Maga­zin

Juni 2024 | Stu­di­um

Ein Benefit für Organisation und Mitarbeiter:in –  

im Gespräch über das Studium Sozialmanagement (M.A.) mit Daniela Radlbeck 

In die­sem kur­zen Inter­view spre­chen wir mit Danie­la Radl­beck, Alum­ni des Mas­ter­stu­di­en­gangs Sozi­al­ma­nage­ment an der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie, und heu­te Fach­re­fe­ren­tin beim Pari­tä­ti­schen Wohl­fahrts­ver­band Ber­lin, über ihren beruf­li­chen Wer­de­gang. 

Paritätische Akademie: Liebe Frau Radlbeck, Sie sind Fachreferentin beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin für die Themenbereiche Wohnungsnotfallhilfe und Wohnungspolitik. Wie genau sieht Ihr Tätigkeitsbereich aus? 

Danie­la Radl­beck:  Mein Tätig­keits­be­reich umfasst The­men, die mit Woh­nungs­lo­sig­keit in Zusam­men­hang ste­hen. Dies beinhal­tet die Sozia­le Arbeit, die spe­zi­ell für woh­nungs­lo­se Men­schen in der Stadt not­wen­dig ist. Ich ver­tre­te die Inter­es­sen unse­rer Mit­glieds­or­ga­ni­sa­tio­nen und set­ze mich für woh­nungs­lo­se Men­schen ein. Ich enga­gie­re mich im Bereich der Woh­nungs­po­li­tik im Sin­ne unse­rer Trä­ger. Ziel ist es, dass jeder Mensch in Ber­lin eine Woh­nung oder eine Unter­kunft fin­det, unab­hän­gig von Alter, Ein­kom­men oder Armut. 

 

In Ber­lin ist der Wohn­raum knapp, wes­halb wir uns als Sozi­al- und Wohl­fahrts­ver­band dazu ent­schie­den haben, uns nicht nur sozi­al­po­li­tisch, son­dern auch woh­nungs­po­li­tisch zu enga­gie­ren. In mei­ner Funk­ti­on ste­he ich im Aus­tausch mit den zustän­di­gen Senats­ver­wal­tun­gen. Dabei wird deut­lich: auch sozia­le Ange­bo­te benö­ti­gen Räu­me, nicht nur Wohn­räu­me sind teu­er, son­dern auch Gewer­be­räu­me für eine sozia­le Nut­zung. Die­ses The­ma bear­bei­te ich eben­falls als Refe­ren­tin. 

 

Als Refe­ren­tin bera­te ich kei­ne woh­nungs­lo­sen Men­schen direkt, son­dern unter­stüt­ze die Struk­tu­ren und Orga­ni­sa­tio­nen, die die­se Bera­tung durch­füh­ren. Häu­fig neh­me ich eine Ver­mitt­le­rin­nen­rol­le ein und ver­net­ze ver­schie­de­ne Akteu­re inner­halb der Stadt. Unser Lan­des­ver­band ver­fügt über Exper­ti­se in vie­len Berei­chen, die es gilt, mit­ein­an­der zu ver­bin­den. 

Wann haben Sie Sozialmanagement berufsbegleitend studiert und in welchem Bereich haben Sie in dieser Zeit tätig?

 

Danie­la Radl­beck: 2014 habe ich das Stu­di­um in Sozi­al­ma­nage­ment (M.A.) an der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie Ber­lin begon­nen und 2018 abge­schlos­sen. Vor dem Stu­di­um war ich als Bereichs­lei­te­rin in einem Wohn­pro­jekt für Frau­en mit Sucht­er­kran­kun­gen tätig. Die­se Arbeit war sehr inten­siv und viel­fäl­tig. Wäh­rend des Stu­di­ums habe ich Voll­zeit gear­bei­tet, daher habe ich mir wäh­rend der Mas­ter­ar­beit etwas mehr Zeit genom­men, um alles par­al­lel zu bewäl­ti­gen. 

„Nach vie­len Jah­ren in Lei­tungs­po­si­tio­nen woll­te ich mein betriebs­wirt­schaft­li­ches Wis­sen erwei­tern und über den Tel­ler­rand hin­aus­bli­cken. Mir war es wich­tig, auch die theo­re­ti­schen Grund­la­gen ken­nen­zu­ler­nen und die Sozia­le Arbeit inno­va­tiv, wir­kungs­voll und effi­zi­en­ter zu gestal­ten.“

 

Sie hatten also bereits Leitungsverantwortung, bevor Sie den Master in Sozialmanagement studiert haben. Wie kam es dazu?

 

Danie­la Radl­beck: Nach mei­nem Stu­di­um der Sozia­len Arbeit über­nahm ich schnell Lei­tungs­ver­ant­wor­tung. Zunächst befris­tet als Eltern­zeit­ver­tre­tung. Wenn man ein­mal Lei­tungs­ver­ant­wor­tung über­nom­men hat, ist es schwie­rig, wie­der zurück­zu­tre­ten. So zog sich Lei­tungs- und Per­so­nal­ver­ant­wor­tung durch mei­ne gesam­te beruf­li­che Lauf­bahn. Zusätz­lich absol­vier­te ich eine drei­ein­halb­jäh­ri­ge Aus­bil­dung zur sys­te­mi­schen The­ra­peu­tin, um die Per­spek­ti­ven von Kin­dern, Jugend­li­chen und Eltern bes­ser ver­ste­hen und bestehen­de Kon­flik­te inner­halb der Fami­lie bes­ser lösen zu kön­nen. 

 

Warum haben Sie sich dann noch für ein Masterstudium in Sozialmanagement entschieden? 

 

Danie­la Radl­beck: Nach vie­len Jah­ren in Lei­tungs­po­si­tio­nen woll­te ich mein betriebs­wirt­schaft­li­ches Wis­sen erwei­tern und über den Tel­ler­rand hin­aus­bli­cken. Mir war es wich­tig, auch die theo­re­ti­schen Grund­la­gen ken­nen­zu­ler­nen und die Sozia­le Arbeit inno­va­tiv, wir­kungs­voll und effi­zi­en­ter zu gestal­ten. 

Was waren die wertvollsten Dinge, die Sie im Masterstudiengang erlernt haben? Was hat Ihnen in Ihrem Berufsleben weitergeholfen? 

 

Danie­la Radl­beck: Beson­ders span­nend fand ich den The­men­be­reich Organisations­entwicklung und Chan­ge Manage­ment. Ich habe stets bei frei­en, gemein­nüt­zi­gen Trä­gern gear­bei­tet. Auf­grund von sich ver­än­dern­den Rah­men­beding­ungen müs­sen Men­schen in Lei­tungs­ver­ant­wor­tung Ver­än­de­run­gen und Inno­va­tio­nen in der Orga­ni­sa­ti­on umset­zen. Man nutzt dabei meist bekann­te Metho­den inner­halb der eige­nen Kom­fort­zo­ne. In der Organisations­entwicklung geht es dar­um, Ver­än­de­rungs­im­pul­se zu star­ten und mit Wider­stand kon­struk­tiv umzu­ge­hen. Hier konn­te ich viel ler­nen. 

 

Im Stu­di­um wur­den wir durch ein Coa­ching beglei­tet, was sich als sehr hilf­reich erwies. Der Aus­tausch mit ande­ren Stu­die­ren­den und Coa­ches hat mei­nen „Hand­werks­kof­fer“ deut­lich erwei­tert und mich „muti­ger“ gemacht, neue Instru­men­te aus­zu­pro­bie­ren und mei­nen Stil zu fin­den. 

 

Zu Beginn mei­ner beruf­li­chen Tätig­keit als Sozi­al­ar­bei­te­rin hät­te ich nicht gedacht, dass ich ein­mal als Refe­ren­tin bei einem Wohl­fahrts­ver­band arbei­ten wür­de. Ich dach­te, ich wür­de wei­ter in der direk­ten Bera­tung oder in einer the­ra­peu­ti­schen Bezie­hung mit Men­schen arbei­ten. Durch das Stu­di­um hat sich mein beruf­li­cher Hori­zont erheb­lich erwei­tert.  

 

Konnten Sie sich das Studium selbst finanzieren? Und wie haben Sie es geschafft, Arbeit und Studium zu vereinbaren?

 

Danie­la Radl­beck: Ja, ich habe das Stu­di­um kom­plett selbst finan­ziert. Neben dem Stu­di­um hat­te ich eine Voll­zeit­stel­le und muss­te mei­ne Zeit gut orga­ni­sie­ren. Für die Prä­senz­zei­ten konn­te ich Bil­dungs­ur­laub neh­men, aber alle zusätz­li­chen Stu­di­en­leis­tun­gen wur­den neben­bei erbracht. Aus dem Grund gestal­te­te ich Prä­sen­ta­tio­nen oder Stu­di­en­lei­tun­gen so, dass mein Arbeit­ge­ber davon pro­fi­tie­ren konn­te. 

 

Wäh­rend des Stu­di­ums hat­te ich einen Unfall, der mich zu einer Pau­se zwang. Die­se Zeit nutz­te ich, um mich zu sor­tie­ren und mei­ne Prio­ri­tä­ten zu über­den­ken. Nach dem Unfall wech­sel­te ich zum Pari­tä­ti­schen Wohl­fahrts­ver­band und arbei­te­te dort zunächst in Teil­zeit, um mei­ne Mas­ter­ar­beit abzu­schlie­ßen, der Lan­des­ver­band kam mir dabei sehr ent­ge­gen. 

 

Wenn mir etwas Spaß und Freu­de macht, kann ich sehr viel leis­ten. Das Stu­di­um hat mir größ­ten­teils Spaß gemacht und ich hat­te wun­der­ba­re Kom­mi­li­to­nin­nen und Kom­mi­li­to­nen. 

 

Haben Sie durch das Studium ein gutes Netzwerk aufgebaut? 

 

Danie­la Radl­beck: Ja. Mit eini­gen ehe­ma­li­gen Mit­stu­die­ren­den bin ich wei­ter­hin in losem Kon­takt. Beim letz­ten Alum­ni-Tref­fen war sogar eine klei­ne Grup­pe von ehe­ma­li­gen Kom­mi­li­to­nen anwe­send. Mit mei­nen engs­ten Stu­di­en­freun­den bin ich über eine Mes­sen­ger-Grup­pe ver­bun­den und wir ver­su­chen, uns min­des­tens ein­mal im Jahr zu tref­fen. 

„Zu Beginn mei­ner beruf­li­chen Tätig­keit als Sozi­al­ar­bei­te­rin hät­te ich nicht gedacht, dass ich ein­mal als Refe­ren­tin bei einem Wohl­fahrts­ver­band arbei­ten wür­de. Ich dach­te, ich wür­de wei­ter in der direk­ten Bera­tung oder in einer the­ra­peu­ti­schen Bezie­hung mit Men­schen arbei­ten. Durch das Stu­di­um hat sich mein beruf­li­cher Hori­zont erheb­lich erwei­tert.“  

 

Wenn Mitarbeitende den Wunsch haben, sich beispielsweise durch ein Studium weiterzubilden, welche Inhalte und Fähigkeiten würden dem Arbeitgeber Ihrer Meinung nach zugutekommen? 

 

Danie­la Radl­beck: Sowohl die Orga­ni­sa­ti­on als auch die Per­son pro­fi­tie­ren. Die Stu­di­en­in­hal­te sind immer pro­jekt- oder pro­zess­be­zo­gen bzw. pra­xis­be­zo­gen. Es wird immer einen Aus­tausch zwi­schen den The­men des Stu­di­ums und der Orga­ni­sa­ti­on geben. Ich glau­be, dass es einen Bene­fit für bei­de hat. Wich­tig ist, dass die Orga­ni­sa­ti­on die­sen Aus­tausch ermög­licht, för­dert und die dann gute aus­ge­bil­de­te Per­son hält. 

 

Die Ver­bin­dung von Theo­rie und Pra­xis ist sehr wich­tig. Stu­die­ren­de erwer­ben nicht nur theo­re­ti­sches Wis­sen, son­dern soll­ten die­ses Wis­sen auch in Pro­jek­ten oder in Ihrem Tätig­keits­feld umset­zen. Es ist wich­tig, dass Stu­die­ren­de zum Bei­spiel nicht nur etwas über das Zuwen­dungs­recht ler­nen, son­dern auch die Mög­lich­keit haben beim Pro­jekt oder beim Trä­ger die Umset­zung ken­nen­zu­ler­nen und das gelern­te Wis­sen in der Pra­xis anwen­den. 

 

Seit mei­nem Abschluss 2018 hat sich die Arbeits­welt stark ver­än­dert, vor allem durch Coro­na. Digi­ta­le Medi­en und künst­li­che Intel­li­genz spie­len eine immer grö­ße­re Rol­le. Auch in der sozia­len Arbeit ist es wich­tig, auf dem neu­es­ten Stand zu blei­ben, inno­va­tiv zu sein aber auch wei­ter­hin per­sön­li­che Begeg­nun­gen zu ermög­li­chen. 

Vie­len Dank für das Inter­view! Wir freu­en uns dar­auf, in einem wei­te­ren Gespräch mehr über Ihren Arbeits­be­reich zu erfah­ren. 

Das Inter­view führ­ten Ele­na Gav­risch und Julia Mann von der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie Ber­lin.  

 

Wei­ter­füh­ren­de Links: 

Pari­tä­ti­scher Wohl­fahrts­ver­band Ber­lin:  https://www.paritaet-berlin.de

Mehr Infos zum Stu­di­en­gang Sozi­al­ma­nage­ment (M.A.) hier.

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Redak­ti­on: Julia Mann (Pari­tä­ti­sche Aka­de­mie Ber­lin)

Foto im Titel­bild: Danie­la Radl­beck (Foto: Ele­na Gav­risch)

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Mai 2024 | Stu­di­um

Quereinstieg durch das Studium in Sozialmanagement –  

im Gespräch mit Master-Absolventin Cora Döhn  

Cora Döhn war nach ihrem ers­ten Stu­di­um zunächst Deutsch als Fremd­spra­che Leh­re­rin und Online-Redak­teu­rin. Doch sie ent­schied sie sich für den Quer­ein­stieg in die Sozia­le Arbeit durch ein Stu­di­um in Sozi­al­ma­nage­ment und dem Antre­ten einer Stel­le bei der Ber­li­ner Aids-Hil­fe e.V.. In die­sem Inter­view spre­chen wir mit der Mas­ter-Absol­ven­tin, die heu­te die Koor­di­na­ti­on der Jugend­prä­ven­ti­on bei der Ber­li­ner Aids-Hil­fe aus­führt, über ihren heu­ti­gen Beruf und ihren Weg dort­hin. 

Was genau machst du als Youthwork-Koordinatorin bei der Berliner Aids-Hilfe und wie sieht dein Arbeitsalltag aus? 

Cora Döhn: Ich bin aktu­ell die Koor­di­na­ti­on des You­thwork-Teams der Ber­li­ner Aids-Hil­fe. Das bedeu­tet, ich gestal­te gemein­sam mit mei­nem Team die Jugend­prä­ven­ti­on bei uns im Haus. Mei­ne Haupt­auf­ga­ben sind ver­gleich­bar mit der einer Pro­jekt­ma­na­ge­rin. Bei mir liegt unse­re Ehren­amts­ko­or­di­na­ti­on für unser Team sowie die Koor­di­na­ti­on mit den Lehr­kräf­ten und den Schu­len, die zu uns kom­men. Ich orga­ni­sie­re unse­re Events und Pro­jek­te – wie z.B. eine Schüler:innenkonferenz, Pro­jekt­ta­ge und Events zu Anläs­sen wie dem Welt Aids Tag. Ich schrei­be den News­let­ter an die Schu­len, ich betreue unse­re Social Media-Accounts und tra­ge die päd­ago­gi­sche Ver­ant­wor­tung für unser Kon­zept und für die Work­shop-Inhal­te wie auch die Aus­bil­dung der Ehren­amt­li­chen, die bei uns ankom­men. Außer­dem küm­me­re ich mich um die Team­ent­wick­lung bei uns intern. 

 

Ein Teil mei­ner Stel­le in der Ber­li­ner Aids-Hil­fe wid­met sich dem Team des Ehren­amts­ma­nage­ments. Wir eta­blie­ren eine wert­schät­zen­de Aus­bil­dungs­kul­tur für Ehren­amt­li­che der gesam­ten Ber­li­ner Aids-Hil­fe und hal­ten die­se auf­recht. Wer bei uns neu ehren­amt­lich anfängt, absol­viert ver­schie­de­ne Kur­se. Das sind zum Bei­spiel Kom­mu­ni­ka­ti­ons­trai­nings unter ande­rem mit Zuhör­tech­ni­ken – das bie­ten wir für unse­re Ehren­amt­li­che kos­ten­los an. Um unse­re Qua­li­täts­stan­dards ein­zu­hal­ten, sind die­se Kur­se bei uns auch ver­pflich­tend. Sie ler­nen auch die Ber­li­ner Aids-Hil­fe als Orga­ni­sa­ti­on samt ihrer Hal­tung ken­nen. So haben neue Ehren­amt­li­che hier auch noch­mal die Mög­lich­keit einen Abgleich zu machen, ob sie sich mit der poli­ti­schen Hal­tung der Ber­li­ner Aids-Hil­fe iden­ti­fi­zie­ren kön­nen und sich damit wohl­füh­len, die­se Hal­tung auch nach außen zu ver­tre­ten. 

 

Seit Neus­tem gehe ich auch mit in Test­be­ra­tun­gen. Das sind Bera­tun­gen bei uns im Haus, die vor einem Test auf HIV und ande­re sexu­ell über­trag­ba­re Infek­tio­nen ange­bo­ten wer­den. Da kön­nen Per­so­nen, die sich zum Bei­spiel auf HIV tes­ten las­sen möch­ten, erfah­ren, wie ein Test abläuft und wo sie sich hin­wen­den kön­nen, falls ein Test posi­tiv aus­fällt. 

Was motiviert dich, diesen Job auszuüben? 

 

Für mich ist die Ber­li­ner Aids-Hil­fe ein ganz ideell auf­ge­la­de­ner Arbeits­be­reich. Das fin­de ich wun­der­schön. Es ist eine Mischung aus Job und Lebens­ge­fühl. Die Arbeit ist sinn­voll und das ist sehr moti­vie­rend für mich. 

 

Das Team hält auch sehr zusam­men, was mich unge­mein moti­viert. Im Team gibt es fla­che Hier­ar­chien. Wir arbei­ten sehr gleich­be­rech­tigt und selbst­be­stimmt. 

 

Was hast du vor deinem Masterstudium gemacht? Und wie bist du dann dazu gekommen, dich neu zu orientieren? 

 

Ich war in einer Redak­ti­on in einem Online-Medi­um erst als Volon­tä­rin und dann als Redak­teu­rin tätig. Das hat mir zunächst viel Spaß gemacht. Mein Ste­cken­pferd-The­ma war die finan­zi­el­le Selbst­be­stim­mung von Frau­en in der Grün­dung und ihr Weg in die Selb­stän­dig­keit. Ich habe Infor­ma­tio­nen zusam­men­ge­tra­gen, von denen ande­re pro­fi­tie­ren kön­nen, die sich auch selbst­stän­dig machen wol­len. Mich hat also schon immer inter­es­siert, wel­che Infor­ma­tio­nen die Welt noch braucht. Auch hier woll­te ich unbe­dingt eine Art Bera­tungs­an­ge­bot schaf­fen. 

 

Nach mei­nem Quer­ein­stieg hat­te ich das Gefühl, kei­ne for­ma­le Qua­li­fi­ka­ti­on zu haben, um im Bereich sozia­le Arbeit anknüp­fen zu kön­nen. Für mich per­sön­lich war es also wich­tig, eine Zusatz­qua­li­fi­ka­ti­on zu erwer­ben, um mich hier wohl­zu­füh­len. Denn ich habe ein Selbst­ver­ständ­nis, dass ich mit hoher Pro­fes­sio­na­li­tät an neue Her­aus­for­de­run­gen her­an­ge­he. Den Mut und das Selbst­be­wusst­sein sowie das Know-How hät­te ich ohne das Stu­di­um lei­der nicht gehabt, mit dem ich jetzt mei­ne Arbeit aus­füh­ren kann. 

 

Das Errech­nen von Bilan­zen aus dem Stu­di­um bei­spiels­wei­se brau­che ich in mei­nem aktu­el­len Job zwar nicht mehr so im Detail, denn dafür haben wir hier im Haus die Buch­hal­tung und die Geschäfts­füh­rung. Aber trotz­dem gehe ich durch die­ses erwor­be­ne Wis­sen kom­pe­tent mit Bud­gets für mei­nen Arbeits­be­reich um. Das gibt natür­lich auch mei­nen Chef:innen Sicher­heit und Ver­trau­en.  

Den Mut und das Selbst­be­wusst­sein sowie das Know-How hät­te ich ohne das Stu­di­um lei­der nicht gehabt, mit dem ich jetzt mei­ne Arbeit aus­füh­ren kann. 

 

Konntest du Arbeit und Studium gut unter einen Hut bringen? Und hat das ausgereicht, um dein Leben und die Studienkosten zu finanzieren? 

 

Ich habe das Stu­di­um 2018 begon­nen und 2020 habe ich den Abschluss gemacht. Finan­ziert habe ich das Gan­ze dadurch, dass ich par­al­lel gear­bei­tet habe. Ich habe in der Zeit des Stu­di­ums ca. 10 Stun­den bei der Ber­li­ner Aids Hil­fe im Ehren­amts­ma­nage­ment gear­bei­tet und neben­bei selbst­stän­dig als Deutsch als Fremd­spra­che Leh­re­rin. 

 

Zuge­ge­be­ner­ma­ßen war damals der Mie­ten­wahn­sinn auch noch nicht so extrem wie jetzt. Es war also für mich stemm­bar. In der Steu­er­erklä­rung kam mir das Stu­di­um spä­ter auch zugu­te. Ich war zu dem Zeit­punkt bereits ver­hei­ra­tet. Das Stu­di­um habe ich abset­zen kön­nen, was finan­zi­ell eine gro­ße Erleich­te­rung war.  

 

Nach einem vol­len Prä­senz­tag an der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie hat­te man auch das Gefühl, ganz viel mit­ge­nom­men zu haben. Und natür­lich habe ich mich dann auch am Wochen­en­de noch ein­mal hin­ge­setzt und bin alles durch­ge­gan­gen und habe ich eben Mathe gepaukt oder nach­ge­holt, wie ich Social Media Inhal­te gut gestal­ten kann. Ich habe mich dann auch mit mei­nen Kommiliton:innen in Lern­grup­pen getrof­fen. Wir haben das Stu­di­um schon sehr ernst genom­men. 

Es wird sehr gut dar­auf ein­ge­gan­gen, dass Men­schen in dem Stu­di­um meist Vollzeit-Arbeitnehmer:innen sind.

 

Es kommt wirk­lich auch dar­auf an, wie man Prio­ri­tä­ten gut setzt. Das Stu­di­um an der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie in Sozi­al­ma­nage­ment ist her­aus­for­dernd, aber nicht über­for­dernd. Denn es wird sehr gut dar­auf ein­ge­gan­gen, dass Men­schen in dem Stu­di­um meist Vollzeit-Arbeitnehmer:innen sind. Außer­dem wuss­ten wir auch alle Ter­mi­ne vor­her. So konn­te ich im Vor­hin­ein immer sehr gut mit mei­nem Arbeit­ge­ber abspre­chen, wann ich arbei­ten kann und wann nicht. 

Das Stu­di­um habe ich abset­zen kön­nen, was finan­zi­ell eine gro­ße Erleich­te­rung war. 

 

Wie waren der Austausch und Kontakt unter den Studierenden? 

 

Sehr gut. Aller­dings kam dann die Coro­na-Pan­de­mie 2020. Das hat lei­der dazu geführt, dass unser letz­tes Semes­ter und auch unse­re Abschluss­fei­er nur über Zoom statt­fin­den konn­te. Vie­le Leu­te, mit denen ich im Stu­di­um sehr eng war, habe ich dann andert­halb Jah­re nicht mehr zu Gesicht bekom­men.  

Eine Freund­schaft hat sich pri­vat gehal­ten. Aber auch, wenn ich mit allen ande­ren nicht jeden Tag im Kon­takt ste­he, weiß ich mit Sicher­heit, dass ich auf sie heu­te immer noch zuge­hen und wir uns beruf­lich aus­tau­schen könn­ten. 

 

Welche Inhalte des Studiums konntest du im Berufsleben unmittelbar anwenden? 

 

Die Social Media-Inhal­te haben mir sehr viel Sicher­heit gege­ben. Da ging es dar­um, wie ich zum Bei­spiel reagie­ren kann, wenn ein Shit­s­torm kommt oder wie schnell man auf sol­che Inhal­te reagie­ren soll­te. Aber auch das recht­li­che Wis­sen in die­sem Zusam­men­hang war sehr wich­tig für mei­ne Arbeit heu­te. Social Media ist schließ­lich nicht nur ein Fun-Fak­tor mei­nes Arbeits­be­reichs, son­dern ein inte­gra­ler Bestand­teil.  

 

Ganz wich­tig war auch das The­ma Diver­si­tät und Diver­si­täts­ori­en­tie­rung. Wie schafft man es, den Arbeits­be­reich divers zu gestal­ten? Es ist sehr span­nend, wie kom­plex und schwie­rig das eigent­lich ist. Das spielt auch in unse­rem Arbeits­all­tag heu­te eine gro­ße Rol­le.  

Ich habe ein Ver­ständ­nis dafür bekom­men, wie wirt­schaft­lich eine sozia­le Orga­ni­sa­ti­on eigent­lich arbei­ten muss und was alles dahin­ter­steckt. 

Außer­dem konn­te ich im Stu­di­um ein grund­sätz­li­ches Ver­ständ­nis davon erwer­ben, wie die Sozi­al­wirt­schaft funk­tio­niert. Finan­zie­rungs­fra­gen spie­len im sozia­len Bereich immer eine ganz gro­ße Rol­le. Denn Res­sour­cen sind chro­nisch knapp und müs­sen des­halb immer ziel­ge­rich­tet und effi­zi­ent ein­ge­setzt wer­den. Dar­um ist man ange­hal­ten, sehr exakt zu sein und sehr gut zu pla­nen. Dahin­ge­hend hat das Stu­di­um mei­nen Hori­zont sehr erwei­tert. Ich habe ein Ver­ständ­nis dafür bekom­men, wie wirt­schaft­lich eine sozia­le Orga­ni­sa­ti­on eigent­lich arbei­ten muss und was alles dahin­ter­steckt. So habe ich das Selbst­be­wusst­sein erlangt, mich im sozia­len Bereich fle­xi­bel zu bewe­gen und mit­re­den zu kön­nen. Das hat mir per­sön­lich am aller­meis­ten gebracht. 

 

Haben sich deine Erwartungen an das Studium erfüllt? 

 

Am Anfang hat­te ich die Vor­stel­lung, dass ich schon viel wis­sen wer­de und die Stu­di­en­in­hal­te mich eher dar­in bestär­ken wer­den, dass ich im rich­ti­gen Arbeits­feld ange­kom­men bin. Ich habe mich also ehr­li­cher­wei­se zunächst gefragt, ob mir das Stu­di­um was bringt oder ob ich es als per­sön­li­chen Selbst­be­wusst­seins-Boost benö­ti­ge. Ich war jedoch spä­tes­tens nach dem ers­ten Semes­ter davon über­zeugt, wie qua­li­ta­tiv hoch­wer­tig und wie divers die Inhal­te des Stu­di­ums sind. Es hat mir rück­bli­ckend sehr viel gehol­fen, mich im Arbeits­feld der Sozi­al­wirt­schaft gut bewe­gen zu kön­nen.   

Ich war (…) nach dem ers­ten Semes­ter davon über­zeugt, wie qua­li­ta­tiv hoch­wer­tig und wie divers die Inhal­te des Stu­di­ums sind.

 

Was hat dir im Studium gefehlt? 

 

Wäh­rend mei­nes Stu­di­ums war ich noch eine rela­tiv neue Mit­ar­bei­te­rin mit wenig Stun­den. So hat­te ich noch nicht so kom­ple­xe Arbeits­be­rei­che und auch nicht so viel Ver­ant­wor­tung wie heu­te. Die Manage­ment-Inhal­te im Stu­di­um waren des­halb zwar sehr prak­tisch und für mich total span­nend, aber die Inhal­te pas­sier­ten für mich noch im luft­lee­ren Raum. In mei­ner Arbeits­pra­xis wur­den die Inhal­te erst spä­ter rele­vant. Glück­li­cher­wei­se konn­te ich vie­les Wis­sen wie­der abru­fen als ich es brauch­te.  

 

Den­noch wür­de ich manch­mal ger­ne noch mal die Zeit zurück­dre­hen und einen Kurs dar­in bele­gen, um mein Wis­sen auf­zu­fri­schen. Dann könn­te ich par­al­lel zu dem, was ich theo­re­tisch gelernt habe, jetzt die Mög­lich­keit nut­zen, das prak­tisch anzu­wen­den. Auch das Coa­ching, das im Stu­di­um ange­bo­ten wur­de, konn­te ich dahin­ge­hend noch nicht gut in Anspruch neh­men.  

Vie­len Dank für das Inter­view.

 

An der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie bie­ten wir im Berufs­feld Ehren­amts­ma­nage­ment einen Zer­ti­fi­kats­kurs an. Dazu haben wir mit Cora Döhn, die auf die­sem Gebiet heu­te Exper­tin ist, gespro­chen. Der Bei­trag dazu wird bald im Online-Maga­zin erschei­nen.

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Redak­ti­on: Julia Mann (Pari­tä­ti­sche Aka­de­mie Ber­lin)

Foto im Titel­bild: Cora Döhn in ihrem Büro der Ber­li­ner Aids-Hil­fe e.V. (Foto: Ele­na Gav­risch)

Sozi­al­ma­nage­ment, Mas­ter of Arts

Berufs­be­glei­ten­der Stu­di­en­gang

Start: Okto­ber 2024

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Zertifikatskurs

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April 2024 | Neue Arbeits­wel­ten

Die Seeschule Rangsdorf auf dem Weg zur agilen und selbstorganisierten Bildungseinrichtung

Mela­nie Roy und Sophie Eck­art arbei­ten im Bereich Wohn­grup­pe und Inter­nat an der See­schu­le Rangsdorf. Sie ver­fol­gen das Ziel, die Effek­ti­vi­tät, Attrak­ti­vi­tät und Qua­li­tät ihres Arbeits­felds stei­gern. Dabei pro­bier­ten sie ver­schie­de­ne Metho­den des agi­len Arbei­tens aus. In der Pio­nier­werk­statt Agi­li­tät an der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie Ber­lin wur­den sie dabei über ein Jahr lang beglei­tet. Im Inter­view erzäh­len sie uns anhand von 9 Fra­gen, was sie nun anders machen.

Die See­schu­le Rangsdorf ist mehr als eine gewöhn­li­che Schu­le. Auf dem Gelän­de am Rangsdor­fer See des seit1989 bestehen­den Ver­eins gibt es Ober­schu­le, Gym­na­si­um und Kita und auch ein Inter­nat mit inte­grier­ter Wohn­grup­pe.

Was ist die Seeschule Rangsdorf für eine Einrichtung und wie viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind dort täglich unterwegs?

Mela­nie Roy: Wir betrei­ben als Ver­ein einen Cam­pus bestehend aus Ober­schu­le und Gym­na­si­um ab 7. Klas­se, eine Kita, eine Wohn­grup­pe, als auch ein Inter­nat. Wir arbei­ten inklu­siv. Wir erwei­tern mit­tel­fris­tig unse­re Kita und ergän­zen um den Bereich BEW sowie ambu­lan­te Hil­fen.

Die Schu­len haben Platz für 250 Kin­der, wovon etwa ein Vier­tel auf dem Gelän­de woh­nen kann. Lei­der nicht in der schul­frei­en Zeit, dafür aber mitt­ler­wei­le auch an jedem 2. Wochen­en­de. Etwa 73 Mit­ar­bei­ten­de dürf­ten auf dem Gelän­de unter­wegs sein.

Für welche Bereiche seid ihr beide speziell tätig?

Mela­nie Roy: Ich bin für den Bereich Wohn­grup­pe und Inter­nat zustän­dig und füh­re dort die Geschäf­te. Es macht mir Freu­de, The­men, Struk­tu­ren als auch Pro­ble­me zu betrach­ten und nach Ideen zu schau­en, die wir nut­zen kön­nen, um uns wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Ich lie­be es, Ver­bes­se­run­gen zu rea­li­sie­ren.

 

Sophie Eck­art: Ich bin päd­ago­gi­sche Mit­ar­bei­te­rin. Mein Tätig­keits­be­reich unter­glie­dert sich in zwei ver­schie­de­ne

Berei­che. Im Früh­dienst beglei­te ich die Jugend­li­chen der Wohn­grup­pe im schu­li­schen Kon­text. Das bedeu­tet, dass wir Unter­richts­hos­pi­ta­tio­nen durch­füh­ren, den Jugend­li­chen und Leh­rern zur Sei­te ste­hen, wenn Pro­ble­ma­ti­ken auf­tre­ten und jeder­zeit Ansprech­part­ner für unse­re Schütz­lin­ge sind. Im Nach­mit­tags­be­reich beglei­te ich die

Jugend­li­chen im All­tag. Das inklu­diert unter ande­rem ver­schie­de­ne Grup­pen­an­ge­bo­te, Beglei­tung von Lern­zei­ten, Gesprä­che zu jeg­li­chen Anlie­gen, um die best­mög­li­che Unter­stüt­zung für die Jugend­li­chen zu errei­chen. Uns ist es wich­tig jeden Jugend­li­chen als Indi­vi­du­um zu sehen und ihm einen best­mög­li­chen Rah­men zu bie­ten, um sich wei­ter­zu­ent­wi­ckeln und zu einer eigen­stän­di­gen Per­sön­lich­keit her­an­zu­wach­sen.

 

Mit welchem Ziel habt ihr euch dazu entschieden, an der Pionierwerkstatt der Paritätischen Akademie teilzunehmen? Wie kam es dazu?

Mela­nie Roy: Ich habe vor fast 3 Jahr­zehn­ten mei­ne Diplom­ar­beit über das The­ma „sozia­le Arbeit als orga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­le­ri­sche Tätig­keit“ geschrie­ben. Wirt­schafts­be­grif­fe in die sozia­le Arbeit zu über­tra­gen war für die Dozie­ren­den an der Fach­hoch­schu­le Frank­furt am Main mit ihrem alt 68er Charme ein gewis­ser Affront zur dama­li­gen Zeit. Da war „Sozi­al­ma­nage­ment“ noch kein Begriff. Das habe ich dann spä­ter noch berufs­be­glei­tend stu­diert.

Mir sind im Lau­fe der Zeit mit zuneh­men­dem Trend die The­men New Work, agil, inte­gral und so wei­ter vor die Füße gefal­len. Natür­lich auch das Buch von Fré­dé­ric Laloux „Reinven­ting Orga­niza­ti­ons“*. Mit den Inhal­ten saß ich dann ver­zwei­felt da und habe mich gefragt, wie das in den sozia­len Arbeits­be­reich zu über­tra­gen ist. Ich habe zwar gefühlt, dass die Para­dig­men eine gute Sache sind, aber kei­ne Ahnung gehabt, wie und ob das zu imple­men­tie­ren geht.

Dann hat­te ich die ers­ten Fort­bil­dun­gen bei Björn Schmitz an der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie zu die­sem The­ma. So sind die Puz­zle­tei­le dann an ihren Platz gefal­len. Anstel­le von Lei­tungs­su­per­vi­si­on, habe ich die „Füh­rungs­nug­gets“ mit mög­lichst vie­len Mit­ar­bei­tern aus dem Lei­tungs­team genutzt. Die Pio­nier­werk­statt war in Fol­ge ein groß­ar­ti­ges For­mat, um mit die­sen The­men am Ball zu blei­ben. Und die Ein­la­dung, das zu zweit zu machen, also Füh­rungs­kraft und Mitarbeiter:in, fin­de ich geni­al. Anfangs hat mir das etwas Sor­gen berei­tet, aber rück­bli­ckend war das nicht nötig. Da wir das Glück hat­ten, För­der­mit­tel bei der ILB** bean­tra­gen zu kön­nen haben wir die Kos­ten auch auf 2 für 1 redu­zie­ren kön­nen.

Sophie Eck­art: Mela­nie sprach mich im ver­gan­ge­nen Jahr an und erzähl­te mir von die­ser Wei­ter­bil­dung und frag­te mich im Zuge des­sen, ob ich Lust hät­te dies gemein­sam mit ihr im Tan­dem zu machen. Zunächst konn­te ich mir wenig dar­un­ter vor­stel­len. Wie kann ich, als päd­ago­gi­sche Mit­ar­bei­te­rin, auch davon pro­fi­tie­ren? Da es lang­fris­tig jedoch mein Ziel ist, eine Lei­tungs­po­si­ti­on zu über­neh­men, erschloss sich mir schnell, wie auch ich dies für mei­ne beruf­li­che Zukunft nut­zen kann. Hin­zu kam, dass Mela­nie sehr begeis­tert von der Arbeit des Dozen­ten Björn Schmitz aus ihren bis­he­ri­gen Fort­bil­dun­gen berich­te­te. Das The­men­ge­biet weck­te schon nach den ers­ten Ter­mi­nen gro­ßes Inter­es­se bei mir und wir konn­ten gemein­sam schau­en, wie wir als Insti­tu­ti­on und vor allem wir als Team uns wei­ter­ent­wi­ckeln kön­nen.

Das waren ja erst­mal vie­le Lei­tungs- und Füh­rungs­the­men, die für mich vor­her nicht ganz greif­bar waren. Im Nach­hin­ein muss ich sagen, fand ich das unfass­bar gewinn­brin­gend für uns bei­de und auch fürs Team. Es steht nicht eine Per­son allein da und muss das Gan­ze eta­blie­ren und umset­zen, son­dern wir kön­nen gemein­sam schau­en, was wich­tig ist und was wir davon nut­zen kön­nen.

Das zu Zweit zu machen, also Füh­rungs­kraft und Mitarbeiter:in, fin­de ich geni­al. Anfangs hat mir das etwas Sor­gen berei­tet, aber rück­bli­ckend war das nicht nötig. Da wir das Glück hat­ten, För­der­mit­tel bei der ILB bean­tra­gen zu kön­nen, haben wir die Kos­ten auch auf 2 für 1 redu­zie­ren kön­nen.

Mela­nie Roy

Habt ihr eigene Themen mit in die Werkstatt gebracht, für die ihr nun Lösungsansätze entwickeln konntet?  

Mela­nie Roy: Zu Beginn der Werk­statt haben wir her­aus­ge­fun­den, dass uns das The­ma Mee­ting­kul­tur sehr beschäf­tigt und wir uns das vor­neh­men möch­ten. Das, was wir als „schlecht“ emp­fun­den haben, hat dann erst­mal Namen bekom­men: Pop­corn-Info- und Trich­ter­ver­an­stal­tung, zu wenig Dyna­mik, man­geln­de Vor­be­rei­tung, wem gehört die Sit­zung, sit­zen die rich­ti­gen Leu­te am Tisch und so wei­ter.

Wir konn­ten das ein­brin­gen, haben Feed­back bekom­men und haben uns danach einen neu­en Plan gemacht. Zu die­sem Pro­zess gehör­te auf jeden Fall sowas wie: Sor­ten­rein­heit des Mee­tings, Check-In und Aus­wer­tung, More Dra­ma, Fokus auf das Beein­fluss­ba­re, kein Mee­ting ohne Mode­ra­ti­on, Ein­be­zie­hung aller, Metho­den anwen­den, Vor­be­rei­tung, Ein­füh­rung bestimm­ter For­ma­te, Kan­ban Bords, und vie­les mehr. 

  

Aber auch für ande­re Vor­ha­ben im Betrieb haben wir kon­kre­te Unter­stüt­zung bekom­men, damit wir uns erst­mal im Wald der Mög­lich­kei­ten ori­en­tie­ren kön­nen.

Hat sich eure Meetingkultur seitdem verbessert?   

Sophie Eck­art: Wir sind auf dem Weg und haben einen guten Anfang gemacht. Auch, wenn es viel­leicht manch­mal hart war, haben wir gutes Feed­back bekom­me. Nach­dem wir unse­re Ideen bei der Fort­bil­dung vor­ge­stellt hat­ten, haben wir sowohl von den Teil­neh­men­den als auch von Björn Schmitz gute Anre­gun­gen erhal­ten. Dar­auf­hin konn­ten wir schau­en, wie wir nach­jus­tie­ren kön­nen und was wir ver­än­dern kön­nen. Beson­ders gut war, dass es auch immer einen Rück­blick gab. Da haben wir uns ange­se­hen, was wir im letz­ten Ter­min mit­ge­nom­men haben, was wir umge­setzt und aus­pro­biert haben und wo wir wei­ter anset­zen wol­len. Wir sind noch lan­ge nicht am Ende ange­kom­men und freu­en uns gemein­sam mit dem Team neue Metho­den aus­zu­pro­bie­ren und zu eta­blie­ren. 

Wie soll sich euer Bereich der Jugendhilfe an der Seeschule Rangsdorf entwickeln? 

Mela­nie Roy: Für unse­ren Bereich habe ich die Hoff­nung, dass alle Spaß an der Arbeit haben, jeder die ein oder ande­re Metho­de fin­det, die auch auf ande­rer Ebe­ne hilf­reich sein kann, das Mit­ein­an­der dadurch viel­fäl­ti­ger wird, Lösun­gen schnel­ler gefun­den wer­den, sich jeder auf sei­nem Pos­ten kom­pe­tent und hand­lungs­fä­hig fühlt, Ein­fluss­be­rei­che geklärt sind, unnö­ti­ge Regeln über Bord gehen und durch Rele­van­tes ersetzt wer­den, dass Ver­än­de­rung zum All­tag gehö­ren kann. Und muss, denn von unse­ren Jugend­li­chen erwar­ten wir genau das. 

Welche Tools oder Methoden nehmt ihr mit? Was hat euch besonders geholfen?

Mela­nie Roy: Für mich war der größ­te Aha-Moment die Erkennt­nis, dass wir, wie Björn Schmitz es sagt, „irrend vor­an rob­ben“ kön­nen. Bis­her habe ich mich nach Fort­bil­dun­gen noch nicht fort­ge­bil­det genug gefühlt, um Din­ge umzu­set­zen und habe lie­ber noch eine Aus­bil­dung gemacht. Oder das The­ma begra­ben. Das ist hier ein ganz gra­vie­ren­der Unter­schied für mich gewe­sen. Ich bin ein­ge­deckt mit Metho­den und Infor­ma­tio­nen und füh­le mich frei, dar­aus ein­fach Din­ge aus­zu­pro­bie­ren. Nach und nach eta­bliert sich das ein oder ande­re im All­tag.  

 

Sophie Eck­art: Wir haben bei der Wei­ter­bil­dung so vie­le Metho­den an die Hand bekom­men, wel­che wir nach und nach für uns aus­pro­bie­ren wer­den. Mela­nie und ich schau­en gemein­sam, wel­che Metho­den wir zu bestimm­ten The­men anwen­den kön­nen und haben uns hier schon eine klei­ne Struk­tur ange­legt. Ers­te Metho­den sind bereits eta­bliert und ande­re wer­den wir in der Zukunft auf jeden Fall noch aus­pro­bie­ren. Lear­ning by doing ist hier die maß­geb­li­che Rich­tung. Wir sind durch die Wei­ter­bil­dung auf jeden Fall pro­bier­freu­di­ger gewor­den. Gehol­fen hat mir vor allem auch immer wie­der der gemein­sa­me Rück­blick in der Grup­pe, was wur­de bereits aus­pro­biert und was wol­len wir in Zukunft noch aus­pro­bie­ren. Hier­durch konn­ten wir durch die ande­ren Teil­neh­men­den und Björn Schmitz eine Rück­mel­dung erhal­ten und wei­te­re Ideen ent­wi­ckeln. 

 

Die Feh­ler­freund­lich­keit ist auch ein wich­ti­ger Aspekt für mich. Am Anfang woll­ten alles am bes­ten ganz genau durch­pla­nen. Doch es muss eigent­lich gar nicht per­fekt sein. Wir haben es gera­de sel­ber erst gelernt. So kom­mu­ni­zie­ren wir das auch dem Team. Wir pro­bie­ren jetzt ein­fach mal aus und dann gucken wir, ob es passt oder nicht, oder ob wir etwas nach­jus­tie­ren. Ansons­ten haben wir wirk­lich vie­les an die Hand bekom­men und sepa­rie­ren jetzt gera­de ein­fach für uns. Was kön­nen wir mit­neh­men? Was kön­nen wir für die Team­sit­zung und für die Fall­be­spre­chun­gen anwen­den und was bringt uns wei­ter? 

Bisher habe ich mich nach Fort­bil­dun­gen noch nicht fort­ge­bil­det genug gefühlt, um Din­ge umzu­set­zen und habe lie­ber noch eine Aus­bil­dung gemacht. Oder das The­ma begra­ben. Das ist hier ein ganz gra­vie­ren­der Unter­schied für mich gewe­sen.

Mela­nie Roy

Konntet ihr von den anderen Teilnehmenden aus sozialen Einrichtungen etwas für euch mitnehmen? 

Mela­nie Roy: Ja, auf jeden Fall. Das kommt zum Wert der Fort­bil­dung noch oben­drauf, dass ich von den ande­ren ler­nen kann und etwas über die ande­ren Arbeits­be­rei­che erfah­re. Es war dar­über hin­aus eine super net­te Grup­pe, in der sich jeder gut öff­nen konn­te.  

 

Sophie Eck­art: Der Aus­tausch mit den ande­ren Teil­neh­mern war wirk­lich sehr pro­duk­tiv. Auch wenn es unter­schied­li­che Ein­rich­tun­gen waren, konn­ten gemein­sa­me Pro­ble­ma­ti­ken abge­gli­chen wer­den und gegen­sei­ti­ge Rat­schlä­ge aus­ge­tauscht wer­den. Außer­dem war es gut durch die ande­ren Teil­neh­mer ganz ande­re Per­spek­ti­ven zu erlan­gen. För­der­lich war hier natür­lich sehr die Offen­heit und Unvor­ein­ge­nom­men­heit der Grup­pe. 

Es muss eigent­lich gar nicht per­fekt sein. Wir haben es gera­de sel­ber erst gelernt. So kom­mu­ni­zie­ren wir das auch dem Team. Wir pro­bie­ren jetzt ein­fach mal aus und dann gucken wir, ob es passt oder nicht, oder ob wir etwas nach­jus­tie­ren.

Sophie Eck­art

Wie konntet ihr die intensive Fortbildung mit eurem Arbeitsalltag organisieren? Habt ihr Tipps für zukünftige Teilnehmende? 

Mela­nie Roy: Für mich ist das weni­ger ein Pro­blem, weil ich nicht aus einem Dienst­plan her­aus­fal­le. Ich fand das For­mat als Kom­bi­na­ti­on aus ana­log und digi­tal ganz her­vor­ra­gend gewählt. Es war auch aus­rei­chend Zeit dazwi­schen, um sich mit dem Gelern­ten zu beschäf­ti­gen.  

 

Sophie Eck­art: Da die Ter­mi­ne lan­ge im Vor­aus bekannt waren, konn­ten die Diens­te dem­entspre­chend früh­zei­tig geplant und ver­tre­ten wer­den. Das war dann rela­tiv gut mach­bar. Wich­tig ist jedoch, dass man sich eben­falls Zeit ein­räumt, um die Wei­ter­bil­dung für sich zu reflek­tie­ren und zu schau­en, was man an Metho­den inte­grie­ren kann. 

 

Vie­len herz­li­chen Dank für das Inter­view! Wir wün­schen euch noch viel Erfolg bei der Wei­ter­ver­fol­gung eurer Zie­le in der See­schu­le Rangsdorf (hier ler­nen Schüler*innen indi­vi­du­ell und moti­viert fern­ab vom Stress – mehr über die See­schu­le).

 

Die Pio­nier­werk­statt 2024 star­tet im Juli! Mel­den Sie sich jetzt an!

 

*Im Bei­trag erwähn­tes Buch: Laloux, F. (2015). Reinven­ting Orga­niza­ti­ons: Ein Leit­fa­den zur Gestal­tung sinn­stif­ten­der For­men der Zusam­men­ar­beit (M. Kausch­ke, Übers.; 1. Aufl.). Vah­len, Franz. 

**ILB = Inves­ti­ti­ons­bank des Lan­des Bran­den­burg des Minis­te­ri­ums für Wirt­schaft, Arbeit und Ener­gie des Lan­des Bran­den­burg 

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Redak­ti­on: Julia Mann (Pari­tä­ti­sche Aka­de­mie Ber­lin)

Foto im Titel­bild: See­schu­le Rangsdorf e.V.

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Sep­tem­ber 2023 | Manage­ment

Verhinderte Fachkräfte – Wie qualifizierte Frauen mit Fluchterfahrung auf ihrem Weg in den deutschen Arbeitsmarkt ausgeschlossen werden

Gut qua­li­fi­zier­te mus­li­mi­sche Frau­en arbei­ten unter ihrem Qua­li­fi­ka­ti­ons­ni­veau bzw. im Hel­fer­be­reich. Das stellt Forough Hos­sein Pour in ihrer Bera­tungs­tä­tig­keit von Frau­en mit Flucht­er­fah­run­gen immer wie­der fest. Um sich mit den Grün­den näher zu befas­sen, unter­sucht sie die Situa­ti­on im Rah­men Ihres Bache­lor­stu­di­ums Sozia­le Arbeit an der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie Ber­lin*. Eine her­aus­ra­gen­de Arbeit, auf die auch die Fried­rich-Ebert-Stif­tung auf­merk­sam gewor­den ist.

Heu­te arbei­tet Frau Hos­sein Pour mit ihrer Exper­ti­se im Rah­men ihrer Tätig­keit als Bil­dungs­be­ra­te­rin an Publi­ka­tio­nen mit und setzt sich damit gegen ras­sis­ti­sche Dis­kri­mi­nie­rung auf dem Arbeits­markt ein. Im Inter­view spre­chen wir mit ihr über die Aspek­te der Mehr­fach­dis­kri­mi­nie­rung von mus­li­mi­schen Frau­en aus ihrer Bera­tungs­pra­xis und wie sie im berufs­be­glei­ten­den Bache­lor­stu­di­um tie­fer in die Mate­rie ein­stei­gen konn­te.

Frau Hossein Pour, wo waren Sie vor dem Studium tätig und was hat Sie dazu motiviert, Soziale Arbeit an der Paritätischen Akademie Berlin zu studieren?

Hos­sein Pour: Ich arbei­te seit August 2016 als Bil­dungs- und Berufs­be­ra­te­rin für Frau­en mit Flucht­er­fah­rung und Migra­ti­ons­ge­schich­te bei KOBRA, einem Pro­jekt, das im Rah­men der Gleich­stel­lung vom Land Ber­lin öffent­lich geför­dert wird. Seit­dem beschäf­ti­ge ich mich täg­lich mit der Fra­ge des Über­gangs­ma­nage­ments für Rat­su­chen­de mit aus­län­di­schen Abschlüs­sen bzw. mit deren ein­ge­schränk­ten Zugang zu Rech­ten und Teil­ha­be­mög­lich­kei­ten.

Die Ursa­chen die­ser struk­tu­rel­len Benach­tei­li­gung zu erfor­schen war mei­ne größ­te Moti­va­ti­on. Da unser Trä­ger, der Ber­li­ner Frau­en­bund 1945 e.V., Mit­glied des Pari­tä­ti­schen Wohl­fahrts­ver­bands Ber­lin ist, kam uns der Start des berufs­be­glei­ten­den Stu­di­ums im Herbst 2019 sehr ent­ge­gen. So habe ich mich in Abspra­che mit mei­ner Vor­ge­setz­ten Frau Dr. Hil­de­gard Schi­cke für das berufs­be­glei­ten­de Stu­di­um der Sozia­len Arbeit an der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie ent­schie­den. 

Welche Themen hat das Bachelorstudium aufgegriffen, die Sie direkt in Ihrer Tätigkeit

anwenden konnten?

Hos­sein Pour: Die Rechts-Modu­le (Grund­si­che­rung, Fami­li­en­recht, das All­ge­mei­ne Gleich­stel­lungs­ge­setz, Auf­ent­halts- und Asyl­recht) waren für mich sehr pra­xis­nah. Denn Asyl­su­chen­de fin­den sich nach ihrer Ankunft in Deutsch­land in einem hoch­kom­ple­xen, selek­ti­ven und beson­ders dyna­mi­schen Ver­wal­tungs­pro­zess wie­der.

Die Logik des Auf­ent­halts­rechts und Ver­wal­tungs­rechts zu ver­ste­hen, kom­ple­xe Frag­stel­lun­gen ana­ly­sie­ren zu kön­nen und unse­re Pro­fes­si­on als „Sozia­le Anwalt­schaft“ gegen­über den Rat­su­chen­den zu begrei­fen, gab mir die Kom­pe­tenz die Inter­es­sen der Frau­en bes­ser durch­zu­set­zen.

In Ihrer Abschlussarbeit haben Sie sich mit Mehrfachdiskriminierung von qualifizierten muslimischen Frauen mit Fluchterfahrung beschäftigt. Wie sind Sie zu dem Thema gekommen? Haben Ihnen dabei Inhalte aus dem Studium geholfen?

Hos­sein Pour: Die Fra­ge nach beruf­li­chen Per­spek­ti­ven von geflüch­te­ten Frau­en in Deutsch­land gehört zu mei­ner täg­li­chen Arbeit als Bil­dungs­be­ra­te­rin bei KOBRA.

Wir bera­ten qua­li­fi­zier­te mus­li­mi­sche Frau­en, die aus­ge­spro­chen erwerbs­ori­en­tiert sind und eine qua­li­fi­ka­ti­ons­ad­äqua­te Beschäf­ti­gung suchen. Sie kom­men, aber auf dem Arbeits­markt nicht an. Gleich­zei­tig haben wir eine Arbeits­markt­for­schung, die die man­gel­haf­te Arbeits­markt­in­te­gra­ti­on dar­auf zurück­führt, dass die geflüch­te­ten Frau­en kein Human­ka­pi­tal mit­brin­gen, in tra­di­tio­nel­len Fami­li­en leben und für Kin­der sor­gen, oder durch gesund­heit­li­che Ein­schrän­kun­gen belas­tet sind.

Im Juni 2022 wur­de die quan­ti­ta­ti­ve Stu­die zu „Ras­sis­ti­schen Rea­li­tä­ten in Deutsch­land“ des Natio­na­len Dis­kri­mi­nie­rungs- und Ras­sis­mus­mo­ni­tors (NaDi­Ra) ver­öf­fent­licht, die den Ras­sis­mus in Struk­tu­ren und im All­tag von ras­si­fi­zier­ten Men­schen nach­weist. Ich erkann­te, dank der Theo­rien sozia­ler Ungleich­heit des Moduls Sozio­lo­gie und der im Modul Gen­der und Diver­si­ty ver­mit­tel­ten Post­ko­lo­nia­len Per­spek­ti­ven, dass wir es hier mit einer For­schungs­lü­cke zu tun haben. Die NaDi­Ra-Stu­die bestä­tig­te mei­ne Annah­me, dass die­ser Ansatz der Berufs­for­schung die Bar­rie­ren beim Zugang zum Arbeits­markt, die mus­li­mi­schen Frau­en behin­dern, nicht erklä­ren kann. Denn er beruht aus­schließ­lich auf Geschlech­ter­dif­fe­ren­zie­rung, was nicht aus­reicht. Wir brau­chen auch eine qua­li­ta­ti­ve For­schung, die die Mecha­nis­men des Ras­sis­mus als Trei­ber der sozia­len Ungleich­heit im deut­schen Kon­text unter­sucht.

Was macht es weiblichen muslimischen Fachkräften mit Fluchterfahrung in Deutschland so schwer ihrem Abschluss entsprechend arbeiten zu können? Und wie genau haben Sie das untersucht?

Hos­sein Pour: In der Ana­ly­se konn­te ich drei struk­tu­rel­le Bar­rie­ren für qua­li­fi­zier­te mus­li­mi­sche Frau­en mit Flucht­er­fah­rung iden­ti­fi­zie­ren, die sie auf dem Weg in eine aus­bil­dungs­ad­äqua­te Erwerbs­ar­beit aus­schlie­ßen.:

(1) Der Kampf um einen gesi­cher­ten Auf­ent­halts­sta­tus. Hier geht es um Frau­en, die im Asyl­ver­fah­ren sind und die gemäß der Gesetz­ge­bung auf­grund ihres Her­kunfts­lan­des der Kate­go­rie „Geflüch­te­te mit einer schlech­ten Blei­be­per­spek­ti­ve‘“ zuge­teilt wer­den. Hier wur­de deut­lich, dass ihre mit­ge­brach­te Qua­li­fi­ka­ti­on kei­ne Rol­le spielt. Es wird ihnen statt­des­sen der Weg über eine Aus­bil­dung als Garan­tie für eine Blei­be­recht gebo­ten. 

(2) Der Kampf um die Aner­ken­nung der im Her­kunfts­land erwor­be­nen Qua­li­fi­ka­tio­nen. Hier wur­de deut­lich, dass Per­so­nen aus bestimm­ten Län­dern durch selek­ti­ve Ver­fah­rens­be­stim­mung von einer Gleich­wer­tig­keits­prü­fung aus­ge­schlos­sen wer­den.

(3) Der Kampf gegen die Dis­kri­mi­nie­rung von mus­li­mi­schen Frau­en mit Kopf­tuch auf dem Arbeits­markt. Hier konn­te gezeigt wer­den, dass Frau­en, deren im Aus­land erwor­be­ne aus­län­di­sche Qua­li­fi­ka­ti­on in Deutsch­land aner­kannt wur­de und die ein Kopf­tuch tra­gen, trotz allem kei­ne bil­dungs­ad­äqua­ten Jobs bekom­men.

Ich habe die Lebens­be­din­gun­gen von drei Frau­en mit Flucht­er­fah­rung unter­sucht, die ihre Hoch­schul­qua­li­fi­ka­ti­on im Aus­land erwor­ben hat­ten und moti­viert waren, in Ber­lin in ihrem Berufs­feld zu arbei­ten. Dafür habe ich mit Hil­fe des Inter­sek­tio­na­len Meh­re­be­nen­an­sat­zes (Degele/Winker 2009) eine theo­re­ti­sche Per­spek­ti­ve und zugleich einen

pra­xeo­lo­gi­schen Zugang gewählt. Zuerst habe ich eine empi­ri­sche Ana­ly­se sozia­ler Ungleich­heit im All­tag von geflüch­te­ten Frau­en durch­ge­führt. Dar­an habe ich die Ergeb­nis­se sys­te­ma­tisch auf theo­re­ti­sches Wis­sen über

inter­sek­tio­nal ver­wo­be­ne Herr­schafts­ver­hält­nis­se bezo­gen. Hier­bei habe ich Bour­dieus Theo­rie der Kapi­tal­ar­ten und des sozia­len Fel­des sowie die post­ko­lo­nia­len Per­spek­ti­ven nach Said und Hall ein­be­zo­gen, die den empi­risch nach­ge­wie­se­nen Ras­sis­mus als Sys­te­me erklä­ren.

Teile Ihrer Bachelorarbeit sind von der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) publiziert worden. Wie kam es dazu?

Hos­sein Pour: Das Team der „Beruf­li­chen Ori­en­tie­rung für Frau­en“ von KOBRA wur­de von der FES für einen Vor­trag ange­fragt. Sie woll­ten im wis­sen­schaft­li­chen Fach­work­shop „Aus Hilfs­kräf­te Fach­kräf­te machen“ unse­re Sicht aus der Bera­tungs­pra­xis auf die Fra­ge­stel­lung.

Da wir jedoch in der Pra­xis die Pro­ble­me bereits gut qua­li­fi­zier­ter Frau­en sehen, die ent­we­der unter ihrem Qua­li­fi­ka­ti­ons­ni­veau bzw. im Hel­fer­be­reich arbei­ten, habe ich mich in mei­nem Input in der Fach­ver­an­stal­tung auf die Ursa­chen struk­tu­rel­ler Dis­kri­mi­nie­rung und Ras­sis­mus kon­zen­triert. Dabei habe ich mich auf die Ergeb­nis­se aus mei­ner Bache­lor-The­sis zur Aus­blen­dung der Mehr­fach­dis­kri­mi­nie­rung von qua­li­fi­zier­ten Geflüch­te­ten bei der Fach­kräf­t­e­dis­kus­si­on bezo­gen. Eini­ge Mona­te spä­ter erhielt ich von der FES-Refe­ren­tin eine E‑Mail mit der Anfra­ge, ob ich bereit wäre, an einer Rei­he von Kurz­pu­bli­ka­tio­nen mit­zu­ar­bei­ten, in denen die im Work­shop ange­spro­che­nen Aspek­te ver­tieft wer­den sol­len. Ich habe mich sehr über ihr Inter­es­se gefreut und sofort zuge­sagt. Mein Impuls­bei­trag „Ver­hin­der­te Fach­kräf­te“ wur­de dann im Janu­ar die­ses Jah­res ver­öf­fent­licht.

Erzählen Sie etwas mehr über das Projekt KOBRA, in dem Sie arbeiten!

Hos­sein Pour: Hin­ter KOBRA steht als Trä­ger der Ber­li­ner Frau­en­bund 1945 e.V., der in der Tra­di­ti­on der eman­zi­pa­to­ri­schen Frau­en­rech­te ent­stan­den ist und sich seit Jahr­zehn­ten für die Rech­te der Frau und die Gleich­stel­lung der Geschlech­ter ein­setzt. In den acht­zi­ger Jah­ren ist KOBRA als eine über­be­zirk­li­che Bera­tungs­ein­rich­tung ent­stan­den. Wir sind ein mul­ti­dis­zi­pli­nä­res Team, das Frau­en in ihrer Viel­falt in allen Fra­gen von Beruf, Bil­dung und Beschäf­ti­gung berät. Bei beson­de­ren beruf­li­chen Über­gän­gen im Kon­text der Ver­ein­bar­keit von Beruf und Fami­lie bzw. Beruf und Pfle­ge – z. B. Eltern­zeit, Fami­li­en­pfle­ge­zeit oder dem Wie­der­ein­stieg – wer­den Men­schen mit Für­sor­ge­ver­ant­wor­tung bera­ten, egal wel­chem Geschlecht sie sich zuge­hö­rig füh­len.

KOBRA unter­stützt Unter­neh­men bei einer lebens­pha­sen­ge­rech­ten Per­so­nal­ent­wick­lung. Am Sitz der Bera­tungs­stel­le KOBRA wur­de ab 2021 auch eine Anlauf- und Koor­di­nie­rungs­stel­le für Allein­er­zie­hen­de in Ber­lin Kreuz­berg-Fried­richs­hain auf­ge­baut.

Mehr zu der Bil­dungs­be­ra­tung für geflüch­te­te Frau­en und Ver­öf­fent­li­chun­gen von Forough Hous­sein Pour:

www.kobra-berlin.de/projekte/

Mehr zu KOBRA: https://www.kobra-berlin.de

Was haben Sie jetzt nach dem Studienabschluss vor?

Hos­sein Pour: Ich wer­de mich geziel­ter in Gre­mi­en ein­brin­gen, die sich mit den Hin­der­nis­sen beschäf­ti­gen, die die Arbeits­markt­in­te­gra­ti­on von Men­schen mit aus­län­di­schen Berufs­ab­schlüs­sen ver­hin­dern. Mit Sor­ge sehe ich die Ver­schie­bung des öffent­li­chen Dis­kur­ses weg von einer Will­kom­mens­kul­tur für Geflüch­te­te hin zu einer die huma­ni­tä­ren Stan­dards des Grund­ge­setz­tes gefähr­den­den Per­spek­ti­ve der Abschot­tung oder Rück­füh­rung. Des­we­gen fin­de ich es wich­tig, vor allem in die­sen Zei­ten, wo der poli­ti­sche Rechts­ruck die Demo­kra­tie gefähr­det, über Stra­te­gien nach­zu­den­ken, die zur Bekämp­fung und Besei­ti­gung von ras­sis­ti­scher Dis­kri­mi­nie­rung auf dem Arbeits­markt bei­tra­gen. 

 

Vie­len Dank für das Inter­view, Frau Hos­sein Pour. Wir wün­schen Ihnen für Ihre wich­ti­ge Arbeit und Ihren Ein­satz für eine demo­kra­ti­sche, offe­ne Gesell­schaft wei­ter­hin sehr viel Erfolg!

*ein berufs­be­glei­ten­der Stu­di­en­gang in Koope­ra­ti­on mit der Hoch­schu­le für sozia­le Arbeit und Päd­ago­gik (HSAP). Mehr Infor­ma­tio­nen hier.

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Redak­ti­on: Julia Mann (Pari­tä­ti­sche Aka­de­mie Ber­lin)

Foto im Titel­bild: Forough Hos­sein Pour

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Oli­ver Heymann hat an der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie Ber­lin den Mas­ter Sozi­al­ma­nage­ment stu­diert. Wir spre­chen mit ihm über sei­ne Rol­le als Lei­tungs­kraft einer Kin­der- und Jugend­hil­fe­ein­rich­tung und dar­über, wie das M.A. Stu­di­um sei­ne beruf­li­che Lauf­bahn beein­flusst hat.

Herr Heymann, wann haben Sie an der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie stu­diert? Mit wel­chem Abschluss und Arbeits­er­fah­rung haben Sie sich an der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie damals bewor­ben?

Oli­ver Heymann: Ich habe 2017 bis 2020 an der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie Ber­lin stu­diert. Davor habe ich einen Bache­lor in All­ge­mein­päd­ago­gik Bil­dungs­wis­sen­schaf­ten mit Neben­fach Psy­cho­lo­gie an der LMU in Mün­chen absol­viert. Im Zusam­men­hang mit Arbeits­er­fah­rung und dem Wunsch nach beruf­li­cher Wei­ter­ent­wick­lung, habe ich mich für den M.A. Sozi­al­ma­nage­ment an der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie bewor­ben und wur­de ange­nom­men. 

Wo haben Sie neben dem Stu­di­um gear­bei­tet?

 

Oli­ver Heymann: Ich habe in der Ein­glie­de­rungs­hil­fe bei einem nicht all­zu gro­ßen Trä­ger im Nor­den von Ber­lin gear­bei­tet. Das war ver­gleich­bar und rela­tiv nahe an der päd­ago­gi­schen Arbeit, die hier bei uns in den Wohn­grup­pen erfolgt. Es war haupt­säch­lich die Tages­be­treu­ung in einer Wohn­grup­pe für Men­schen mit Behin­de­rung.

Und wie ließ sich das Stu­di­um mit dem Arbeits­all­tag ver­bin­den? Wie haben Sie das damals erlebt?

Oli­ver Heymann: Ich konn­te unter Her­an­zie­hung des eige­nen Urlaubs, des Bil­dungs­ur­laubs sowie über den Abbau von Über­stun­den die

Prä­senz­wo­chen gut abde­cken. Ich habe damals in einem Schicht­dienst­sys­tem gear­bei­tet. Hier wur­de der Dienst­plan monat­lich und nicht wöchent­lich struk­tu­riert. So war es mög­lich sich die Prä­senz­zei­ten frei­zu­hal­ten und ein­fach in den ande­ren Wochen mehr Diens­te zu über­neh­men. Die Mit­ar­bei­ten­den in unse­ren Wohn­grup­pen arbei­ten hier ähn­lich. Zudem ließ die Gestal­tung der Arbeits­in­hal­te außer­halb der Prä­senz­zei­ten* in Form von Foren­bei­trä­gen im Mas­ter­stu­di­um eine gro­ße zeit­li­che Fle­xi­bi­li­tät zu.

*Anmer­kung Pari­tä­ti­sche Aka­de­mie Ber­lin: Die Struk­tur der Lern­ein­hei­ten wer­den lau­fend den Bedürf­nis­sen der berufs­be­glei­tend Stu­die­ren­den ange­passt. Die Ter­min­über­sicht für den Stu­di­en­durch­gang ab WiSe 2024/25 wer­den wir zeit­nah auf unse­rer Web­sei­te ver­öf­fent­li­chen.

Haben Sie das Stu­di­um selbst finan­ziert? Die Stu­di­en­ge­büh­ren kön­nen mitt­ler­wei­le in 30 Monats­ra­ten ent­rich­tet wer­den. Eine antei­li­ge oder voll­stän­di­ge Über­nah­me der Stu­di­en­ge­büh­ren durch den Arbeit­ge­ber ist mög­lich.

Oli­ver Heymann: Ich habe kei­ne finan­zi­el­le Unter­stüt­zung bekom­men. Aber dank Raten­aus­hand­lung* ging das ganz gut.

 

In wel­cher Ein­rich­tung arbei­ten Sie heu­te und was ist Ihre Rol­le in der Orga­ni­sa­ti­on?

Oli­ver Heymann: Ich bin Bereichs­lei­ter im Kin­der- und Jugend­hil­fe Zen­trum Neu­kölln des Evan­ge­li­schen Jugend und Für­sor­ge­werks. Wir sind der größ­te Anbie­ter von sta­tio­nä­rer Kin­der- und Jugend­hil­fe in Ber­lin Neu­kölln. Ins­ge­samt umfasst die Abtei­lung Jugend­hil­fe im EJF (Evan­ge­li­sches Jugend- und Für­sor­ge­werk) unge­fähr 1800 Mit­ar­bei­ten­de. Hier an unse­rem Stand­ort im Ver­bund sind wir etwa 150 Men­schen, davon 120 Kolleg:innen mit päd­ago­gi­schen Beru­fen in ver­schie­de­nen Wohn­grup­pen. Wir haben bei uns Kin­der und Jugend­li­che in allen Alters­grup­pen in ver­schie­de­nen Schwer­punk­ten in den eige­nen Bedar­fen woh­nen, die hier ihren Lebens­mit­tel­punkt haben.

 

Und wie sieht Ihr Tages­ab­lauf aus?

Oli­ver Heymann: Ins­ge­samt bin ich als Bereichs­lei­tung für sechs Wohn­grup­pen zustän­dig. Das bedeu­tet, dass ich für etwa 35 Mit­ar­bei­ten­de in der Per­so­nal­ver­ant­wor­tung bin und etwas über 40 Kin­der und Jugend­li­che in mei­nem Bereich leben. Gleich zu Tages­be­ginn tre­te ich mit den päd­ago­gi­schen Fach­kräf­ten der jewei­li­gen Grup­pen in Kon­takt, um zu gucken, ob bei ihnen alles in Ord­nung ist. Ich bin wöchent­lich in rela­tiv vie­len Team­sit­zun­gen, höre intern und extern viel zu, steue­re an den not­wen­di­gen Punk­ten und mache Con­trol­ling. Ent­wi­ckelt sich die jewei­li­ge Grup­pe in die rich­ti­ge Rich­tung? Gibt es da Unter­stüt­zungs­be­darf mei­ner­seits? Bestehen aktu­ell irgend­wel­che Kri­sen oder Ent­wick­lun­gen, die mei­ner Per­son bedür­fen? Es kann ab und zu Vor­fäl­le geben. Das kön­nen per­sön­li­che Kri­sen eines jun­gen Men­schen sein. Oder wir hat­ten letz­te Woche die Situa­ti­on, dass es einen klei­nen Brand in einer Grup­pe gab. Der hat mich die­se Woche sehr inten­siv beschäf­tigt. Es muss­te nach­ge­forscht wer­den, wie es dazu kam und wie das ver­mie­den wer­den kann. Sol­che Situa­tio­nen müs­sen gründ­lich geklärt wer­den und das gehört auch zu mei­ner lei­ten­den Tätig­keit.

Was haben Sie vor der Arbeit in der sta­tio­nä­ren Kin­der- und Jugend­hil­fe in Ber­lin Neu­kölln gemacht?

Oli­ver Heymann: Als ich mein Mas­ter­stu­di­um in Sozi­al­ma­nage­ment ange­fan­gen habe, war ich in der Ein­glie­de­rungs­hil­fe tätig und muss­te spä­ter aus fami­liä­ren Grün­den in eine ande­re Stadt zie­hen. Durch den Mas­ter und die fle­xi­ble Struk­tur des berufs­be­glei­ten­den Stu­di­en­gangs gelang mir am neu­en Ort der Wech­sel in die Alten­hil­fe. Ich hat­te einen span­nen­den Job als Ein­rich­tungs­lei­tung für offe­ne Alten­hil­fe gefun­den, die für einen gan­zen Stadt­teil und meh­re­re Tau­send älte­re Men­schen zustän­dig war. Aber nach einer Wei­le stand der Beschluss, dass wir zurück nach Ber­lin möch­ten, und ich muss­te mich erneut auf die Suche nach einer pas­sen­den Stel­le umschau­en. Hier in der sta­tio­nä­ren Kin­der- und Jugend­hil­fe in Ber­lin Neu­kölln fand ich das anspre­chends­te Ange­bot. Schon im Rah­men der Bewer­bungs­ge­sprä­che merk­te ich, dass es hier von den Arbeits­struk­tu­ren und Kli­ma ange­nehm war. Ich bin jetzt seit ein­ein­halb Jah­ren hier und bereue die­se Ent­schei­dung nicht. Ich gehe jeden Tag ger­ne in die Arbeit.

„Durch den Mas­ter und die fle­xi­ble Struk­tur des berufs­be­glei­ten­den Stu­di­en­gangs gelang mir am neu­en Ort der Wech­sel in die Alten­hil­fe. Ich hat­te einen span­nen­den Job als Ein­rich­tungs­lei­tung für offe­ne Alten­hil­fe gefun­den, die für einen gan­zen Stadt­teil und meh­re­re Tau­send älte­re Men­schen zustän­dig war.“

Wel­chen Unter­schied macht Ihre Arbeit im Leben der Kin­der und jun­gen Erwach­se­nen?

Oli­ver Heymann: Es gibt vie­le jun­ge Men­schen, die aus unter­schied­lichs­ten Grün­den nicht mehr bei den Eltern woh­nen kön­nen. Oft sind

hier Schick­sals­schlä­ge und das Zusam­men­kom­men von vie­len hin­der­li­chen Fak­to­ren aus­schlag­ge­bend. Zum Bei­spiel weil die Eltern in die Obdach­lo­sig­keit gerutscht sind, oder unter schwe­ren kör­per­li­chen oder psy­chi­schen Erkran­kun­gen lei­den. In man­chen Situa­tio­nen gibt es kei­ne Eltern mehr oder zu Hau­se ent­steht eine so gro­ße Kri­se, dass es zumin­dest für eine gewis­se Zeit nicht mög­lich oder nicht mehr sicher ist, die Kin­der bei den Eltern leben zu las­sen. Und dann greift die Kin­der- und Jugend­hil­fe. In star­ker Zusam­men­ar­beit mit den Jugend­äm­tern und in den meis­ten Fäl­len der Zustim­mung der Sor­ge­be­rech­tig­ten, fin­den die­se Kin­der bei uns Platz und wer­den in ihren indi­vi­du­el­len Situa­tio­nen betreut und beglei­tet. Die Wie­der­zu­sam­men­füh­rung mit den Eltern wird natür­lich, mit aller gebo­te­ner Vor­sicht, in den Vor­der­grund gestellt. Denn kei­ne Betreu­ungs­per­son kann die Eltern erset­zen. In Zusam­men­ar­beit mit dem Jugend­amt arbei­ten wir dar­an, die Eltern zu befä­hi­gen ein gutes elter­li­ches Ver­hält­nis mit dem Kind auf­zu­bau­en und ihnen ein sta­bi­les Umfeld zu bie­ten. Auf der ande­ren Sei­te arbei­ten wir mit vie­len Koope­ra­ti­ons­part­nern aus dem unmit­tel­ba­ren Umfeld der Kin­der, mit den jewei­li­gen Vor­mund­schaf­ten, mit den Schu­len, Groß­fa­mi­li­en und Freun­des­krei­sen, die eine Rol­le im Leben des Kin­des haben und neben dem Erzie­hungs­be­rech­tig­ten für eine gelun­ge­ne Rück­füh­rung in die elter­li­che Fami­lie wich­tig sind. Das ist eine sehr kom­ple­xe Arbeit, die hier von unse­ren Erzieher:innen und Sozialarbeiter:innen durch­ge­führt wird.

Mei­ne Rol­le dabei ist unter ande­rem, die Meta­ebe­ne ein­zu­neh­men und ihre päd­ago­gi­sche Arbeit zu unter­stüt­zen in dem ich schaue: Wie müs­sen wir unse­re Grup­pen so aus­rich­ten, dass sie dem Bedarf und den mul­ti­plen Pro­blem­la­gen der Kin­der und Jugend­li­chen gerecht wer­den und auch die sich immer wie­der ver­än­dern­den gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Bedar­fe und Ziel­grup­pen berück­sich­ti­gen. Wel­che fach­li­chen Stan­dards set­zen wir uns, wie hal­ten wir die­se ein? Wie fin­det Wis­sens- und Infor­ma­ti­ons­wei­ter­ga­be statt? Nach wel­chen päd­ago­gi­schen Richt­li­ni­en han­deln wir? Wie gehen wir vor im Kri­sen­fall? Ich bin die Per­son, die prak­tisch etwas abseits der Grup­pe steht, aber jeder­zeit rein­kommt und da unter­stützt, wo Not an der Per­son ist.

Was pas­siert, wenn jun­ge Erwach­se­ne die Wohn­grup­pen ver­las­sen müs­sen, gelingt ihnen ein guter Über­gang in das erwach­se­ne Leben?

Oli­ver Heymann: Je nach Aus­rich­tung der Wohn­grup­pe und nach dem indi­vi­du­el­len Ver­lauf der ein­zel­nen Kin­des­si­tua­ti­on, ob es wie­der zu den Eltern geht oder prak­tisch in eine eige­ne Woh­nung, beglei­ten wir unter­schied­lich. Nach dem Aus­zug aus unse­rer Ein­rich­tung endet unse­re Arbeit meist nicht. In vie­len Fäl­len beglei­ten wir unse­re Care­leaver meh­re­re Mona­te ambu­lant nach, je nach Bedarfs­la­ge. Mit vie­len hal­ten wir auch noch einen losen Kon­takt, wenn die Kin­der bei den Eltern wie­der ein­ge­zo­gen sind. Außer­dem haben wir vie­le Eltern, die sich noch Jah­re spä­ter immer wie­der Rat suchend an uns wen­den.

Wir hat­ten letz­tes Jahr eine grö­ße­re Fei­er, weil ein lang­jäh­ri­ger Mit­ar­bei­ter in Ren­te gegan­gen ist. Er hat ein Leben lang in der Kin­der- und Jugend­hil­fe gear­bei­tet. Und bei die­ser Ver­ab­schie­dungs­fei­er waren tat­säch­lich dama­li­ge Jugend­li­chen aus sei­ner ers­ten Wohn­grup­pe, die der Kol­le­ge beglei­tet hat, anwe­send. Sie waren alle Anfang Fünf­zig, inzwi­schen mit­ten im Leben ste­hend mit ihren eige­nen Fami­li­en und Kin­dern da und haben ganz rüh­rend über den Kol­le­gen gespro­chen. Das war sehr schön auf der Fei­er mit­zu­be­kom­men, wie die­ser Mensch ihr Leben beein­flusst hat und dass es ihnen jetzt gut geht, und dass die Unter­stüt­zung, die sie damals erhal­ten haben, nach eige­nen Aus­sa­gen, eine gro­ße Hil­fe war. Und in das Erbe tre­ten wir natür­lich wei­ter­hin.

Wel­che Aspek­te oder Inhal­te des Mas­ter­stu­di­ums in Sozi­al­ma­nage­ment sind in Ihrem Berufs­all­tag noch heu­te rele­vant?

Oli­ver Heymann: Es gibt Vie­les. Ich den­ke mit­un­ter das Wich­tigs­te war einen Habi­tus und Hal­tung als Lei­tung zu ent­wi­ckeln. Dabei wur­den wir auf allen Ebe­nen unter­stützt, mit der Wis­sens- und der Kom­pe­tenz­ver­mitt­lung, um die­se Rol­le aus­fül­len zu kön­nen. Wir haben sehr vie­le Berei­che abge­deckt und Metho­den ken­nen­ge­lernt, die ich jetzt noch in mei­ner Arbeit anwen­de. Im Stu­di­um habe ich die Mög­lich­kei­ten ken­nen­ge­lernt und kann sie mir nach Bedarf her­an­zie­hen, Kennt­nis­se auf­fri­schen und anwen­den. Und was im sozia­len Bereich oft in der Aus­bil­dung zu kurz kommt und im Stu­di­um gut abge­deckt war, sind die BWL-Ler­n­an­tei­le, die für mich in der Lei­tungs­funk­ti­on sehr wert­voll sind. Mir hilft es tat­säch­lich sehr, dass ich sagen kann – hier ist eine Bilanz und ich kann sie ana­ly­sie­ren und Pro­ble­me anhand der Zah­len erken­nen.

Arbeits­recht ist auch ein wert­vol­ler Teil des Stu­di­ums gewe­sen. Vie­le stu­die­ren Sozia­le Arbeit oder Ähn­li­ches, sie sind gute Fach­kräf­te, sehr gute Teamleiter:innen und haben sehr gute sozia­le Kom­pe­ten­zen in der Zusam­men­wir­kung mit den Kolleg:innen. Oft rut­schen sie jedoch, prak­tisch unvor­be­rei­tet, in die Lei­tungs­rol­len in ihren Orga­ni­sa­tio­nen. In die­sen Rol­len feh­len ihnen die fach­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on als Lei­tung, die wirt­schaft­li­chen und tech­ni­schen Kennt­nis­se, so gehen die­se Aspek­te auch in ihrem Berufs­all­tag en biss­chen unter. Mit dem wirt­schaft­li­chen Ver­ständ­nis und mit der Stär­ke in die­sen Berei­chen der Geschäfts­füh­rung macht man sich im sozia­len Bereich durch­aus manch­mal Freun­de.

„Ich den­ke mit­un­ter das Wich­tigs­te war, einen Habi­tus und Hal­tung als Lei­tung zu ent­wi­ckeln. Dabei wur­den wir auf allen Ebe­nen unter­stützt, mit der Wis­sens- und der Kom­pe­tenz­ver­mitt­lung, um die­se Rol­le aus­fül­len zu kön­nen. Wir haben sehr vie­le Berei­che abge­deckt und Metho­den ken­nen­ge­lernt, die ich jetzt noch in mei­ner Arbeit anwen­de.“

Wel­che Kennt­nis­se oder wel­ches Know-How fehlt Ihnen jetzt, das im Job gewach­sen ist und im Stu­di­um nicht behan­delt wur­de?

 

Oli­ver Heymann: Ich weiß nicht, ob der Stu­di­en­gang tat­säch­lich die gro­ßen Pro­blem­fel­der, die mei­ne Arbeit jetzt betref­fen, abde­cken könn­te. Das sind haupt­säch­lich gesamt­ge­sell­schaft­li­che Phä­no­me­ne wie der Fach­kräf­te­man­gel, der ein­fach sehr gra­vie­rend zu Tage tritt. Und jetzt gera­de in Ber­lin ist es der Woh­nungs­man­gel, der unse­re Arbeit erschwert. Viel­leicht könn­te man im Stu­di­en­gang dar­auf vor­be­rei­tet wer­den, stär­ker in die­se poli­ti­sche Arbeit rein­zu­ge­hen und sozi­al­po­li­tisch den Fach­kräf­te­man­gel anzu­ge­hen, der uns die nächs­ten Jahr­zehn­te beglei­ten wird. Oder eben inno­va­tiv an die­sen Pro­blem­lö­sun­gen zu arbei­ten und schau­en wel­che Rol­le neue Tech­no­lo­gien wie KI bei der Arbeits­ent­las­tung spie­len könn­ten. Viel­leich könn­te KI nicht gera­de die Wohn­grup­pen unter­stüt­zen, aber viel­leicht bei ande­ren Arbeits­pro­zes­sen ent­las­ten­de Funk­ti­on ein­neh­men?

Digi­ta­li­sie­rung ist mitt­ler­wei­le Teil des Stu­di­en­gang­pro­gramms. Als Aka­de­mie wol­len wir auf dem letz­ten Stand der tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten sein und auf deren Poten­zi­al für Sozia­le Orga­ni­sa­tio­nen durch unse­re Stu­die­ren­de ver­wei­sen.

 

Oli­ver Heymann: Ins­ge­samt kann ich sagen, dass der Mas­ter­stu­di­en­gang mei­ne wei­te­re beruf­li­che Ent­wick­lung, aber auch mich als Mensch, maß­geb­lich beein­flusst hat. Wenn ich mit Men­schen spre­che die sich als Füh­rungs­kraft ent­wi­ckeln wol­len, emp­feh­le ich die­sen Mas­ter.

Das Inter­view mit Oli­ver Heymann führ­te Ele­na Gav­risch (Mar­ke­ting und Öffent­lich­keits­ar­beit, Pari­tä­ti­sche Aka­de­mie Ber­lin)

Titel­bild: Oli­ver Heymann

Fotos: Ele­na Gav­risch

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Janu­ar 2024 | Nach­hal­tig­keit

Zukunftswerkstatt Klima

„Wir sind inzwischen an einem Punkt angekommen, wo wir den Klimawandel nicht mehr verhindern, sondern nur noch abschwächen können.“

Cathrin Hirsch, Dozentin und Leiterin der Initiative KIJUNA, ist die treibende Kraft hinter unseren Bildungsreihe Zukunftswerkstatt Klima – Anpassung and die Folgen des Klimawandels im Gespräch: 

Frau Hirsch, Sie leiten die Initiative KIJUNA, die sich zum Ziel setzt die gesellschaftlichen Entwicklungen in Bezug auf Klimaschutz, Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit auch in der stationären Kinder‑, Jugend- und Eingliederungshilfe sowie Kitas zu etablieren und den Menschen, die hier gefördert und auf die Zukunft vorbereitet werden, eine Chance auf Teilhabe an diesen gesellschaftlich relevanten Themen zu geben.

Wie haben Sie das Thema Nachhaltigkeit für sich entdeckt? 

Cathrin Hirsch: Ich habe die Initiative gegründet, da ich festgestellt habe, dass in diesem ganzen Bereich der Nachhaltigkeit, der Bildung für nachhaltige Entwicklung und Anpassungsbemühungen der soziale Bereich nicht berücksichtigt wird, sondern eigentlich lediglich Schulen angesprochen werden. Und es ist tatsächlich so, dass die Klientel der Sozialen Arbeit, also gerade Jugendhilfe oder auch Eingliederungshilfe nicht den besten Zugang zur Bildung über das öffentliche Schulsystem hat. Deshalb habe ich die Initiative KIJUNA gegründet, um eben diese Thematik auch in die Kinder- und Jugendhilfe, sowie Eingliederungshilfe und Kitas reinzubringen und dort die Bildungsarbeit zum Klimaschutz, Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit sozusagen zu „revolutionieren“.  

Frau Hirsch, in unserem Vorgespräch haben Sie erwähnt, dass das Thema Klima und Umweltveränderungen im Rahmen der aktuellen Ausbildungs- und Studiengänge im sozialen Bereich nicht behandelt wird. Beispielsweise in der Kindheitspädagogik gibt es dieses Fach nicht. Ich kann mir gut vorstellen, dass Erzieher:innen in ihrem Berufsalltag oft mit Fragen rund um Klima und Umwelt konfrontiert werden. Und natürlich gibt es auch Eltern, die dem menschengemachten Klimawandel sehr skeptisch gegenüberstehen und gar leugnen. Wie man damit umgehen kann, ist nicht immer klar. Ich kann mir gut vorstellen, dass Erzieher:innen und Betreuungspersonen mit vielen Fragen überfordert werden, wenn sie kein fundiertes Wissen zu diesem Thema in ihrer Ausbildung vermittelt bekommen haben. Für mich wäre es auch nicht leicht meinem 8‑jährigen Sohn altersgerecht zu erklären, was CO2 ist.

Was können Erzieher:innen sowie die Leitung von Kitas und Kinder- und Jugendeinrichtungen in dem Zertifikatskurs Zukunftswerkstatt KlimaAnpassungen an die Folgen des Klimawandels lernen, um mit solchen Fragen besser umgehen zu können? 

Cathrin Hirsch: Es ist auf jeden Fall Inhalt der Fortbildung, dass auch immer praktische Tipps mit an die Hand gegeben werden, was tatsächlich umgesetzt werden kann. Und ich vertraue auch viel auf die pädagogischen Fähigkeiten der Kolleg:innen, dass sie das Erwachsenenwissen, das sie bei uns in der Zukunftswerkstatt Klima vermittelt bekommen, auch in altersgerechte Häppchen teilen können. Es gibt auf jeden Fall Praxistipps und Methoden, wie mit den Kindern und den Jugendlichen gearbeitet werden kann. Außerdem bestärken wir die Kolleg:innen in ihrer Rolle als Pädagog:innen. Sie sind keine Klimawissenschaftler:innen und es ist nicht immer nötig, dass sie alles aus diesem Bereich wissen. Es kann auch ein sehr erfolgreicher pädagogischen Prozess sein, wenn die Kolleg:innen gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen Wissen erwerben und dann danach handeln. 

Gibt es Richtlinien oder Empfehlungen seitens der Politik, bezüglich Bildungsprogrammen zum Thema Klima- und Umweltveränderungen in Kitas und oder in der Kinder- und Jugendarbeit?

Cathrin Hirsch: Es gibt den Ansatz der Bildung für nachhaltige Entwicklung und in diesem Bereich wird deutlich, dass es vor allem um die Stärkung von Gestaltungskompetenzen geht. Dies wurden für alle Länder, die die Agenda 2030 ratifiziert haben, entwickelt und damit benannt, welche Kompetenzen jede:r einzelne:r braucht, um eine nachhaltige Welt zu entwickeln. Die Förderung der Gestaltungskompetenzen ist der Kern der Bildung für nachhaltige Entwicklung. Die Methodik läuft über die nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs), die der Hauptteil der Agenda 2030 sind, die wir gemeinschaftlich als Weltgemeinschaft erreichen müssen, damit sich die Entwicklung vom Klimawandel und die damit verbundenen sozialen Spannungen abschwächt und unsere Welt als nachhaltig bezeichnet werden kann. 

Es ist eine sehr gute Investition in die nachhaltige Zukunft, wenn die neue Generation richtig gut zu diesem Thema ausgebildet wird und ihren Lebensstil den neun Umständen entsprechend anpasst. 

Cathrin Hirsch: Die Bildungsfragen sind nur ein Teil der Fortbildung. Es geht viel um konkrete Anpassungsmaßnahmen: Wenn die Sommer immer heißer werden, müssen wir unsere Tagesabläufe verändern, dass wir überhaupt noch draußen sein können. Müssen wir dann eher morgens arbeiten und mittags eine Siesta machen und abends wieder aktiv werden? Es sind Fragen, die ganz konkret auf die absehbaren Folgen des Klimawandels abzielen. Wir sind inzwischen an einem Punkt angekommen, wo wir den Klimawandel nicht mehr verhindern, sondern nur noch abschwächen können. Es wird Klimaveränderungen geben, die konkrete Folgen und Herausforderungen mit sich bringen werden! Und da müssen wir einfach gucken, wie wir uns darauf vorbereiten. Also auch die Flut in Essen und in Niedersachsen über Weihnachten ist eine sehr deutlich spürbare Folge des Klimawandels. Die Luft wird immer wärmer, was zu heftigen Gewittern führt. Es fallen riesige Regenmengen binnen kürzester Zeit. Unsere städtische Abflusssysteme und Kanalnetze sind schnell überlastet. Immer wieder kommt es zu flächendeckenden Überschwemmungen und entsprechend schweren finanziellen Folgen und auch weiteren Umweltfolgen. Kann man sich auf solche Ereignisse vorbereiten? Können wir uns als Gesellschaft vorbereiten? Kann sich jeder Einzelne in seinem kleinen Umfeld vorbereiten? Darum geht es in unseren Bildungsreihe, also nicht nur um die Frage, wie bilden wir die nächste Generation zu diesem Thema aus, sondern auch darum, welche Maßnahmen wir als soziale Unternehmen und Einrichtungen jetzt ergreifen können, damit wir mit den Folgen des Klimawandels weiterleben und in unserer Alltagsorganisation nicht unbedingt komplett eingeschränkt sind.   

Im Grun­de ist Klimaschutzbeauftragte:r ein Beruf der Zukunft für Sozi­al­un­ter­neh­men. In der nahen Zukunft wird es mög­li­cher­wei­se zur Pflicht in jedem Unter­neh­men eine sol­che Rol­le aus­zu­fül­len, im glo­ba­len Sin­ne eine sehr ver­ant­wor­tungs­vol­le Rol­le!  

Cathrin Hirsch: In der Industrie und der Wirtschaft gibt es diese Stelle eigentlich fast überall. 

In der freien Wirtschaft gibt es andere Finanzierungsmöglichkeiten als in der Sozialwirtschaft. Wenn die sozialen Unternehmen andererseits beginnen, das Thema auf ihrer Prioritätsliste weiter oben zu platzieren, sich zu den Folgen des Klimawandels weiterbilden und die Verantwortung hinsichtlich Folgenabwendung und Nachhaltigkeit übernehmen, würden sich möglicherweise Räume für staatliche Subventionen öffnen und die Refinanzierung ihrer Aktivitäten zu mehr Nachhaltigkeit ermöglichen.  

 

Cathrin Hirsch: Aktuell sind mir keine politischen Initiativen zum Thema Anpassungsgesetze im sozialen Bereich bekannt. Aber wenn wir auf die Politik warten, die momentan mit ganz vielen anderen Problemen beschäftigt ist, dann ist es eigentlich schon zu spät. Meine Empfehlung wäre, so bald wie möglich mit den notwendigsten Anpassungsmaßnahmen anzufangen. Die baulichen Maßnahmen lassen sich gut über einen längeren Zeitraum finanzieren. Wenn wir jetzt starten und nicht warten bis das Gebäude der Einrichtung weggeschwemmt ist oder im Sommer so überhitzt ist, dass es für Mitarbeitende und Klient:innen gesundheitliche Folgen hat, dann sind wir schon recht vorne mit dabei. Jede Veränderung und damit auch diese Anpassungsprozesse brauchen Zeit. 

Wie diese Veränderungen umgesetzt werden und was genau beachtet werden muss, erklären wir in der Bildungsreihe Zukunftswerkstatt Klima 

Wir freuen uns darauf, mit Ihnen gemeinsam am 23.04.2024 die Bildungsreihe Zukunftswerkstatt Klima – Anpassung an die Folgen des Klimawandels mit Cathrin Hirsch, Nicole Gifhorn, Prof. Dr. Jana Sillmann und anderen Expert:innen aus den genannten Bereichen und mit diesen Themen zu starten:

  • Was­ser­knapp­heit 
  • Hit­ze 
  • Ernäh­rung 
  • Extre­mes Wet­ter 
  • Ver­än­de­run­gen gestal­ten 
  • Kli­ma­psy­cho­lo­gie 
  • Who­le Insti­tu­ti­on Approach 
  • Die beson­de­re Ver­ant­wort­lich­keit sozia­ler Orga­ni­sa­tio­nen 

Nicole Gifhorn – Bildungsreferentin für Globales Lernen bei der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen  

 

Prof. Dr. Jana Sillmann studierte Geoökologie und promovierte 2029 an der Universität Hamburg und dem Max-Plank-Institut für Meteorologie, wo sie sich mit der Analyse von Datensätzen zu Extremwetterlagen beschäftigte. 

   

 

Zukunfts­werk­statt Kli­ma – Anpas­sun­gen an die Fol­gen des Kli­ma­wan­dels

Zer­ti­fi­kats­kurs

Start: 23. April 2024

Gesundheitskompetenzen und Salutogenese – eine Einladung zur Schatzsuche

Seminar

16. & 17.März 2024

Die Psy­cho­neu­ro­im­mu­no­lo­gie und ihre Aus­wir­kung auf das sozia­le Leben

Semi­nar

27. & 28. April 2024

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Maga­zin

Janu­ar 2024 | Betrieb­li­ches Gesund­heits­ma­nage­ment

Soziale Gerechtigkeit und soziale Arbeit machen gesund!

Unter sozialer Gerechtigkeit verstehen Menschen meistens gute Lebens- und Arbeitsbedingungen. Diese sind mit vielen Faktoren verbunden wie Bezahlung und Absicherung, aber auch der Zugang zu Bildung und die gerechte Verteilung von Lasten in der Gesellschaft, zum Beispiel zwischen den Geschlechtern und Generationen. So entsteht schließlich das Gefühl an einer Gemeinschaft teilzuhaben, in diese eingebunden zu sein und an ihr mitwirken zu können.

In diesem Beitrag behandeln wir die Frage, warum soziale Gerechtigkeit wichtig für unsere Gesundheit ist, und welchen Beitrag soziale Arbeit dazu leisten kann.

Die Wissenschaft der Psycho-Neuro-Immunologie (PNI) belegt eindrücklich: Seele und Geist, Gehirn, Nerven‑, Hormon- und Immunsystem beeinflussen wechselseitig Gesundheit und Krankheit. Das individuelle und soziale Befinden des einzelnen Menschen wird durch das soziale Umfeld beeinflusst. So fördern Teilhabe und soziale Gerechtigkeit die individuelle wie auch gesellschaftliche Gesundheit.

Wie genau hängen soziale Gerechtigkeit und soziale Arbeit mit Gesundheit zusammen?

Armut und soziale Ausgrenzung machen krank. Wenn Beziehungen, soziale Ausgrenzung oder der Job chronisch stressen, macht das anfälliger für Infektionen: Chronischer Stress verkürzt unser Leben erheblich und führt langfristig zu schweren Leiden und kann den Ausbruch von Krebs und Autoimmunkrankheiten fördern, so Ellis Huber (Vorstandsvorsitzender des Berufsverbandes der Präventologen e.V.). Umgekehrt mobilisieren soziale

Einbindung, positive Gedanken oder seelische Ausgeglichenheit und inneres Wohlbefinden unsere Selbstheilungskräfte und unser Gesundheitspotential. 

Das Ziel der Medizin und der sozialen Arbeit sollte sein: Gesunde Menschen in gesunden Lebenswelten. Dafür müssen beide ihren Teil zur Gesundheitsförderung beitragen. Die Medizin muss lernen, sich sozialer zu orientieren und mit den Trägern der sozialen Arbeit kooperieren. Denn um die Krankheiten unserer Zeit zu bewältigen, brauchen wir die Pflege sowie sozialpädagogische, psychosoziale und soziokulturelle Dienste. Deshalb sind Gemeinwesenarbeit, die zivilgesellschaftlichen Selbstorganisation, psychosoziale und sozialpflegerische Versorgungsdienste oder die Bildungs- und Betreuungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche so wichtige Pfeiler einer gesunden Zukunft.

Sind Orga­ni­sa­tio­nen, die ein effek­ti­ves Gesund­heits­ma­nage­ment umset­zen, erfolg­rei­cher?

Eine Gesellschaft ist umso sozial gerechter, je mehr Menschen an ihr teilhaben, sie mitbestimmen und aktiv eingebunden sind. Diese Faktoren haben eine ebenso heilsame Wirkung, wie Medikamente oder medizinische

Interventionen. Herzinfarkte sind zum Beispiel häufiger, wenn Menschen sozial entwurzelt sind und unter ständigem Existenzdruck stehen. Das gilt auch für die Verhältnisse innerhalb eines Betriebs, die sich auf die Mitarbeitenden und Klient:innen auswirken.

Die Erfahrung von Selbstwirksamkeit in Arbeitsprozessen, Kooperationsgeist im gemeinsamen Wirken oder einer wertschätzender Führungskultur beflügeln Produktivität und Ergebnisse der Arbeit in Organisationen und autonomen Teams. Sind die Arbeitsverhältnisse hingegen mit einem hohen Maß an Kontrolle und Autorität verbunden, gehen damit erhöhte Krankenstände und mangelndes Engagement für die gemeinsame Sache einher.

In betrieblichen, sozialen oder kommunalen Settings kann das Gesundheitsmanagement die Produktivität und Arbeitszufriedenheit der Mitarbeitenden ebenso verbessern wie die Arbeitsergebnisse und die Zufriedenheit von Klient:innen, Patient:innen oder Hilfsbedürftigen. Gesundheit kann als Maßstab für gelingende soziale Dienstleistung gesehen und eingesetzt werden.

Wie können Organisationen Gesundheitskompetenz und ‑förderung angehen?

Macht und Geld als Anreiz und Ziel machen kein gesundes Arbeiten möglich. Gesunde Organisationen setzen auf:

1. Freie Selbstorganisation

Um eigenverantwortlich zu agieren, müssen Teams ihre Verantwortungsbereiche kennen und Methoden erwerben,

mit denen sie gute Entscheidungen treffen können. Das bedeutet auch ein neues Führungsverständnis. Auch für Führungskräfte, die dabei „loslassen“ lernen müssen.

 

Das viertägige Seminar „Agile Führung“ hilft Ihnen dabei, mit dieser Umstellung reflektiert und bewusst umzugehen.

2. Selbstwirksamkeit

Wie gehe ich beispielsweise konstruktiv mit Konflikten und herausfordernden Lebenssituationen um? Salutogenese, also die Entstehung von Gesundheit durch eine gute Stressbewältigung und Selbstwirksamkeit, zählt zu einem der Grundkonzepte des gesundheitsförderlichen Handelns. Diese Kompetenz können Mitarbeitende der Organisation erlernen oder als zertifizierte Trainer:innen in Kursen weitergeben.

3. Interdisziplinäre Teamkulturen

Oft hapert es schon am gegenseitigen Verständnis unterschiedlicher Abteilungen füreinander. Interdisziplinäre Teams arbeiten von Beginn an fachübergreifend eng miteinander zusammen. So wird eine ganzheitliche Perspektive geschaffen. Komplexe Probleme werden eher erkannt und Lösungen gemeinsam erarbeitet.

4. Eine Orientierung an Sinn und Wirkung

Wozu gibt es uns? Ein Sinn in der Arbeit gibt Orientierung und motiviert Mitarbeitende, sich in die Organisation einzubringen. Es braucht aber auch das Gefühl der Wirkung. Führen die Kraft und Energie, die wir täglich aufbringen, zu einem guten Ergebnis? Hier hilft es, gemeinsam klare, wirkungsorientierte Ziele aufzustellen und die eigene Praxis regelmäßig zu reflektieren.

Der Zertifikatskurs Wirkungsmanagement führt Sie in die Denkweisen der Wirkungsorientierung ein und befähigt Sie dazu, Prozesse in Ihrer Organisation auf eine wirkungsorientierte Arbeitsweise umzustellen.

Gesundheitsförderliche Führungskulturen und lebendige Teams entwickeln ihre eigene Gesundheitskompetenz stetig weiter und achten auf ein gesundheitsdienliches Arbeitsklima. Das macht Organisationen krisenfest und

resilient. Es macht auch soziale, pflegerische und pädagogische Arbeit leistungsstark.

Mit diesem Ziel und in diesem Sinne hat die Paritätische Akademie in enger Zusammenarbeit mit dem Berufsverband der Präventologen eine breite Palette unterschiedlicher und innovativer Qualifizierungsangebote

entwickelt. Sie können die damit verbundenen Chancen zur persönlichen Entwicklung und zur Organisations- und Trägerentwicklung nutzen. Wenn Sie für sich selbst, für ihre Klient:innen und Patient:innen oder ihre Organisation

mehr Gesundheitskompetenz und Gesundheitsnutzen anstreben, finden Sie hier bei der Paritätischen Akademie das passende Angebot unter der Kategorie Betriebliches Gesundheitsmanagement.

Wir bilden sozialpädagogische Fachkräfte auch als Gesundheits- und Lebenskompetenz Trainer:innen (GLK) aus, wodurch eine selbstständige Durchführung von Gesundheitskursen ermöglicht wird.

Dieser Beitrag ist in Zusammenarbeit mit Ellis Huber entstanden. Er ist Vorstandsvorsitzender des Berufsverbandes der Präventologen e.V. und seit 30 Jahren Mitglied im Vorstand des Paritätischen Landesverbands Berlin. Sein Ziel ist es, das Thema Gesundheit in der sozialen Arbeit stärker zu verankern.

Qua­li­fi­zie­rung zur/m GLK-Gesund­heits- und Lebens­kom­pe­tenz Trai­ne­rIn

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