunftsperspektiven der Betroffenen auswirkt?
Die Suche nach bezahlbarem Wohnraum ist für viele Berlinerinnen und Berliner längst zu einer Frage des normativen Mangels und natürlich des Geldes geworden. Für Menschen in sozialen Notlagen, mit seelischen Erkrankungen, mit geistigen, kognitiven oder körperlichen Behinderungen ist diese Herausforderung jedoch noch größer. Sie sind auf dem Wohnungsmarkt stark benachteiligt und oft nicht in der Lage, eigenständig eine Wohnung zu finden. Trägerwohnungen bieten diesen Menschen einen geschützten Ort, der ihnen Privatsphäre, Sicherheit und Stabilität gibt. Hier können sie sich auf ihre Genesung, persönliche Ziele und ein möglichst selbstbestimmtes Leben konzentrieren – mit der notwendigen Unterstützung im Hintergrund.
Im Rahmen der Studie haben wir den Film: „Berlin braucht Trägerwohnraum!“ vorgestellt. Dieser verdeutlicht die Dringlichkeit des Themas und gewährt Einblicke in die Lebensrealität der Betroffenen. Besonders eindrücklich ist die Aussage einer Protagonistin:
„Wenn ich nicht jetzt hier wohnen würde, dann würde ich wahrscheinlich auf der Straße leben.“
Dieses Zitat zeigt, wie unverzichtbar es ist, dass Menschen mit Unterstützungs- und Teilhabebedarf sichere und geschützte Wohnorte mitten in der Stadt finden können, um ein weitgehend selbstbestimmtes Leben zu führen.
Lösungen und Zusammenarbeit
7) Welche Maßnahmen vonseiten der Politik und Verwaltung wären Ihrer Ansicht nach jetzt unverzichtbar? Und welche Schritte wurden bereits verpasst, die heute noch Konsequenzen haben?
Um die aktuelle Krise zu bewältigen, sind entschlossene Maßnahmen von Politik und Verwaltung unverzichtbar. Dringend erforderlich ist eine Anpassung der Angemessenheitsgrenzen der AV-Wohnen an die realen Mietpreise, damit bezahlbarer Wohnraum auch für Menschen mit besonderen Bedarfen zugänglich bleibt. Gleichzeitig muss der Bau von sozialem und barrierefreiem Wohnraum deutlich vorangetrieben werden, während bestehende Trägerwohnungen langfristig gesichert werden müssen. Ein Kontingent an Trägerwohnraum wäre hilfreich, um kontinuierlich den Bedarf zu decken. Anreize für private Vermieter, bezahlbaren Wohnraum bereitzustellen, könnten zusätzlich helfen, den akuten Mangel zu lindern. Ebenso wichtig ist eine bessere Refinanzierung von Zusatzkosten wie Mietausfällen, Instandhaltungen oder Entrümpelungen, um die Träger finanziell zu entlasten.
Viele dieser Herausforderungen resultieren aus verpassten Gelegenheiten der Vergangenheit. Der jahrelang unzureichende Bau von sozialem Wohnraum und barrierefreien Wohnungen, unzureichende Mietpreisregulierungen und der Verkauf kommunaler Wohnungsbestände und öffentlicher Liegenschaften haben dazu geführt, dass die Lücke zwischen Angebot und Bedarf heute größer denn je ist. Auch die besonderen Wohnbedarfe von Menschen mit Behinderungen oder seelischen Erkrankungen wurden lange Zeit und werden nach wie vor in der Stadtplanung zu wenig berücksichtigt. Die Konsequenzen sind ein massiver Druck auf Betroffene und Träger. Jetzt braucht es einen klaren Kurswechsel, um Berlin als soziale und inklusive Stadt zu bewahren.
8) Die Studie endet mit Empfehlungen und einem dringenden Appell. Was sehen Sie als das dringlichste Ziel für die kommenden Jahre? Wie können soziale Organisationen und Politik besser zusammenarbeiten, um diese Wohnraumkrise zu bewältigen?
Die dringlichste Aufgabe in den kommenden Jahren ist die Sicherung und der Ausbau des Trägerwohnraumangebots – sowohl im Bestand als auch im Neubau. Dies erfordert eine qualifizierte Bedarfserhebung und langfristige Planung auf Landes- und Bezirksebene. Eine inklusive Stadtentwicklung kann nur gelingen, wenn ein einheitliches Verständnis für diese Aufgabe entsteht und alle Akteure – von der Politik über die Wohnungswirtschaft bis hin zu sozialen Organisationen – verbindlich zusammenarbeiten.
Die Zusammenarbeit lässt sich durch innovative und verbindliche Kooperationen zwischen Verwaltungen, Wohnungswirtschaft und sozialen Organisationen stärken. Gleichzeitig müssen gezielte Maßnahmen, wie die Förderung des sozialen Wohnungsbaus, die Bereitstellung von landeseigenen Grundstücken für den gemeinnützige sowie und vor allem ein gemeinwohlorientierten Neubau. Hinzu kommen eine Anpassung der Umlage für Trägerwohnraum und die Förderung und Entwicklung von sogenannten Generalmietmodellen. Auf Bundesebene wäre die Einführung einer „Dritten Säule“ im Mietrecht, die soziale Organisationen bei der Wohnraumversorgung stärkt, ein wichtiger Schritt. Nur durch gemeinsames Handeln kann Berlin als soziale und inklusive Stadt bewahrt werden.
Das Interview zur Studie „Wohnraum in Not“ (Logos Verlag Berlin) führte die Redaktion der Paritätischen Akademie Berlin mit Prof. Dr. Gabriele Schlimper, Herausgeberin, und Daniela Radlbeck, Co-Autorin der Studie.
Sie möchten mehr darüber erfahren, wie Sie sich als Träger in Berlin Zuwendungen sichern? Das Paritätische Forum für Zuwendungen und Förderungen unterstützt insbesondere Berliner Mitglieder des Paritätischen bei der Mittelakquise.
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Redaktion: Julia Mann(Paritätische Akademie Berlin)
Foto im Titelbild: Pexels
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Studieren mit Kind – im Masterstudium Sozialmanagement
Studieren und Elternschaft. Wie klappt das? Nika studiert aktuell den berufsbegleitenden Masterstudiengang Sozialmanagement. Mit dabei in den Vorlesungen ist auch ihr gerade acht Monate altes Kind. Die Sozialarbeiterin erzählt uns im Interview, wie ihr das Studium mit Kind gelingt.
Paritätische Akademie: In welchem Semester befindest du dich gerade und was ist deine berufliche Tätigkeit?
Nika: Ich arbeite seit vier Jahren in einem Träger der stationären Jugendhilfe in Berlin als Sozialarbeiterin. Aktuell befinde ich mich in Elternzeit und studiere im dritten Semester den Master in Sozialmanagement.
Wie kam es zu der Entscheidung, das Masterstudium aufzunehmen?
Nika: Es war schon lange mein Wunsch, ein Masterstudium zu machen. Ich war mir nur lange nicht sicher, in welchem Bereich. Als ich mich für diesen Master entschieden hatte, habe ich ziemlich zeitgleich festgestellt, dass ich schwanger bin. Nach kurzem Überlegen habe ich die Zusage zum Studium trotzdem abgeschickt.
Da du jetzt in Elternzeit bist, hast du neben dem Studium noch die Verpflichtung, dein Kind zu betreuen. Wie organisierst und finanzierst du das alles?
Nika: Ich bekomme noch Elterngeld. So kann ich für mein Kind da sein und studieren. Zusätzliche Einkünfte würden wieder vom Elterngeld abgezogen werden. Ich habe ein gut funktionierendes privates Netzwerk, wofür ich sehr dankbar bin. Meine Freundinnen unterstützen mich und haben seit Beginn an eine Beziehung zu meinem Kind. In dieser Situation habe ich gemerkt, wie wichtig Freundschaften sind.
Was motiviert dich besonders daran, Sozialmanagement zu studieren?
Nika: Eine wichtige Rolle spielt meine intrinsische Motivation. Mich interessiert die betriebswirtschaftliche Perspektive auf ein gemeinnütziges und sozialwirtschaftliches Unternehmen. Ich bin überzeugt, dass mir dieses Studium neue Türen öffnet und bin froh, die Elternzeit dafür nutzen zu können, mich weiter zu qualifizieren.
Was möchtest du mit dem Studium machen?
Nika: Das wird sich vielleicht erst im Nachhinein herausstellen. Ich finde es zum Beispiel interessant, dadurch die Möglichkeit und das Wissen zu haben, einmal zu gründen. Außerdem schließe ich es auch nicht aus, mich damit auf eine Leitungsposition zu bewerben.
Welche Inhalte des Studiums waren für dich bisher besonders wertvoll?
Nika: In Arbeitsrecht zum Beispiel kannte ich mich vor dem Studium wenig aus. Auch die Finanzierungsfragen, die im Studium behandelt werden, empfinde ich als sehr wichtig. Wenn ich weiß, was sich hinter bestimmten Begriffen versteckt, kann ich professioneller in diesem Gebiet handeln. Wo muss ich nachschauen, um zu prüfen, ob etwas gesetzeskonform ist? Dieses Wissen finde ich sehr nützlich, da es mir Sicherheit im Berufsalltag verschafft.
Wie erlebst du das Studieren mit Kind an der Paritätischen Akademie Berlin?
Nika: Die Toleranz gegenüber studierenden Eltern ist recht hoch. Das liegt sicher auch am sozialen Bereich. Ich kann zum Beispiel mein Kind mit in die Akademie bringen, wenn ich das vorher mit den Dozierenden und der Gruppe abspreche. Das ist eine große Unterstützung.
Ein Kind entwickelt sich permanent und somit verändert sich die Situation ständig. Mein Kind ist jetzt acht Monate alt. Bald wird es anfangen zu Laufen und weniger schlafen. Dem muss ich mich anpassen. Dadurch habe ich aber auch das Gefühl, immer wieder über mich hinauszuwachsen.
Was wünscht du dir von der von der Politik und von Arbeitgeber:innen?
Nika: Ich finde, dass Elternschaft generell zu wenig wertgeschätzt wird. Und das fängt schon bei der Bezahlung der Kitakräfte an, die in Deutschland vergleichsweise sehr gering ist.
Das Studium ist auch nochmal etwas anderes als die Arbeitswelt. Ich würde mir grundsätzlich mehr eine Integration von Kindern in der Arbeitswelt wünschen.
Vielen Dank für das Gespräch und deine Offenheit. Wir wünschen dir viel Erfolg im Studium!
Mehr Infos zum Studiengang Sozialmanagement (M.A.) hier.
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Redaktion: Paritätische Akademie Berlin
Foto im Titelbild: Studentin Nika (Foto: Elena Gavrisch)
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Ein Benefit für Organisation und Mitarbeiter:in –
im Gespräch über das Studium Sozialmanagement (M.A.) mit Daniela Radlbeck
In diesem kurzen Interview sprechen wir mit Daniela Radlbeck, Alumni des Masterstudiengangs Sozialmanagement an der Paritätischen Akademie, und heute Fachreferentin beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin, über ihren beruflichen Werdegang.
Paritätische Akademie: Liebe Frau Radlbeck, Sie sind Fachreferentin beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin für die Themenbereiche Wohnungsnotfallhilfe und Wohnungspolitik. Wie genau sieht Ihr Tätigkeitsbereich aus?
Daniela Radlbeck: Mein Tätigkeitsbereich umfasst Themen, die mit Wohnungslosigkeit in Zusammenhang stehen. Dies beinhaltet die Soziale Arbeit, die speziell für wohnungslose Menschen in der Stadt notwendig ist. Ich vertrete die Interessen unserer Mitgliedsorganisationen und setze mich für wohnungslose Menschen ein. Ich engagiere mich im Bereich der Wohnungspolitik im Sinne unserer Träger. Ziel ist es, dass jeder Mensch in Berlin eine Wohnung oder eine Unterkunft findet, unabhängig von Alter, Einkommen oder Armut.
In Berlin ist der Wohnraum knapp, weshalb wir uns als Sozial- und Wohlfahrtsverband dazu entschieden haben, uns nicht nur sozialpolitisch, sondern auch wohnungspolitisch zu engagieren. In meiner Funktion stehe ich im Austausch mit den zuständigen Senatsverwaltungen. Dabei wird deutlich: auch soziale Angebote benötigen Räume, nicht nur Wohnräume sind teuer, sondern auch Gewerberäume für eine soziale Nutzung. Dieses Thema bearbeite ich ebenfalls als Referentin.
Als Referentin berate ich keine wohnungslosen Menschen direkt, sondern unterstütze die Strukturen und Organisationen, die diese Beratung durchführen. Häufig nehme ich eine Vermittlerinnenrolle ein und vernetze verschiedene Akteure innerhalb der Stadt. Unser Landesverband verfügt über Expertise in vielen Bereichen, die es gilt, miteinander zu verbinden.
Wann haben Sie Sozialmanagement berufsbegleitend studiert und in welchem Bereich haben Sie in dieser Zeit tätig?
Daniela Radlbeck: 2014 habe ich das Studium in Sozialmanagement (M.A.) an der Paritätischen Akademie Berlin begonnen und 2018 abgeschlossen. Vor dem Studium war ich als Bereichsleiterin in einem Wohnprojekt für Frauen mit Suchterkrankungen tätig. Diese Arbeit war sehr intensiv und vielfältig. Während des Studiums habe ich Vollzeit gearbeitet, daher habe ich mir während der Masterarbeit etwas mehr Zeit genommen, um alles parallel zu bewältigen.
„Nach vielen Jahren in Leitungspositionen wollte ich mein betriebswirtschaftliches Wissen erweitern und über den Tellerrand hinausblicken. Mir war es wichtig, auch die theoretischen Grundlagen kennenzulernen und die Soziale Arbeit innovativ, wirkungsvoll und effizienter zu gestalten.“
Sie hatten also bereits Leitungsverantwortung, bevor Sie den Master in Sozialmanagement studiert haben. Wie kam es dazu?
Daniela Radlbeck: Nach meinem Studium der Sozialen Arbeit übernahm ich schnell Leitungsverantwortung. Zunächst befristet als Elternzeitvertretung. Wenn man einmal Leitungsverantwortung übernommen hat, ist es schwierig, wieder zurückzutreten. So zog sich Leitungs- und Personalverantwortung durch meine gesamte berufliche Laufbahn. Zusätzlich absolvierte ich eine dreieinhalbjährige Ausbildung zur systemischen Therapeutin, um die Perspektiven von Kindern, Jugendlichen und Eltern besser verstehen und bestehende Konflikte innerhalb der Familie besser lösen zu können.
Warum haben Sie sich dann noch für ein Masterstudium in Sozialmanagement entschieden?
Daniela Radlbeck: Nach vielen Jahren in Leitungspositionen wollte ich mein betriebswirtschaftliches Wissen erweitern und über den Tellerrand hinausblicken. Mir war es wichtig, auch die theoretischen Grundlagen kennenzulernen und die Soziale Arbeit innovativ, wirkungsvoll und effizienter zu gestalten.
Was waren die wertvollsten Dinge, die Sie im Masterstudiengang erlernt haben? Was hat Ihnen in Ihrem Berufsleben weitergeholfen?
Daniela Radlbeck: Besonders spannend fand ich den Themenbereich Organisationsentwicklung und Change Management. Ich habe stets bei freien, gemeinnützigen Trägern gearbeitet. Aufgrund von sich verändernden Rahmenbedingungen müssen Menschen in Leitungsverantwortung Veränderungen und Innovationen in der Organisation umsetzen. Man nutzt dabei meist bekannte Methoden innerhalb der eigenen Komfortzone. In der Organisationsentwicklung geht es darum, Veränderungsimpulse zu starten und mit Widerstand konstruktiv umzugehen. Hier konnte ich viel lernen.
Im Studium wurden wir durch ein Coaching begleitet, was sich als sehr hilfreich erwies. Der Austausch mit anderen Studierenden und Coaches hat meinen „Handwerkskoffer“ deutlich erweitert und mich „mutiger“ gemacht, neue Instrumente auszuprobieren und meinen Stil zu finden.
Zu Beginn meiner beruflichen Tätigkeit als Sozialarbeiterin hätte ich nicht gedacht, dass ich einmal als Referentin bei einem Wohlfahrtsverband arbeiten würde. Ich dachte, ich würde weiter in der direkten Beratung oder in einer therapeutischen Beziehung mit Menschen arbeiten. Durch das Studium hat sich mein beruflicher Horizont erheblich erweitert.
Konnten Sie sich das Studium selbst finanzieren? Und wie haben Sie es geschafft, Arbeit und Studium zu vereinbaren?
Daniela Radlbeck: Ja, ich habe das Studium komplett selbst finanziert. Neben dem Studium hatte ich eine Vollzeitstelle und musste meine Zeit gut organisieren. Für die Präsenzzeiten konnte ich Bildungsurlaub nehmen, aber alle zusätzlichen Studienleistungen wurden nebenbei erbracht. Aus dem Grund gestaltete ich Präsentationen oder Studienleitungen so, dass mein Arbeitgeber davon profitieren konnte.
Während des Studiums hatte ich einen Unfall, der mich zu einer Pause zwang. Diese Zeit nutzte ich, um mich zu sortieren und meine Prioritäten zu überdenken. Nach dem Unfall wechselte ich zum Paritätischen Wohlfahrtsverband und arbeitete dort zunächst in Teilzeit, um meine Masterarbeit abzuschließen, der Landesverband kam mir dabei sehr entgegen.
Wenn mir etwas Spaß und Freude macht, kann ich sehr viel leisten. Das Studium hat mir größtenteils Spaß gemacht und ich hatte wunderbare Kommilitoninnen und Kommilitonen.
Haben Sie durch das Studium ein gutes Netzwerk aufgebaut?
Daniela Radlbeck: Ja. Mit einigen ehemaligen Mitstudierenden bin ich weiterhin in losem Kontakt. Beim letzten Alumni-Treffen war sogar eine kleine Gruppe von ehemaligen Kommilitonen anwesend. Mit meinen engsten Studienfreunden bin ich über eine Messenger-Gruppe verbunden und wir versuchen, uns mindestens einmal im Jahr zu treffen.
„Zu Beginn meiner beruflichen Tätigkeit als Sozialarbeiterin hätte ich nicht gedacht, dass ich einmal als Referentin bei einem Wohlfahrtsverband arbeiten würde. Ich dachte, ich würde weiter in der direkten Beratung oder in einer therapeutischen Beziehung mit Menschen arbeiten. Durch das Studium hat sich mein beruflicher Horizont erheblich erweitert.“
Wenn Mitarbeitende den Wunsch haben, sich beispielsweise durch ein Studium weiterzubilden, welche Inhalte und Fähigkeiten würden dem Arbeitgeber Ihrer Meinung nach zugutekommen?
Daniela Radlbeck: Sowohl die Organisation als auch die Person profitieren. Die Studieninhalte sind immer projekt- oder prozessbezogen bzw. praxisbezogen. Es wird immer einen Austausch zwischen den Themen des Studiums und der Organisation geben. Ich glaube, dass es einen Benefit für beide hat. Wichtig ist, dass die Organisation diesen Austausch ermöglicht, fördert und die dann gute ausgebildete Person hält.
Die Verbindung von Theorie und Praxis ist sehr wichtig. Studierende erwerben nicht nur theoretisches Wissen, sondern sollten dieses Wissen auch in Projekten oder in Ihrem Tätigkeitsfeld umsetzen. Es ist wichtig, dass Studierende zum Beispiel nicht nur etwas über das Zuwendungsrecht lernen, sondern auch die Möglichkeit haben beim Projekt oder beim Träger die Umsetzung kennenzulernen und das gelernte Wissen in der Praxis anwenden.
Seit meinem Abschluss 2018 hat sich die Arbeitswelt stark verändert, vor allem durch Corona. Digitale Medien und künstliche Intelligenz spielen eine immer größere Rolle. Auch in der sozialen Arbeit ist es wichtig, auf dem neuesten Stand zu bleiben, innovativ zu sein aber auch weiterhin persönliche Begegnungen zu ermöglichen.
Vielen Dank für das Interview! Wir freuen uns darauf, in einem weiteren Gespräch mehr über Ihren Arbeitsbereich zu erfahren.
Das Interview führten Elena Gavrisch und Julia Mann von der Paritätischen Akademie Berlin.
Weiterführende Links:
Paritätischer Wohlfahrtsverband Berlin: https://www.paritaet-berlin.de
Mehr Infos zum Studiengang Sozialmanagement (M.A.) hier.
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Redaktion: Julia Mann (Paritätische Akademie Berlin)
Foto im Titelbild: Daniela Radlbeck (Foto: Elena Gavrisch)
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Quereinstieg durch das Studium in Sozialmanagement –
im Gespräch mit Master-Absolventin Cora Döhn
Cora Döhn war nach ihrem ersten Studium zunächst Deutsch als Fremdsprache Lehrerin und Online-Redakteurin. Doch sie entschied sie sich für den Quereinstieg in die Soziale Arbeit durch ein Studium in Sozialmanagement und dem Antreten einer Stelle bei der Berliner Aids-Hilfe e.V.. In diesem Interview sprechen wir mit der Master-Absolventin, die heute die Koordination der Jugendprävention bei der Berliner Aids-Hilfe ausführt, über ihren heutigen Beruf und ihren Weg dorthin.
Was genau machst du als Youthwork-Koordinatorin bei der Berliner Aids-Hilfe und wie sieht dein Arbeitsalltag aus?
Cora Döhn: Ich bin aktuell die Koordination des Youthwork-Teams der Berliner Aids-Hilfe. Das bedeutet, ich gestalte gemeinsam mit meinem Team die Jugendprävention bei uns im Haus. Meine Hauptaufgaben sind vergleichbar mit der einer Projektmanagerin. Bei mir liegt unsere Ehrenamtskoordination für unser Team sowie die Koordination mit den Lehrkräften und den Schulen, die zu uns kommen. Ich organisiere unsere Events und Projekte – wie z.B. eine Schüler:innenkonferenz, Projekttage und Events zu Anlässen wie dem Welt Aids Tag. Ich schreibe den Newsletter an die Schulen, ich betreue unsere Social Media-Accounts und trage die pädagogische Verantwortung für unser Konzept und für die Workshop-Inhalte wie auch die Ausbildung der Ehrenamtlichen, die bei uns ankommen. Außerdem kümmere ich mich um die Teamentwicklung bei uns intern.
Ein Teil meiner Stelle in der Berliner Aids-Hilfe widmet sich dem Team des Ehrenamtsmanagements. Wir etablieren eine wertschätzende Ausbildungskultur für Ehrenamtliche der gesamten Berliner Aids-Hilfe und halten diese aufrecht. Wer bei uns neu ehrenamtlich anfängt, absolviert verschiedene Kurse. Das sind zum Beispiel Kommunikationstrainings unter anderem mit Zuhörtechniken – das bieten wir für unsere Ehrenamtliche kostenlos an. Um unsere Qualitätsstandards einzuhalten, sind diese Kurse bei uns auch verpflichtend. Sie lernen auch die Berliner Aids-Hilfe als Organisation samt ihrer Haltung kennen. So haben neue Ehrenamtliche hier auch nochmal die Möglichkeit einen Abgleich zu machen, ob sie sich mit der politischen Haltung der Berliner Aids-Hilfe identifizieren können und sich damit wohlfühlen, diese Haltung auch nach außen zu vertreten.
Seit Neustem gehe ich auch mit in Testberatungen. Das sind Beratungen bei uns im Haus, die vor einem Test auf HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen angeboten werden. Da können Personen, die sich zum Beispiel auf HIV testen lassen möchten, erfahren, wie ein Test abläuft und wo sie sich hinwenden können, falls ein Test positiv ausfällt.
Was motiviert dich, diesen Job auszuüben?
Für mich ist die Berliner Aids-Hilfe ein ganz ideell aufgeladener Arbeitsbereich. Das finde ich wunderschön. Es ist eine Mischung aus Job und Lebensgefühl. Die Arbeit ist sinnvoll und das ist sehr motivierend für mich.
Das Team hält auch sehr zusammen, was mich ungemein motiviert. Im Team gibt es flache Hierarchien. Wir arbeiten sehr gleichberechtigt und selbstbestimmt.
Was hast du vor deinem Masterstudium gemacht? Und wie bist du dann dazu gekommen, dich neu zu orientieren?
Ich war in einer Redaktion in einem Online-Medium erst als Volontärin und dann als Redakteurin tätig. Das hat mir zunächst viel Spaß gemacht. Mein Steckenpferd-Thema war die finanzielle Selbstbestimmung von Frauen in der Gründung und ihr Weg in die Selbständigkeit. Ich habe Informationen zusammengetragen, von denen andere profitieren können, die sich auch selbstständig machen wollen. Mich hat also schon immer interessiert, welche Informationen die Welt noch braucht. Auch hier wollte ich unbedingt eine Art Beratungsangebot schaffen.
Nach meinem Quereinstieg hatte ich das Gefühl, keine formale Qualifikation zu haben, um im Bereich soziale Arbeit anknüpfen zu können. Für mich persönlich war es also wichtig, eine Zusatzqualifikation zu erwerben, um mich hier wohlzufühlen. Denn ich habe ein Selbstverständnis, dass ich mit hoher Professionalität an neue Herausforderungen herangehe. Den Mut und das Selbstbewusstsein sowie das Know-How hätte ich ohne das Studium leider nicht gehabt, mit dem ich jetzt meine Arbeit ausführen kann.
Das Errechnen von Bilanzen aus dem Studium beispielsweise brauche ich in meinem aktuellen Job zwar nicht mehr so im Detail, denn dafür haben wir hier im Haus die Buchhaltung und die Geschäftsführung. Aber trotzdem gehe ich durch dieses erworbene Wissen kompetent mit Budgets für meinen Arbeitsbereich um. Das gibt natürlich auch meinen Chef:innen Sicherheit und Vertrauen.
Den Mut und das Selbstbewusstsein sowie das Know-How hätte ich ohne das Studium leider nicht gehabt, mit dem ich jetzt meine Arbeit ausführen kann.
Konntest du Arbeit und Studium gut unter einen Hut bringen? Und hat das ausgereicht, um dein Leben und die Studienkosten zu finanzieren?
Ich habe das Studium 2018 begonnen und 2020 habe ich den Abschluss gemacht. Finanziert habe ich das Ganze dadurch, dass ich parallel gearbeitet habe. Ich habe in der Zeit des Studiums ca. 10 Stunden bei der Berliner Aids Hilfe im Ehrenamtsmanagement gearbeitet und nebenbei selbstständig als Deutsch als Fremdsprache Lehrerin.
Zugegebenermaßen war damals der Mietenwahnsinn auch noch nicht so extrem wie jetzt. Es war also für mich stemmbar. In der Steuererklärung kam mir das Studium später auch zugute. Ich war zu dem Zeitpunkt bereits verheiratet. Das Studium habe ich absetzen können, was finanziell eine große Erleichterung war.
Nach einem vollen Präsenztag an der Paritätischen Akademie hatte man auch das Gefühl, ganz viel mitgenommen zu haben. Und natürlich habe ich mich dann auch am Wochenende noch einmal hingesetzt und bin alles durchgegangen und habe ich eben Mathe gepaukt oder nachgeholt, wie ich Social Media Inhalte gut gestalten kann. Ich habe mich dann auch mit meinen Kommiliton:innen in Lerngruppen getroffen. Wir haben das Studium schon sehr ernst genommen.
Es wird sehr gut darauf eingegangen, dass Menschen in dem Studium meist Vollzeit-Arbeitnehmer:innen sind.
Es kommt wirklich auch darauf an, wie man Prioritäten gut setzt. Das Studium an der Paritätischen Akademie in Sozialmanagement ist herausfordernd, aber nicht überfordernd. Denn es wird sehr gut darauf eingegangen, dass Menschen in dem Studium meist Vollzeit-Arbeitnehmer:innen sind. Außerdem wussten wir auch alle Termine vorher. So konnte ich im Vorhinein immer sehr gut mit meinem Arbeitgeber absprechen, wann ich arbeiten kann und wann nicht.
Das Studium habe ich absetzen können, was finanziell eine große Erleichterung war.
Wie waren der Austausch und Kontakt unter den Studierenden?
Sehr gut. Allerdings kam dann die Corona-Pandemie 2020. Das hat leider dazu geführt, dass unser letztes Semester und auch unsere Abschlussfeier nur über Zoom stattfinden konnte. Viele Leute, mit denen ich im Studium sehr eng war, habe ich dann anderthalb Jahre nicht mehr zu Gesicht bekommen.
Eine Freundschaft hat sich privat gehalten. Aber auch, wenn ich mit allen anderen nicht jeden Tag im Kontakt stehe, weiß ich mit Sicherheit, dass ich auf sie heute immer noch zugehen und wir uns beruflich austauschen könnten.
Welche Inhalte des Studiums konntest du im Berufsleben unmittelbar anwenden?
Die Social Media-Inhalte haben mir sehr viel Sicherheit gegeben. Da ging es darum, wie ich zum Beispiel reagieren kann, wenn ein Shitstorm kommt oder wie schnell man auf solche Inhalte reagieren sollte. Aber auch das rechtliche Wissen in diesem Zusammenhang war sehr wichtig für meine Arbeit heute. Social Media ist schließlich nicht nur ein Fun-Faktor meines Arbeitsbereichs, sondern ein integraler Bestandteil.
Ganz wichtig war auch das Thema Diversität und Diversitätsorientierung. Wie schafft man es, den Arbeitsbereich divers zu gestalten? Es ist sehr spannend, wie komplex und schwierig das eigentlich ist. Das spielt auch in unserem Arbeitsalltag heute eine große Rolle.
Ich habe ein Verständnis dafür bekommen, wie wirtschaftlich eine soziale Organisation eigentlich arbeiten muss und was alles dahintersteckt.
Außerdem konnte ich im Studium ein grundsätzliches Verständnis davon erwerben, wie die Sozialwirtschaft funktioniert. Finanzierungsfragen spielen im sozialen Bereich immer eine ganz große Rolle. Denn Ressourcen sind chronisch knapp und müssen deshalb immer zielgerichtet und effizient eingesetzt werden. Darum ist man angehalten, sehr exakt zu sein und sehr gut zu planen. Dahingehend hat das Studium meinen Horizont sehr erweitert. Ich habe ein Verständnis dafür bekommen, wie wirtschaftlich eine soziale Organisation eigentlich arbeiten muss und was alles dahintersteckt. So habe ich das Selbstbewusstsein erlangt, mich im sozialen Bereich flexibel zu bewegen und mitreden zu können. Das hat mir persönlich am allermeisten gebracht.
Haben sich deine Erwartungen an das Studium erfüllt?
Am Anfang hatte ich die Vorstellung, dass ich schon viel wissen werde und die Studieninhalte mich eher darin bestärken werden, dass ich im richtigen Arbeitsfeld angekommen bin. Ich habe mich also ehrlicherweise zunächst gefragt, ob mir das Studium was bringt oder ob ich es als persönlichen Selbstbewusstseins-Boost benötige. Ich war jedoch spätestens nach dem ersten Semester davon überzeugt, wie qualitativ hochwertig und wie divers die Inhalte des Studiums sind. Es hat mir rückblickend sehr viel geholfen, mich im Arbeitsfeld der Sozialwirtschaft gut bewegen zu können.
Ich war (…) nach dem ersten Semester davon überzeugt, wie qualitativ hochwertig und wie divers die Inhalte des Studiums sind.
Was hat dir im Studium gefehlt?
Während meines Studiums war ich noch eine relativ neue Mitarbeiterin mit wenig Stunden. So hatte ich noch nicht so komplexe Arbeitsbereiche und auch nicht so viel Verantwortung wie heute. Die Management-Inhalte im Studium waren deshalb zwar sehr praktisch und für mich total spannend, aber die Inhalte passierten für mich noch im luftleeren Raum. In meiner Arbeitspraxis wurden die Inhalte erst später relevant. Glücklicherweise konnte ich vieles Wissen wieder abrufen als ich es brauchte.
Dennoch würde ich manchmal gerne noch mal die Zeit zurückdrehen und einen Kurs darin belegen, um mein Wissen aufzufrischen. Dann könnte ich parallel zu dem, was ich theoretisch gelernt habe, jetzt die Möglichkeit nutzen, das praktisch anzuwenden. Auch das Coaching, das im Studium angeboten wurde, konnte ich dahingehend noch nicht gut in Anspruch nehmen.
Vielen Dank für das Interview.
An der Paritätischen Akademie bieten wir im Berufsfeld Ehrenamtsmanagement einen Zertifikatskurs an. Dazu haben wir mit Cora Döhn, die auf diesem Gebiet heute Expertin ist, gesprochen. Der Beitrag dazu wird bald im Online-Magazin erscheinen.
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Redaktion: Julia Mann (Paritätische Akademie Berlin)
Foto im Titelbild: Cora Döhn in ihrem Büro der Berliner Aids-Hilfe e.V. (Foto: Elena Gavrisch)
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Die Seeschule Rangsdorf auf dem Weg zur agilen und selbstorganisierten Bildungseinrichtung
Melanie Roy und Sophie Eckart arbeiten im Bereich Wohngruppe und Internat an der Seeschule Rangsdorf. Sie verfolgen das Ziel, die Effektivität, Attraktivität und Qualität ihres Arbeitsfelds steigern. Dabei probierten sie verschiedene Methoden des agilen Arbeitens aus. In der Pionierwerkstatt Agilität an der Paritätischen Akademie Berlin wurden sie dabei über ein Jahr lang begleitet. Im Interview erzählen sie uns anhand von 9 Fragen, was sie nun anders machen.
Die Seeschule Rangsdorf ist mehr als eine gewöhnliche Schule. Auf dem Gelände am Rangsdorfer See des seit1989 bestehenden Vereins gibt es Oberschule, Gymnasium und Kita und auch ein Internat mit integrierter Wohngruppe.
Was ist die Seeschule Rangsdorf für eine Einrichtung und wie viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind dort täglich unterwegs?
Melanie Roy: Wir betreiben als Verein einen Campus bestehend aus Oberschule und Gymnasium ab 7. Klasse, eine Kita, eine Wohngruppe, als auch ein Internat. Wir arbeiten inklusiv. Wir erweitern mittelfristig unsere Kita und ergänzen um den Bereich BEW sowie ambulante Hilfen.
Die Schulen haben Platz für 250 Kinder, wovon etwa ein Viertel auf dem Gelände wohnen kann. Leider nicht in der schulfreien Zeit, dafür aber mittlerweile auch an jedem 2. Wochenende. Etwa 73 Mitarbeitende dürften auf dem Gelände unterwegs sein.
Für welche Bereiche seid ihr beide speziell tätig?
Melanie Roy: Ich bin für den Bereich Wohngruppe und Internat zuständig und führe dort die Geschäfte. Es macht mir Freude, Themen, Strukturen als auch Probleme zu betrachten und nach Ideen zu schauen, die wir nutzen können, um uns weiterzuentwickeln. Ich liebe es, Verbesserungen zu realisieren.
Sophie Eckart: Ich bin pädagogische Mitarbeiterin. Mein Tätigkeitsbereich untergliedert sich in zwei verschiedene
Bereiche. Im Frühdienst begleite ich die Jugendlichen der Wohngruppe im schulischen Kontext. Das bedeutet, dass wir Unterrichtshospitationen durchführen, den Jugendlichen und Lehrern zur Seite stehen, wenn Problematiken auftreten und jederzeit Ansprechpartner für unsere Schützlinge sind. Im Nachmittagsbereich begleite ich die
Jugendlichen im Alltag. Das inkludiert unter anderem verschiedene Gruppenangebote, Begleitung von Lernzeiten, Gespräche zu jeglichen Anliegen, um die bestmögliche Unterstützung für die Jugendlichen zu erreichen. Uns ist es wichtig jeden Jugendlichen als Individuum zu sehen und ihm einen bestmöglichen Rahmen zu bieten, um sich weiterzuentwickeln und zu einer eigenständigen Persönlichkeit heranzuwachsen.
Mit welchem Ziel habt ihr euch dazu entschieden, an der Pionierwerkstatt der Paritätischen Akademie teilzunehmen? Wie kam es dazu?
Melanie Roy: Ich habe vor fast 3 Jahrzehnten meine Diplomarbeit über das Thema „soziale Arbeit als organisationsentwicklerische Tätigkeit“ geschrieben. Wirtschaftsbegriffe in die soziale Arbeit zu übertragen war für die Dozierenden an der Fachhochschule Frankfurt am Main mit ihrem alt 68er Charme ein gewisser Affront zur damaligen Zeit. Da war „Sozialmanagement“ noch kein Begriff. Das habe ich dann später noch berufsbegleitend studiert.
Mir sind im Laufe der Zeit mit zunehmendem Trend die Themen New Work, agil, integral und so weiter vor die Füße gefallen. Natürlich auch das Buch von Frédéric Laloux „Reinventing Organizations“*. Mit den Inhalten saß ich dann verzweifelt da und habe mich gefragt, wie das in den sozialen Arbeitsbereich zu übertragen ist. Ich habe zwar gefühlt, dass die Paradigmen eine gute Sache sind, aber keine Ahnung gehabt, wie und ob das zu implementieren geht.
Dann hatte ich die ersten Fortbildungen bei Björn Schmitz an der Paritätischen Akademie zu diesem Thema. So sind die Puzzleteile dann an ihren Platz gefallen. Anstelle von Leitungssupervision, habe ich die „Führungsnuggets“ mit möglichst vielen Mitarbeitern aus dem Leitungsteam genutzt. Die Pionierwerkstatt war in Folge ein großartiges Format, um mit diesen Themen am Ball zu bleiben. Und die Einladung, das zu zweit zu machen, also Führungskraft und Mitarbeiter:in, finde ich genial. Anfangs hat mir das etwas Sorgen bereitet, aber rückblickend war das nicht nötig. Da wir das Glück hatten, Fördermittel bei der ILB** beantragen zu können haben wir die Kosten auch auf 2 für 1 reduzieren können.
Sophie Eckart: Melanie sprach mich im vergangenen Jahr an und erzählte mir von dieser Weiterbildung und fragte mich im Zuge dessen, ob ich Lust hätte dies gemeinsam mit ihr im Tandem zu machen. Zunächst konnte ich mir wenig darunter vorstellen. Wie kann ich, als pädagogische Mitarbeiterin, auch davon profitieren? Da es langfristig jedoch mein Ziel ist, eine Leitungsposition zu übernehmen, erschloss sich mir schnell, wie auch ich dies für meine berufliche Zukunft nutzen kann. Hinzu kam, dass Melanie sehr begeistert von der Arbeit des Dozenten Björn Schmitz aus ihren bisherigen Fortbildungen berichtete. Das Themengebiet weckte schon nach den ersten Terminen großes Interesse bei mir und wir konnten gemeinsam schauen, wie wir als Institution und vor allem wir als Team uns weiterentwickeln können.
Das waren ja erstmal viele Leitungs- und Führungsthemen, die für mich vorher nicht ganz greifbar waren. Im Nachhinein muss ich sagen, fand ich das unfassbar gewinnbringend für uns beide und auch fürs Team. Es steht nicht eine Person allein da und muss das Ganze etablieren und umsetzen, sondern wir können gemeinsam schauen, was wichtig ist und was wir davon nutzen können.
Das zu Zweit zu machen, also Führungskraft und Mitarbeiter:in, finde ich genial. Anfangs hat mir das etwas Sorgen bereitet, aber rückblickend war das nicht nötig. Da wir das Glück hatten, Fördermittel bei der ILB beantragen zu können, haben wir die Kosten auch auf 2 für 1 reduzieren können.
Melanie Roy
Habt ihr eigene Themen mit in die Werkstatt gebracht, für die ihr nun Lösungsansätze entwickeln konntet?
Melanie Roy: Zu Beginn der Werkstatt haben wir herausgefunden, dass uns das Thema Meetingkultur sehr beschäftigt und wir uns das vornehmen möchten. Das, was wir als „schlecht“ empfunden haben, hat dann erstmal Namen bekommen: Popcorn-Info- und Trichterveranstaltung, zu wenig Dynamik, mangelnde Vorbereitung, wem gehört die Sitzung, sitzen die richtigen Leute am Tisch und so weiter.
Wir konnten das einbringen, haben Feedback bekommen und haben uns danach einen neuen Plan gemacht. Zu diesem Prozess gehörte auf jeden Fall sowas wie: Sortenreinheit des Meetings, Check-In und Auswertung, More Drama, Fokus auf das Beeinflussbare, kein Meeting ohne Moderation, Einbeziehung aller, Methoden anwenden, Vorbereitung, Einführung bestimmter Formate, Kanban Bords, und vieles mehr.
Aber auch für andere Vorhaben im Betrieb haben wir konkrete Unterstützung bekommen, damit wir uns erstmal im Wald der Möglichkeiten orientieren können.
Hat sich eure Meetingkultur seitdem verbessert?
Sophie Eckart: Wir sind auf dem Weg und haben einen guten Anfang gemacht. Auch, wenn es vielleicht manchmal hart war, haben wir gutes Feedback bekomme. Nachdem wir unsere Ideen bei der Fortbildung vorgestellt hatten, haben wir sowohl von den Teilnehmenden als auch von Björn Schmitz gute Anregungen erhalten. Daraufhin konnten wir schauen, wie wir nachjustieren können und was wir verändern können. Besonders gut war, dass es auch immer einen Rückblick gab. Da haben wir uns angesehen, was wir im letzten Termin mitgenommen haben, was wir umgesetzt und ausprobiert haben und wo wir weiter ansetzen wollen. Wir sind noch lange nicht am Ende angekommen und freuen uns gemeinsam mit dem Team neue Methoden auszuprobieren und zu etablieren.
Wie soll sich euer Bereich der Jugendhilfe an der Seeschule Rangsdorf entwickeln?
Melanie Roy: Für unseren Bereich habe ich die Hoffnung, dass alle Spaß an der Arbeit haben, jeder die ein oder andere Methode findet, die auch auf anderer Ebene hilfreich sein kann, das Miteinander dadurch vielfältiger wird, Lösungen schneller gefunden werden, sich jeder auf seinem Posten kompetent und handlungsfähig fühlt, Einflussbereiche geklärt sind, unnötige Regeln über Bord gehen und durch Relevantes ersetzt werden, dass Veränderung zum Alltag gehören kann. Und muss, denn von unseren Jugendlichen erwarten wir genau das.
Welche Tools oder Methoden nehmt ihr mit? Was hat euch besonders geholfen?
Melanie Roy: Für mich war der größte Aha-Moment die Erkenntnis, dass wir, wie Björn Schmitz es sagt, „irrend voran robben“ können. Bisher habe ich mich nach Fortbildungen noch nicht fortgebildet genug gefühlt, um Dinge umzusetzen und habe lieber noch eine Ausbildung gemacht. Oder das Thema begraben. Das ist hier ein ganz gravierender Unterschied für mich gewesen. Ich bin eingedeckt mit Methoden und Informationen und fühle mich frei, daraus einfach Dinge auszuprobieren. Nach und nach etabliert sich das ein oder andere im Alltag.
Sophie Eckart: Wir haben bei der Weiterbildung so viele Methoden an die Hand bekommen, welche wir nach und nach für uns ausprobieren werden. Melanie und ich schauen gemeinsam, welche Methoden wir zu bestimmten Themen anwenden können und haben uns hier schon eine kleine Struktur angelegt. Erste Methoden sind bereits etabliert und andere werden wir in der Zukunft auf jeden Fall noch ausprobieren. Learning by doing ist hier die maßgebliche Richtung. Wir sind durch die Weiterbildung auf jeden Fall probierfreudiger geworden. Geholfen hat mir vor allem auch immer wieder der gemeinsame Rückblick in der Gruppe, was wurde bereits ausprobiert und was wollen wir in Zukunft noch ausprobieren. Hierdurch konnten wir durch die anderen Teilnehmenden und Björn Schmitz eine Rückmeldung erhalten und weitere Ideen entwickeln.
Die Fehlerfreundlichkeit ist auch ein wichtiger Aspekt für mich. Am Anfang wollten alles am besten ganz genau durchplanen. Doch es muss eigentlich gar nicht perfekt sein. Wir haben es gerade selber erst gelernt. So kommunizieren wir das auch dem Team. Wir probieren jetzt einfach mal aus und dann gucken wir, ob es passt oder nicht, oder ob wir etwas nachjustieren. Ansonsten haben wir wirklich vieles an die Hand bekommen und separieren jetzt gerade einfach für uns. Was können wir mitnehmen? Was können wir für die Teamsitzung und für die Fallbesprechungen anwenden und was bringt uns weiter?
Bisher habe ich mich nach Fortbildungen noch nicht fortgebildet genug gefühlt, um Dinge umzusetzen und habe lieber noch eine Ausbildung gemacht. Oder das Thema begraben. Das ist hier ein ganz gravierender Unterschied für mich gewesen.
Melanie Roy
Konntet ihr von den anderen Teilnehmenden aus sozialen Einrichtungen etwas für euch mitnehmen?
Melanie Roy: Ja, auf jeden Fall. Das kommt zum Wert der Fortbildung noch obendrauf, dass ich von den anderen lernen kann und etwas über die anderen Arbeitsbereiche erfahre. Es war darüber hinaus eine super nette Gruppe, in der sich jeder gut öffnen konnte.
Sophie Eckart: Der Austausch mit den anderen Teilnehmern war wirklich sehr produktiv. Auch wenn es unterschiedliche Einrichtungen waren, konnten gemeinsame Problematiken abgeglichen werden und gegenseitige Ratschläge ausgetauscht werden. Außerdem war es gut durch die anderen Teilnehmer ganz andere Perspektiven zu erlangen. Förderlich war hier natürlich sehr die Offenheit und Unvoreingenommenheit der Gruppe.
Es muss eigentlich gar nicht perfekt sein. Wir haben es gerade selber erst gelernt. So kommunizieren wir das auch dem Team. Wir probieren jetzt einfach mal aus und dann gucken wir, ob es passt oder nicht, oder ob wir etwas nachjustieren.
Sophie Eckart
Wie konntet ihr die intensive Fortbildung mit eurem Arbeitsalltag organisieren? Habt ihr Tipps für zukünftige Teilnehmende?
Melanie Roy: Für mich ist das weniger ein Problem, weil ich nicht aus einem Dienstplan herausfalle. Ich fand das Format als Kombination aus analog und digital ganz hervorragend gewählt. Es war auch ausreichend Zeit dazwischen, um sich mit dem Gelernten zu beschäftigen.
Sophie Eckart: Da die Termine lange im Voraus bekannt waren, konnten die Dienste dementsprechend frühzeitig geplant und vertreten werden. Das war dann relativ gut machbar. Wichtig ist jedoch, dass man sich ebenfalls Zeit einräumt, um die Weiterbildung für sich zu reflektieren und zu schauen, was man an Methoden integrieren kann.
Vielen herzlichen Dank für das Interview! Wir wünschen euch noch viel Erfolg bei der Weiterverfolgung eurer Ziele in der Seeschule Rangsdorf (hier lernen Schüler*innen individuell und motiviert fernab vom Stress – mehr über die Seeschule).
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*Im Beitrag erwähntes Buch: Laloux, F. (2015). Reinventing Organizations: Ein Leitfaden zur Gestaltung sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit (M. Kauschke, Übers.; 1. Aufl.). Vahlen, Franz.
**ILB = Investitionsbank des Landes Brandenburg des Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Energie des Landes Brandenburg
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Redaktion: Julia Mann (Paritätische Akademie Berlin)
Foto im Titelbild: Seeschule Rangsdorf e.V.
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