Maga­zin

Gemein­nüt­zig­keit im Kiez

August 2022 | Sozia­les Enga­ge­ment in Ber­lin

Gemein­nüt­zig­keit im kiez

Sie sind auch in ihrer Nach­bar­schaft, aber viel­leicht wur­den sie bis­her kaum wahr­ge­nom­men: Unschein­ba­re Häu­ser in Wohn­ge­gen­den, die als Zen­tren für Bürger*innen Frei­zeit­ge­stal­tung und kon­kre­te Hil­fe anbie­ten. Wir haben zwei Pari­tä­ti­sche Ein­rich­tun­gen in Ber­lin besucht.

Das Roll­berg­vier­tel in Nor­den von Neu­kölln. Prä­gend sind die soge­nann­ten Mäan­der­bau­ten, ein Ensem­ble ver­schie­de­ner rela­tiv fla­cher Wohn­ge­bäu­de aus den 60er Jah­ren, an denen zuerst ihre acht­ecki­ge Form auf­fällt. Gebaut als klas­si­scher sozia­ler Woh­nungs­bau. Auch wenn sich hier vie­les seit Jahr­zehn­ten optisch kaum ver­än­dert hat, haben sich in der Roll­berg­stra­ße die Ange­bots­mie­ten zwi­schen 2009 und 2015 ver­dop­pelt. Der Kiez ist beliebt, vie­le wol­len zwi­schen dem Tem­pel­ho­fer Feld und der Knei­pen­mei­le Weser­stra­ße woh­nen. Und der Kiez wird damit immer teu­rer für die Alt­ein­ge­ses­se­nen.

Mit­ten­drin steht das Bür­ger­zen­trum Neu­kölln, eine Pari­tä­ti­sche Ein­rich­tung, die sich vor­wie­gend, aber nicht nur an älte­re Men­schen rich­tet. Cen­giz­han Yüksel ist 29 Jah­re alt und hier seit 2020 Geschäfts­füh­rer. In die­ser Funk­ti­on ist er auch an der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie Ber­lin. Ins­ge­samt ist der stu­dier­te Ver­wal­tungs­wis­sen­schaft­ler seit 2011 im Pari­tä­ti­schen Umfeld aktiv. Das Bür­ger­zen­trum selbst ist deut­lich älter als ihr Geschäfts­füh­rer. Bereits 1983 eröff­ne­te die Ein­rich­tung, die damals noch „Haus des älte­ren Bür­gers“ hieß. Dr. Gabrie­le Schlim­per, heu­te Lan­des­ge­schäfts­füh­re­rin des Pari­tä­ti­schen Ber­lin, war hier auch ein­mal Geschäfts­füh­re­rin.

Mit der Ent­schei­dung, dass Ange­bot auf brei­te­re Schich­ten aus­zu­wei­ten, wur­de es vor eini­gen Jah­ren zum Bür­ger­zen­trum, auch um den sich seit eini­gen Jah­ren stark ver­jün­gen­den Kiez Neu­köll­ns abzu­bil­den. „Der Schwer­punkt bleibt aber wei­ter­hin die offe­ne Senior*innenenarbeit“, erklärt Yüs­kel.

30.000 bis 40.000 Besucher*innen hat das Bür­ger­zen­trum im Jahr, zumin­dest wenn kein Coro­na herrscht. Die Band­brei­te geht von Senior*innen in Grund­si­che­rung bis zu sehr ver­mö­gen­den älte­ren Men­schen. Hier ist weni­ger wich­tig, wie hoch die Ren­te oder der Kon­to­stand ist, son­dern dass sich jeder die Frei­zeit im Bür­ger­zen­trum leis­ten und die glei­chen Ange­bo­te wahr­neh­men kann. Das Ange­bot reicht von Gärt­nern über Kegeln bis hin zum Tanz­tee, den vor Coro­na schon­mal 200 Leu­te besuch­ten. Auch vie­le krea­ti­ve Ange­bo­te bie­tet das Bür­ger­zen­trum – alles selbst­ver­wal­tet. Das Bür­ger­zen­trum stellt in ers­ter Linie die Infra­struk­tur. Wich­tig ist, dass die Besucher*innen ihre eige­nen Ideen von Frei­zeit­ge­stal­tung ent­wi­ckeln und umset­zen anstatt etwas vor­ge­setzt zu bekom­men. Cen­giz­han Yüksel: „Es ist uns wich­tig, dass sie Senior*innen selbst­or­ga­ni­siert sind und dadurch ihre Idee von Gemein­nüt­zig­keit in die Welt tra­gen.“

Von Senior*innen für Senior*innen

Eine davon ist Inge Schwar­zer, Jahr­gang 1950. Sie ist mit 58 Jah­ren in Alters­teil­zeit gegan­gen und mit viel Zeit, wie sie sagt. Zunächst fing Frau Schwar­zer als Lese­pa­tin im damals noch „Haus des älte­ren Bür­gers“ genann­ten Bür­ger­zen­trum an, heu­te lei­tet sie die 14-köp­fi­ge Hand­ar­beits­grup­pe mit Damen im Alter von 54 bis 90 Jah­ren . „Aber ich muss ehr­lich sagen, dass ich die wenigs­te Geschick­lich­keit habe“, sagt die Senio­rin und lacht. Sie selbst orga­ni­siert Buch­hal­tung und Ver­kauf. Denn was in die­ser Grup­pe und ande­ren gefer­tigt wird, wird für den guten Zweck ver­kauft. Und da kommt eini­ges zusam­men: „Wir haben am Schluss weit über 1000 Euro gespen­det“, freut sich die Ber­li­ne­rin. Das hat unter ande­rem die Auto­ma­tik­tü­ren des Bür­ger­zen­trums mit­fi­nan­ziert oder wur­de für Bedarfs­ge­gen­stän­de für obdach­lo­se Men­schen aus­ge­ge­ben.

Orts­wech­sel. Ber­lin Wed­ding. Hier steht die Fabrik Oslo­er Stra­ße. Die Ein­rich­tung resi­diert in einer der klas­si­schen Ber­li­ner Hin­ter­hof-Fabri­ken, wie man sie frü­her auch in Wohn­vier­teln gebaut hat. Der Fabri­kant Albert Rol­ler ließ hier ab 1855 Maschi­nen und spä­ter Zünd­höl­zer her­stel­len. Als die Fir­ma in den sieb­zi­ger Jah­ren insol­vent ging, ent­deck­ten ver­schie­dens­te Initia­ti­ven das gro­ße und zen­tra­le Hin­ter­hof-Gelän­de, um fort­an sozio­kul­tu­rel­le Arbeit zu fabri­zie­ren. Wären die attrak­ti­ven Fabrik­ge­bäu­de nicht früh einer gemein­nüt­zi­gen Kiezar­beit gewid­met wor­den, wür­den hier viel­leicht wie ander­orts Start Ups jetzt Apps pro­gram­mie­ren.

Es ist bereits viel los an die­sem ver­reg­ne­ten Mitt­woch­mor­gen in der Fabrik. Frei­wil­li­ge Helfer*innen berei­ten ein klei­nes Kiez­früh­stück im Ein­gangs­be­reich vor. Unzäh­li­ge Ver­ei­ne, Ver­bän­de und Initia­ti­ven fin­den seit Jahr­zehn­ten in der Fabrik Oslo­er Stra­ße ihr Zuhau­se. 20 davon lis­tet die Home­page auf. Von der Schreiba­by­am­bu­lanz über die Druck­werk­statt bis hin zur Gewalt­prä­ven­ti­on fin­det sich hier fast die gesam­te Band­brei­te der gemein­nüt­zi­gen Arbeit.

Lie­ber Sozia­le Arbeit als Wirt­schaft

Ein paar Meter wei­ter tref­fe ich bereits mei­ne Inter­view­part­ne­rin Ali­ye Stra­cke-Gönül. Die quir­li­ge Frau ist seit Ende 2020 Geschäfts­füh­re­rin der Fabrik und war zuvor bei der AWO in der Migra­ti­ons­be­ra­tung. Zuvor hat­te sie eine Bank­leh­re gemacht, ein Stu­di­um im Bereich Poli­tik und Ver­wal­tung absol­viert und eini­ge Jah­re im Aus­land gear­bei­tet. Irgend­wann, so ent­schied sie, woll­te sie aber nicht mehr in der Wirt­schaft arbei­ten und wech­sel­te in den sozia­len Bereich. Damit ist Frau Stra­cke-Gönül auch geo­gra­phisch zurück zu ihren Wur­zeln gekehrt, denn zwei Stra­ßen wei­ter von der Oslo­er Stra­ße ist sie auf­ge­wach­sen und ihre Eltern woh­nen bis heu­te dort. Schon früh ist sie in die Put­te in der Oslo­er Stra­ße gegan­gen, eine der weni­gen Ein­rich­tun­gen und Treff­punk­te für Migrant*innen im Kiez. Frau Stra­cke-Gönül weiß also ganz genau, wor­auf es ankommt: „Wir wol­len, dass die Men­schen im Kiez wis­sen: Wenn ich etwas brau­che, dann gehe ich in die Fabrik Oslo­er Stra­ße.“

Zunächst gibt mir die Geschäfts­füh­re­rin eine Füh­rung durch den gro­ßen Gebäu­de­kom­plex der Fabrik. Halt machen wir bei Durch­bruch e.V. Jugend­li­che, die Pro­ble­me haben und woan­ders kei­ne Aus­bil­dung absol­vie­ren kön­nen, wer­den hier zu Instal­la­teu­ren aus­ge­bil­det. Tho­mas Knaak ist hier Aus­bil­dungs­lei­ter und erzählt, wer alles bei ihm eine Aus­bil­dung macht: „Im Moment haben wir eine gro­ße Men­ge an Flücht­lin­gen. Ansons­ten haben wir Jugend­li­che mit ver­schie­de­nen Pro­blem­la­gen wie Alko­hol­kon­sum, Dro­gen, Gewalt, psy­chi­sche und schu­li­sche Pro­ble­me. Halt alles, was die Groß­stadt zu bie­ten hat.“ Durch­bruch ist dabei erfolg­reich. 90 Pro­zent der Jugend­li­chen schaf­fen hier ihren Berufs­ab­schluss. Auch das ist Gemein­nüt­zig­keit: Da wo der freie (Ausbildungs-)Markt nicht wei­ter­hilft, sprin­gen gemein­nüt­zi­ge Ver­ei­ne ein.

Wenn die Qua­drat­me­ter­prei­se stei­gen

Gen­tri­fi­zie­rung ist die wohl der­zeit größ­te Bedro­hung für die Gemein­nüt­zig­keit. Cen­giz­han Yüksel aus dem Bür­ger­zen­trum Neu­kölln weiß: „Gera­de in dem sich ver­än­dern­den Kiez, in dem sich viel auf schön ver­klei­de­te Pro­fit­ma­xi­mie­rung aus­rich­tet, wird bezahl­ba­rer Raum knapp. Egal wie vie­le Akteu­re unter­wegs sind: Es stellt sich immer auch die Fra­ge, wem die Lie­gen­schaf­ten gehö­ren und was die Eigen­tü­mer damit machen.“ Man kön­ne inzwi­schen für über 30 Euro pro Qua­drat­me­ter für ein Laden­lo­kal in Neu­kölln neh­men. Sozia­le Trä­ger könn­ten das nicht stem­men.

Ali­ye Stra­cke-Gönül ver­bin­det damit auch eine per­sön­li­che Geschich­te: „Ich habe Ber­lin vor 20 Jah­re ver­las­sen und erst da ist mir das The­ma auf­ge­fal­len.“ Dass der Wed­ding im Kom­men ist, ist ein Run­ning Gag in der Ber­li­ner Bub­ble. So schlimm wie in Neu­kölln ist es noch nicht, aber auch hier wer­den stei­gen­de Mie­ten und Ver­drän­gung ein zuneh­men­des Pro­blem. „Wir sind ver­gleichs­wei­se noch gut dran“, meint Stra­cke-Gönül über ihren Kiez. Bezahl­ba­re Woh­nun­gen oder Ein­rich­tun­gen sind auch hier zuneh­mend Man­gel­wa­re, beson­ders für Fami­li­en, die immer öfter in der Fabrik Bera­tung suchen.

Die Fabrik und das Bür­ger­zen­trum sind in ihrer Struk­tur unter­schied­lich auf­ge­stellt. Das Bür­ger­zen­trum ist auch ein soge­nann­tes „Haus der Pari­tät.“ Das Logo steht unüber­seh­bar am Ein­gang. Und es bedeu­tet Sicher­heit, da die­se Häu­ser, die man in ganz Ber­lin fin­det, Lie­gen­schaf­ten des Lan­des­ver­ban­des, der Mit­glieds­or­ga­ni­sa­tio­nen oder der Stif­tung sind. „Räu­me die wir anbie­ten, wür­de jeder Unter­neh­mer anders ver­wer­ten. Wenn man es anders gewinn­brin­gend ver­mark­ten könn­te, wäre hier kein Platz für Gemein­nüt­zig­keit“, ist sich Yüksel sicher. „Damit wer­den wir zu einem Hafen für Ehren­amt und Gemein­nüt­zig­keit in die­sem sehr gefrag­ten Sze­ne­vier­tel.“

Nicht auf Pro­fit aus

Etwas anders ist es im Wed­ding. Das Gebäu­de der Fabrik Oslo­er Stra­ße gehört der GSE, einer gemein­nüt­zi­gen GmbH, die sich der dau­er­haf­ten Siche­rung von sozia­len Ein­rich­tun­gen ver­schrie­ben hat und Treu­hän­de­rin des Lan­des Ber­lin ist. Die Initia­ti­ven sind hier Mieter*innen und Frau Stra­cke-Gönül qua­si ihre Ver­mie­te­rin. Hier kom­men ihr auch ihre Erfah­run­gen in der Wirt­schaft zugu­te: „Als Ver­ein sind wir dar­auf ange­wie­sen, unse­re Arbeit nicht im wirt­schaft­li­chen Sin­ne zu sehen. Auch die Ver­mie­tung und Wei­ter­ver­mie­tung von Räum­lich­kei­ten müs­sen sich die Orga­ni­sa­tio­nen leis­ten kön­nen.“ Denn die stei­gen­den Gewer­be­mie­ten sind auch im Wed­ding ein Pro­blem: „Wir wol­len nichts ver­die­nen, son­dern den Orga­ni­sa­tio­nen, die sich die stei­gen­den Miet­prei­se nicht mehr leis­ten kön­nen, einen Ort zu schaf­fen.“ Das zeigt sich auch in der Mitarbeiter*innen-Struktur, denn hier hat nie­mand eine vol­le Stel­le. „Wir wür­den uns eine fes­te­re und lang­fris­ti­ge­re Finan­zie­rung wün­schen. Wir sind von Fremd­fi­nan­zie­run­gen abhän­gig“, so Stra­cke-Gönül.

Dafür muss man aber gewis­se Abstri­che machen, auch an den Ört­lich­kei­ten. Das alte Gebäu­de in der Oslo­er Stra­ße kann nicht umfas­send iso­liert wer­den, so dass es im Som­mer oft zu warm und im Win­ter zu kalt ist. Immer­hin die Fens­ter ent­spre­chen inzwi­schen den neu­es­ten ener­ge­ti­schen Stan­dards. Auch in Neu­kölln könn­te das ein oder ande­re mal erneu­ert wer­den. Der Auf­zug, immens wich­tig für die älte­ren Damen und Her­ren, stammt noch aus den acht­zi­ger Jah­ren. Sei­ne Tech­nik hat im Kel­ler die Grö­ße von zwei Schrän­ken und sieht aus wie ein anti­ker Super­com­pu­ter. Hin­zu kom­men noch zwei beein­dru­cken­de, raum­neh­men­de Ölwan­nen, die für den Betrieb des Auf­zugs uner­läss­lich sind.

Gemein­nüt­zi­ge Ein­rich­tun­gen wie das Bür­ger­zen­trum Neu­kölln und die Fabrik Oslo­er Stra­ße über­neh­men fun­da­men­ta­le Auf­ga­ben vor Ort, aus denen sich der Staat teil­wei­se zurück­ge­zo­gen hat. Eigent­lich soll­te man ihnen den roten Tep­pich aus­rol­len, aber oft­mals ist das Gegen­teil der Fall. Ali­ye Stra­cke-Gönül beklagt bei­spiels­wei­se eine gewis­se Skep­sis von Sei­ten eini­ger Behör­den, wenn es ums Geld geht. „Ich kann aber alle beru­hi­gen: Wir haben jedes Jahr eine Steu­er­prü­fung, einen Jah­res­ab­schluss, müs­sen Ver­wen­dungs­nach­wei­se erbrin­gen und sind sehr offen und trans­pa­rent“ sagt sie. Gro­ße Sprün­ge könn­te man sowie­so nicht machen. Hier arbei­tet nie­mand, der oder die reich wer­den will. Hier geht es um die Men­schen vor Ort.

Autor: Phil­ipp Mei­nert

Arti­kel aus dem Ver­bands­ma­ga­zin DER PARI­TÄ­TI­SCHE Aus­ga­be 02 | 2022: Vor­fahrt für Gemein­nüt­zig­keit

Ehren­amts­ma­nage­ment inten­siv

Hybrid-Kurs

Start 19. Okto­ber 2022

Ein Fami­li­en­zen­trum inno­va­tiv und nach­hal­tig füh­ren

Zer­ti­fi­kats­kurs

Start 28. Novem­ber 2022

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Bei­trag zum Zer­ti­fi­kats­kurs Ehren­amts­ma­nage­ment inten­siv

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In 100 Stun­den zum/zur Ehrenamtsmanager:in

Wer sich für Men­schen mit Beein­träch­ti­gung ehren­amt­lich enga­gie­ren will, ist bei der Lebens­hil­fe Ber­lin an

der rich­ti­gen Adres­se. Die Mög­lich­kei­ten rei­chen von Ein­zel­be­treu­ung, Paten­schaf­ten in Wohn­grup­pen und Wohn­ge­mein­schaf­ten über die Unter­stüt­zung von Lese­klubs oder Eltern-Kind-Grup­pen bis zu Sport­pa­ten­schaf­ten. Hil­fe und Unter­stüt­zung wer­den auch bei Ver­an­stal­tun­gen gebraucht. Grund­sätz­lich ist die Lebens­hil­fe in allen

Berei­chen offen für Ideen und Vor­schlä­ge für frei­wil­li­ges Enga­ge­ment. Mehr als 100 ehren­amt­lich Enga­gier­te zählt die Lebens­hil­fe Ber­lin. Die erfolg­rei­che Bilanz kommt nicht von unge­fähr. Vor über 20 Jah­ren wur­de das Frei­wil­li­gen­ma­nage­ment in der Lebens­hil­fe Ber­lin ein­ge­führt und von Tan­ja Weiß­lein auf­ge­baut. Seit­dem

enga­gie­ren sich Men­schen für Men­schen mit kogni­ti­ver Beein­träch­ti­gung und Lern­schwie­rig­kei­ten.

Kor­ne­lia Gold­bach lei­tet seit 2021 das Frei­wil­li­gen­ma­nage­ment in der Lebens­hil­fe Ber­lin. Obwohl sie seit

vie­len Jah­ren in der Ein­rich­tung arbei­tet, war die Lei­tung des Frei­wil­li­gen­ma­nage­ments für sie neu. Dar­um nahm sie von Okto­ber 2021 bis Mai 2022 am Zer­ti­fi­kats­kurs Ehren­amts­ma­nage­ment inten­siv an der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie Ber­lin teil.

In 100 Stun­den qua­li­fi­zie­ren sich die Teilnehmer:innen zum/zur Ehrenamtsmanager:in. In dem Kurs erwer­ben die

Teilnehmer*innen die not­wen­di­gen Fach­kennt­nis­se und Metho­den für die stra­te­gi­sche Ent­wick­lung, Gestal­tung, Beglei­tung und Koor­di­na­ti­on von ehren­amt­lich Enga­gier­ten sowie für die Zusam­men­ar­beit von Haupt- und Ehren­amt­li­chen in Ein­rich­tun­gen der Sozi­al­wirt­schaft. Schon nach den ers­ten Semi­nar­ta­gen war für Kor­ne­lia Gold­bach klar: „Die Fort­bil­dung ist eine ganz tol­le Ver­an­stal­tung und ich freue mich sehr, dar­an teil­neh­men zu kön­nen.“

Die Lebens­hil­fe Ber­lin ist eine von vie­len Orga­ni­sa­tio­nen und Ein­rich­tun­gen im Pari­tä­ti­schen Lan­des­ver­band, die­Wert auf ein pro­fes­sio­nel­les Ehren­amts- bzw. Frei­wil­li­gen­ma­nage­ment legen. Denn ehren­amt­li­ches und frei­wil­li­ges Enga­ge­ment ist kei­ne Rand­er­schei­nung. Im Ber­li­ner Lan­des­ver­band kom­men zu rund 55.000 Mit­ar­bei­ten­den etwa 30.000 Ehren­amt­li­che hin­zu. Ehren­amt­lich Enga­gier­te zu gewin­nen und zu hal­ten, ist aller­dings kein Selbst­läu­fer. Der aktu­el­le Deut­sche Frei­wil­li­gen­sur­vey und wei­te­re Stu­di­en ver­wei­sen auf die Auf­ga­ben, die in der Pra­xis her­aus­for­dernd sind, wie bei­spiels­wei­se die Abnah­me zeit­in­ten­si­ver ehren­amt­li­cher Tätig­kei­ten, die Gewin­nung jun­ger Enga­gier­ter sowie die zeit­li­che und fach­li­che Über­for­de­rung von ehren­amt­lich

Enga­gier­ten. Ehren­amts­ma­nage­ment ist eine aner­kann­te haupt­amt­li­che Lei­tungs- und Füh­rungs­auf­ga­be in der Sozi­al­wirt­schaft.

Vor über 20 Jah­ren wur­de der Kurs „Ehren­amts­ma­nage­ment inten­siv“ durch Prof. Dr. Ste­phan Wag­ner an

der Pari­tä­ti­sche Aka­de­mie Ber­lin ins Leben geru­fen. Seit­dem haben zahl­rei­che Ver­ant­wort­li­che für Enga­ge­ment, Ehrenamtsmanager:innen und Freiwilligenkoordinator:innen aus den Mit­glieds­or­ga­ni­sa­tio­nen den Zer­ti­fi­kats­kurs durch­lau­fen.

Im Fokus ste­hen drei Schwer­punk­te des Ehren­amts­ma­nage­men­tes: Die Ehrenamtlichen/Freiwilligen, Anfor­de­run-gen an die Organisations­entwicklung und an die Ehrenamtsmanager:innen. Der Kurs wur­de über die Jah­re modi­fi­ziert und wei­ter­ent­wi­ckelt. Aktu­ell wird der Kurs als Blen­ded Lear­ning ange­bo­ten, sprich Prä­senz- und Online-Semi­na­re wech­seln sich ab. So lässt sich der Kurs auch noch bes­ser in den Arbeits­all­tag inte­grie­ren. Die Teilnehmer:innen bau­en sich in Peer-Group-Mee­tings ihr Netz­werk auf. In Pra­xis-Talks ler­nen sie ande­re Ehrenamtsmanager:innen und ihre Arbeit ken­nen. Die Dozie­ren­den Chris­tia­ne Bie­der­mann und Bea­te Häring brin­gen ihr lang­jäh­ri­ges Know­how als Trai­ne­rin­nen im Frei­wil­li­gen­ma­nage­ment ein, der Jurist Erik Judis die recht­li­chen Grund­la­gen im Ehren­amt.

Kor­ne­lia Gold­bach, ehe­ma­li­ge Teil­neh­me­rin: Was hat der Kurs kon­kret gebracht?

„Neben der kom­pe­ten­ten fach­li­chen Anlei­tung der Refe­ren­tin­nen, sich das The­ma „Ehren­amt“ im

gesell­schaft­li­chen Kon­text zu erschlie­ßen, erleb­te ich den Kurs als sehr hilf­reich, um den

Manage­ment­pro­zess in der Frei­wil­li­gen­ar­beit in sei­ner voll­kom­me­nen Gän­ze zu erfas­sen

und in mei­ner prak­ti­schen Arbeit in der eige­nen Orga­ni­sa­ti­on umzu­set­zen.“

Ehren­amts­ma­nage­ment inten­siv

Hybrid-Kurs

Start 19. Okto­ber 2022

Ein Fami­li­en­zen­trum inno­va­tiv und nach­hal­tig füh­ren

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Inter­view mit Ben­ja­min Schorn, Foren­sic Inves­ti­ga­ti­on Spe­zia­list

Juni 2022 | Per­so­nal­füh­rung

Inter­view mit Ben­ja­min Schorn

Ben­ja­min Schorn ist Foren­sic Inves­ti­ga­ti­on Spe­zia­list und besitzt mehr­jäh­ri­ge Erfah­rung in der Durch­füh­rung foren­si­scher Son­der­un­ter­su­chun­gen in Kri­mi­nal­ver­dachts­fäl­len, zuletzt bei der KPMG AG in Mün­chen, wo er unter ande­rem an der Auf­klä­rung des Wire­card-Skan­dals mit­ge­wirkt hat. Im Rah­men sei­ner Tätig­keit beschäf­tigt er sich inten­siv mit psy­cho­lo­gi­schen Befra­gungs­tech­ni­ken mit Tätern, Opfern und Zeu­gen sowie den Moti­va­to­ren, Stres­so­ren und der Ver­hal­tens­an­ti­zi­pa­ti­on von unter­schied­li­chen Per­sön­lich­keits­pro­fi­len. Er ist Trä­ger des ein­zi­gen welt­weit aner­kann­ten Titels im Bereich Foren­sik und Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät und wur­de 2021 als akkre­di­tier­ter Exper­te in die Exper­ten-Daten­bank der euro­päi­schen Straf­ver­fol­gungs­be­hör­de EURO­POL auf­ge­nom­men. Sei­ne wis­sen­schaft­li­chen Bei­trä­ge über sozi­al- und per­sön­lich­keits­psy­cho­lo­gi­sche Erkennt­nis­se im Bereich Wirt­schafts- kri­mi­na­li­tät wer­den regel­mä­ßig im ACFE Fraud Maga­zin ver­öf­fent­licht.

Im Jahr 2021 hat er das Insti­tut für Gover­nan­ce & Psy­cho­lo­gie gegrün­det und lei­tet dort ein Team aus Kri­mi­nal-psy­cho­lo­gen und Psy­cho­the­ra­peu­ten.

Was ver­ste­hen wir unter Foren­sic Lea­ders­hip – Per­sön­lich­keits­pro­filing als Füh­rungs­in­stru­ment bzw. Foren­sic Nego­tia­ti­on-Per­sön­lich­keits­pro­filing als Ver­hand­lungs­in­stru­ment?

Im Semi­nar Foren­sic Lea­ders­hip wer­den die Erkennt­nis­se aus der kri­mi­nal­psy­cho­lo­gi­schen Arbeit in die täg­li­che

Füh­rungs­pra­xis über­tra­gen. Dazu gehö­ren sowohl Gesprächs­tech­ni­ken, die bei Ver­neh­mun­gen von Zeu­gen, Opfern und Beschul­dig­ten her­an­ge­zo­gen wer­den, als auch pro­fes­sio­nel­le Ein­schät­zun­gen unter­schied­li­cher Ver­hal­tens­wei­sen. Im Semi­nar Foren­sic Nego­tia­ti­on nut­zen Sie die­ses Wis­sen, um psy­cho­lo­gisch wir­kungs­voll

mit ver­schie­de­nen Per­sön­lich­keits­sti­len Ihrer Geschäftspartner:innen zu ver­han­deln.

Was ist beson­ders rele­vant, wel­che aktu­el­len Bezü­ge gibt es zu den ange­bo­te­nen Inhal­ten?

Die Auf­ga­be eines Foren­si­kers und Wirt­schafts­kri­mi­no­lo­gen besteht zu einem wesent­li­chen Teil dar­aus, die Ursa­che-Wir­kungs-Zusam­men­hän­ge für (teil­wei­se schäd­li­ches) Ver­hal­ten zu begrei­fen. Für die­ses Ver­ste­hen zie­hen wir wis­sen­schaft­li­che Model­le aus der (Sozial-)psychologie und Kri­mi­no­lo­gie her­an, deren Kennt­nis­se sich eben­falls in die Füh­rungs­pra­xis ablei­ten las­sen. Denn die Her­aus­for­de­rung einer heu­ti­gen Füh­rungs­kraft besteht zuneh­mend dar­in, den Anfor­de­run­gen und Ansprü­chen nach einer indi­vi­du­el­len Behand­lung und Berück­sich­ti­gung der ein­zel­nen Mit­ar­bei­ter gerecht zu wer­den.

Wel­che Vor­tei­le bie­tet Per­sön­lich­keits­pro­filing, aber auch wel­che Schwierigkeiten/Hemmnisse? Was sind Ihre per­sön­li­chen Erfah­run­gen?

Per­sön­lich­keits­pro­filing bie­tet zunächst ein­mal die Chan­ce, anhand von wis­sen­schaft­li­chen Para­me­tern eine gute Ein­schät­zung unse­res Gegen­übers zu erzie­len. In der foren­si­schen Arbeit hilft uns eine sol­che Dia­gnos­tik auf der einen Sei­te dabei, ein bes­se­res Ver­ständ­nis für die Moti­ve von Straf­tä­tern zu erlan­gen. Auf der ande­ren Sei­te ver­langt auch eine pro­fes­sio­nel­le Befra­gung eine ent­spre­chen­de Anti­zi­pa­ti­on unter­schied­li­cher Gefühls­wel­ten und Ver­hal­tens­wei­sen des Gesprächs­part­ners. Eine pro­fes­sio­nel­le Ein­schät­zung der inne­ren Dyna­mi­ken von Zeu­gen, Opfern und Beschul­dig­ten, ver­hilft uns in der Ver­neh­mung also an auf­rich­ti­ge und ehr­li­che Infor­ma­tio­nen

zu gelan­gen, die für die Fall­auf­klä­rung bedeut­sam sind. Gleich­zei­tig besteht in der Ein­ord­nung von Ver­hal­tens­wei­sen die Gefahr einer vor­schnel­len Stig­ma­ti­sie­rung im Sin­ne von „Der ist so und so eine Per­son.“ Hier gilt es, die eige­ne Hypo­the­se hin­sicht­lich der Hin­ein­ka­te­go­ri­sie­rung von Per­sön­lich­keits­ei­gen­schaf­ten auch immer wie­der refle­xiv zu hin­ter­fra­gen.

Wie läuft Kurs ab? Was ist kon­kre­ter Inhalt des Kur­ses? Wie gelingt eine Ver­bin­dung von Theo­rie und Selbst­re­fle­xi­on?

Der Kurs beschäf­tigt sich im Wesent­li­chen mit dem Begrei­fen von unter­schied­li­chen (teil­wei­se schwie­ri­gen) Ver­hal­tens­wei­sen von Mitarbeiter:innen und Füh­rungs­kräf­ten sowie der dazu­ge­hö­ri­gen Ver­hal­tens­an­ti­zi­pa­ti­on, die stets – ana­log zu foren­si­schen Ver­neh­mun­gen – auf Bezie­hungs­för­de­rung aus­ge­rich­tet ist.

Das Beson­de­re an die­sem Kurs ist, dass neben pro­fun­den Model­len aus der Wis­sen­schaft und span­nen­den Pra­xis­bei­spie­len aus dem foren­si­schen All­tag, ein Schau­spie­ler zur Ver­fü­gung steht, mit dem her­aus­for­dern­de Situa­tio­nen real­ge­treu geübt wer­den kön­nen.

Gibt es Vor­aus­set­zun­gen, die die Teil­neh­men­den des Semi­na­res erfül­len müs­sen? Für wen ist die Ver­an­stal­tung beson­ders emp­feh­lens­wert?

Die Teilnehmer:innen benö­ti­gen kei­ne Vor­kennt­nis­se. Die Ver­an­stal­tung ist sowohl für Fach­kräf­te rele­vant, die regel­mä­ßig in Teams zusam­men­ar­bei­ten und grup­pen­dy­na­mi­schen Phä­no­me­nen aus­ge­setzt sind, als auch für Füh­rungs­kräf­te, die eige­ne Mitarbeiter:innen anlei­ten sol­len.

Vie­len Dank für das Gespräch!

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Das Gespräch führ­te Sol­vejg Hes­se, Bil­dungs­re­fe­ren­tin an der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie Ber­lin

Foren­sic Lea­ders­hip – Per­sön­lich­keits­pro­filing als Füh­rungs­in­stru­ment

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19.–20. Sep­tem­ber 2022

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Wir­kung und Wirk­sam­keit in der Ein­glie­de­rungs­hil­fe – ein Bei­trag zur Debat­te um Wir­kung Sozia­ler Arbeit

Mai 2022 | Ein­glie­de­rungs­hil­fe

ein Gast­bei­trag von Regi­na Schödl und Anika Göbel (Der Arti­kel ist ursprüng­lich im Pari­tä­ti­schen Rund­brief 2/2022 erschie­nen.)

Die Dis­kus­si­on zum The­ma Wir­kung und Wirk­sam­keit der Ein­glie­de­rungs­hil­fe wur­de durch gesetz­li­che Vor­ga­ben seit dem stu­fen­wei­sen Inkraft­tre­ten des BTHG im Jah­re 2017 ver­stärkt. Mit der durch das Bun­des­teil­ha­be­ge­setz in Gang gesetz­ten Reform wird sowohl der Begriff der Wirk­sam­keit der Leis­tungs­er­brin­gung (§ 128 SGB IX), als auch der Wir­kungs­kon­trol­le im Ein­zel­fall (§ 121 Abs. 2 SGB IX) expli­zit ein­ge­führt. Damit gibt es zwei Instru­men­te, die eine Steue­rung der Leis­tungs­er­brin­gung an ver­schie­de­nen Punk­ten gewähr­leis­ten soll. Eine kon­kre­te Defi­ni­ti­on der Begrif­fe Wir­kung und Wirk­sam­keit sowie deren Nach­weis erfolg­te dabei nicht.

Die Debat­te um die Wir­kung und die Wirk­sam­keit der erbrach­ten Ein­glie­de­rungs­hil­fe­leis­tung ist jedoch drin­gend not­wen­dig und wird durch­aus kon­tro­vers dis­ku­tiert. Zum einen besteht die Sor­ge, dass die Defi­ni­ti­on von Wir­kung und Wirk­sam­keit mit einer Öko­no­mi­sie­rung und Kon­trol­le der Leis­tungs­er­brin­gung ein­her­geht, zum ande­ren zei­gen jedoch bereits seit Län­ge­rem durch­ge­führ­te Wir­kungs­pro­jek­te sehr wohl die Mög­lich­keit auf, Wir­kun­gen der Sozia­len Arbeit nach­wei­sen und dar­stel­len zu kön­nen.

Selbst­be­stim­mung und Teil­ha­be sind Leit­zie­le der Ein­glie­de­rungs­hil­fe

Vor der Ein­füh­rung des BTHG betrach­te­te die Ein­glie­de­rungs­hil­fe anspruchs­be­rech­tig­te Men­schen mit Behin­de­rung als hil­fe­be­dürf­tig, deren Leben in der Gemein­schaft durch ent­spre­chen­de Für­sor­ge und Päd­ago­gik zu

för­dern sei. Mit dem Bun­des­teil­ha­be­ge­setz strebt der Gesetz­ge­ber einen weit­rei­chen­den Hal­tungs­wan­del gegen­über Men­schen mit Behin­de­rung an. Leis­tungs­be­rech­tig­te Men­schen mit Behin­de­rung sol­len Leis­tun­gen

erhal­ten, die eine selbst­be­stimm­te und gleich­be­rech­tig­te Teil­ha­be am Leben in der Gesell­schaft ermög­li­chen.

Benach­tei­li­gun­gen sol­len ver­mie­den bzw. wir­kungs­voll redu­ziert wer­den. Nicht mehr der Mensch mit Behin­de­rung muss ler­nen, sich sei­ner Umwelt anzu­pas­sen. Bar­rie­ren, die Men­schen an der vol­len und gleich­be­rech­tig­ten Teil­ha­be hin­dern und beein­träch­ti­gen, sol­len abge­baut wer­den. Selbst­be­stim­mung und Teil­ha­be sind die Leit­zie­le der Ein­glie­de­rungs­hil­fe und bil­den damit die Grund­la­ge für die Ent­wick­lung von Kri­te­ri­en der Wir­kung und zum

Wir­kungs­nach­weis.

Und wie soll die Wirk­sam­keit erfasst wer­den?

Die Leis­tun­gen der EGH erzeu­gen im bes­ten Fall posi­ti­ve Ver­än­de­run­gen für Men­schen mit Behin­de­rung. Dies sind Wir­kun­gen auf Ebe­ne des Ein­zel­fal­les. Wer­den die Leis­tun­gen der Trä­ger in den Blick genom­men und eva­lu­iert, gibt dies Hin­wei­se zu deren Wirk­sam­keit. Die­se Leis­tun­gen kön­ne zum einen quan­ti­ta­tiv erfasst wer­den, müs­sen aber auch einer qua­li­ta­ti­ven Betrach­tung stand­hal­ten. Im Zusam­men­hang mit der Wir­kung und der Wirk­sam­keit in der Ein­glie­de­rungs­hil­fe sind noch vie­le Fra­gen unge­klärt. Daher wird das The­ma Wir­kung und Wirk­sam­keit

in der Ein­glie­de­rungs­hil­fe in einem Semi­nar an der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie am 26. August 2022 the­ma­ti­siert. Das halb­tä­gi­ge Semi­nar gibt einen kur­zen Über­blick über den aktu­el­len Stand der fach­li­chen Dis­kus­si­on rund um das The­ma Wir­kung und Wirk­sam­keit. Es zeigt auf, wie Wir­kungs­ori­en­tie­rung sowie Eva­lua­ti­on in der prak­ti­schen Arbeit gefasst wer­den kön­nen und hilft bei der Ein­ord­nung des Kon­zep­tes in der Ein­glie­de­rungs­hil­fe. 

Wir­kung und Wirk­sam­keit in der Ein­glie­de­rungs­hil­fe

Semi­nar

26. August 2022

Das Pari­tä­ti­sche Ein­glie­de­rungs­hil­fe­fo­rum

Ein inter­dis­zi­pli­nä­res Fach­in­for­ma­ti­ons- und Wei­ter­bil­dungs­an­ge­bot des Pari­tä­ti­schen Wohl­fahrts­ver­bands LV Ber­lin e.V. und der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie

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Zivil­ge­sell­schaft unter Druck – mit Wir­kungs­ori­en­tie­rung die Kri­se meis­tern

15. Juni 2021 | Wir­kung

in Gast­bei­trag von Anne Jeg­lin­ski

Gera­de in Pan­de­mie-Zei­ten hat sich durch ihre Prä­senz und ihre inno­va­ti­ven Ideen wie­der gezeigt, dass freie

gemein­nüt­zi­ge Orga­ni­sa­tio­nen, als Teil der Zivil­ge­sell­schaft, sys­tem­re­le­vant sind und unse­re Gesell­schaft zusam­men­hal­ten. Den­noch wird die Wir­kung ihrer Arbeit gleich­zei­tig auch in Fra­ge gestellt, wenn es um aus­kömm­li­che Finan­zie­rung und um Augen­hö­he bei Ver­hand­lun­gen mit Poli­tik und Ver­wal­tung geht. Errei­chen sie

wirk­lich das bei den Ziel­grup­pen, was sie sich vor­ge­nom­men haben? Sind die Ziel­grup­pen ein­ge­bun­den? Sind die Orga­ni­sa­tio­nen fähig in der Kri­se zu agie­ren?

Dabei neh­men die gesell­schaft­li­chen Her­aus­for­de­run­gen zu. Die gegen­wär­ti­ge Coro­na-Pan­de­mie hat die­se wie durch ein Brenn­glas sicht­bar gemacht. Zivil­ge­sell­schaft­li­che Orga­ni­sa­tio­nen wie Kitas, Pfle­ge­ein­rich­tun­gen, Woh­nungs­lo­sen­hil­fe, Nach­bar­schafts­zen­tren, Jugend­clubs oder Hilfs­diens­te haben seit Beginn der Pan­de­mie ihr Mög­lichs­tes getan, um auch wei­ter­hin für Men­schen da sein zu kön­nen.

Gera­de jetzt müss­te sozia­le Arbeit mehr unter­stützt und finan­ziert wer­den, denn die Fol­gen der Coro­na­kri­se sind

gra­vie­rend. Die Gefahr besteht jedoch, dass es im Hin­blick auf Haus­halts­ver­hand­lun­gen ver­mehrt um finan­zi­el­le

Kür­zun­gen auch im sozia­len Bereich gehen wird.

Augen­hö­he durch wir­kungs­ori­en­tier­tes Arbei­ten erzeu­gen

Wie kön­nen gemein­nüt­zi­ge Orga­ni­sa­tio­nen damit umge­hen? Wie kön­nen wir selbst dazu bei­tra­gen, dass

Dis­kus­sio­nen auf Augen­hö­he geführt wer­den? Wie kön­nen wir von einem Dis­kurs über Ein­spa­run­gen zu einem gemein­sa­men Aus­tausch über gesell­schaft­li­che Her­aus­for­de­run­gen und erwünsch­te Wir­kun­gen von Ange­bo­ten und Vor­ha­ben kom­men?

Der Fokus auf der Wir­kung sozia­ler Arbeit bie­tet enor­me Vor­tei­le für den Dia­log mit rele­van­ten Sta­ke­hol­dern wie Poli­tik, Ver­wal­tung und Geld­ge­bern. Einer­seits kann die Wir­kungs­ori­en­tie­rung als Steue­rungs­hil­fe trans­pa­ren­ter auf­zei­gen, ob beab­sich­tig­te Ver­än­de­run­gen ein­ge­tre­ten sind. Ande­rer­seits ist sie hilf­reich dabei dem Trend zur exter­nen ex-post Eva­lua­ti­on etwas ent­ge­gen­zu­set­zen. Denn was bringt es, Leis­tun­gen auf ihre Wir­kun­gen hin zu über­prü­fen, wenn vor­her nicht wir­kungs­ori­en­tiert kon­zi­piert, geplant, umge­setzt und ana­ly­siert wur­de? Die­ses Wis­sen kann ein­ge­setzt wer­den, um Wir­kungs­dia­lo­ge mit Poli­tik, Ver­wal­tung sowie wei­te­ren Sta­ke­hol­dern anzu­re­gen, ein­zu­for­dern und aktiv mit­zu­ge­stal­ten.

Fokus auf die Wir­kun­gen sozia­ler Arbeit set­zen

Mit­ar­bei­ten­de in gemein­nüt­zi­gen Orga­ni­sa­tio­nen haben oft ein untrüg­li­ches Gespür für die Ziel­grup­pen ihrer

Arbeit und die Wir­kun­gen, die sie erzie­len. Es gelingt aller­dings nicht immer, das für Exter­ne ver­ständ­lich und struk­tu­riert zu ana­ly­sie­ren und zu kom­mu­ni­zie­ren.

Der Pari­tä­ti­sche Wohl­fahrts­ver­band hat sich bereits Ende 2014 auf den Weg gemacht Wir­kungs­ori­en­tie­rung für die Zivil­ge­sell­schaft zugäng­lich zu machen. Seit­dem haben wir von ver­schie­de­nen Akteu­ren im Gebiet der Wir­kungs­ori­en­tie­rung wie z.B. dem gemein­nüt­zi­gen Ana­ly­se- und Bera­tungs­haus Phineo gAG und vie­len ande­ren gelernt. Aus­ge­hend von die­sen Erfah­run­gen, hat der Pari­tä­ti­sche Wohl­fahrts­ver­band Ber­lin ein eige­nes Wir­kungs­mo­dell erstellt, erprobt und für sozia­le Orga­ni­sa­tio­nen nutz­bar gemacht. Es basiert auf bestehen­den Model­len, kom­bi­niert, ergänzt und ent­wi­ckelt die­se wei­ter.

Wozu wur­de das Wir­kungs­mo­dell ent­wi­ckelt?

Zivil­ge­sell­schaft­li­che Orga­ni­sa­tio­nen sind Seis­mo­gra­fen der Gesell­schaft und müs­sen als Kri­sen-Bewäl­ti­ge­rin­nen sozi­al-inno­va­tiv den­ken und han­deln. Dafür brau­chen sie Werk­zeu­ge und Metho­den. Dabei kann die Wir­kungs­ori­en­tie­rung und das Wir­kungs­mo­dell des Pari­tä­ti­schen Wohl­fahrts­ver­ban­des Ber­lin unter­stüt­zen. Wir­kungs­ori­en­tiert Vor­ha­ben zu kon­zi­pie­ren, zu pla­nen, durch­zu­füh­ren, zu ana­ly­sie­ren und dar­über zu berich­ten sehen wir als Schlüs­sel zu mehr Augen­hö­he mit Poli­tik, Ver­wal­tung, Geld­ge­bern und ande­ren rele­van­ten Akteu­ren.

Ange­mes­sen dar­stel­len zu kön­nen, wozu sozia­le Orga­ni­sa­tio­nen ihre Leis­tun­gen bzw. Akti­vi­tä­ten durch­füh­ren, auf wel­cher Grund­la­ge sie die­se kon­zi­piert haben und wel­che Ergeb­nis­se und Wir­kun­gen sie auf Ebe­ne der Ziel­grup­pen damit erreicht haben, ermög­licht ihnen, kon­kret und struk­tu­riert zu berich­ten.

Wir­kungs­ori­en­tie­rung als Hal­tung beför­dert das pro­zess­ori­en­tier­te ite­ra­ti­ve Arbei­ten. Das Wir­kungs­mo­dell des Pari­tä­ti­schen Wohl­fahrt­ver­ban­des ermög­licht es gemein­nüt­zi­gen und gemein­wohl­ori­en­tier­ten Orga­ni­sa­tio­nen Wir­kungs­ori­en­tie­rung in die Denk­wei­se von Mit­ar­bei­ten­den ein­flie­ßen zu las­sen.

Wie funk­tio­niert das Wir­kungs­mo­dell?

Das Wir­kungs­mo­dell ist eine ver­ein­fach­te Dar­stel­lung davon, wozu und wie Wir­kun­gen bei Ziel­grup­pen bzw. dar­über hin­aus in Bezug auf die Gesell­schaft erzielt wer­den. Es erleich­tert die Pla­nung und Ana­ly­se von Ergeb­nis­sen und Wir­kun­gen, indem vor Beginn der Umset­zungs­pha­se Annah­men über Zusam­men­hän­ge zwi­schen den

Inter­ven­tio­nen und den dar­aus fol­gen­den Wir­kun­gen getä­tigt wer­den.

Wir­kungs­zu­sam­men­hän­ge wer­den nach Zie­len, Inhal­ten und Metho­den hypo­the­tisch ent­wor­fen. Es ent­steht die spe­zi­fi­sche Wir­kungs­lo­gik für das Vor­ha­ben. Die Wir­kungs­zie­le glie­dern sich in Wir­kun­gen in Bezug auf die

gesell­schaft­li­che Ebe­ne (Impact) und Wir­kun­gen auf Ebe­ne der Zielgruppe(n) (Out­co­mes). Die ange­dach­ten Leis­tun­gen bzw. Akti­vi­tä­ten (Out­puts) die­nen dazu, die Zielgruppe(n) zu errei­chen, um Wir­kun­gen auf der Ebe­ne der Zielgruppe(n) zu ermög­li­chen. Die Umset­zung der Leis­tun­gen bzw. Akti­vi­tä­ten ist also essen­zi­ell, um über­haupt Wir­kung erzeu­gen zu kön­nen.

Wir­kungs­ori­en­tiert zu arbei­ten bedeu­tet, Vor­ha­ben von der Wir­kung her zu pla­nen. Es geht dar­um eine Rück­kopp­lung zu der gesell­schaft­li­chen Her­aus­for­de­rung ein­zu­bau­en und die Rah­men­beding­ungen immer wie­der zu über­prü­fen. Es geht auch um die Ein­be­zie­hung und Par­ti­zi­pa­ti­on der Nut­ze­rin­nen und Nut­zer (Ziel­grup­pen)

der Ange­bo­te, näm­lich dar­um, die Res­sour­cen die­ser Men­schen zu erken­nen, ein­zu­be­zie­hen und sich das Feed­back die­ser adres­sier­ten Ziel­grup­pen ein­zu­ho­len.

Her­aus­for­de­run­gen der Wir­kungs­ori­en­tie­rung in der sozia­len Arbeit

Selbst­ver­ständ­lich fin­det sozia­le Arbeit unter Bedin­gun­gen statt, die von wach­sen­der Kom­ple­xi­tät geprägt sind. Wir­kungs­mo­del­le sind eine Reduk­ti­on der Wirk­lich­keit. Wenn wir Wir­kun­gen ana­ly­sie­ren machen wir Aus­sa­gen über Ursa­che-Wir­kungs-Bezie­hun­gen. Kei­ne Metho­dik bil­det alle Ebe­nen sozia­ler Wir­kung ab. Wir kön­nen aber Annä­he­run­gen zwi­schen Tätig­keit und Wir­kung tref­fen. Nach­hal­ti­ge­re Wir­kun­gen sind sicher schwe­rer nach­zu­wei­sen, als Wir­kun­gen auf Ebe­ne der Ziel­grup­pen, die wir befra­gen kön­nen. Das Wir­kungs-Modell des Pari­tä­ti­schen Wohl­fahrts­ver­ban­des Ber­lin ist aus der Pra­xis her­aus ent­stan­den. Es wur­de ent­wi­ckelt, um in der Pra­xis Men­schen und Orga­ni­sa­tio­nen der sozia­len Arbeit zu die­nen.

Wir wol­len Mut machen wir­kungs­ori­en­tiert zu arbei­ten, denn über die Beschrei­bung der inten­dier­ten Wir­kun­gen, die For­mu­lie­rung von Wir­kungs­zie­len und Wir­kungs­hy­po­the­sen kön­nen wir Aus­sa­gen über den Zusam­men­hang zwi­schen Leis­tun­gen und vor­ab ver­mu­te­ter Wir­kung tref­fen. Selbst wenn wir uns nur annä­hern, sind das doch wich­ti­ge Hin­wei­se für sozia­le Orga­ni­sa­tio­nen und deren Sta­ke­hol­der.

Wir­kungs­ori­en­tie­rung anwen­den ler­nen

Wer ler­nen möch­te wir­kungs­ori­en­tiert zu arbei­ten, fin­det dazu Kur­se an der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie. Inner­halb des Inno­va­ti­ons­fo­rums gibt es sowohl Ein­stei­ger­kur­se, also auch den Zer­ti­fi­kats­kurs Wir­kungs­ori­en­tie­rung.

Gemein­nüt­zi­ge Orga­ni­sa­ti­on, Insti­tu­tio­nen und Ver­bän­de, die sich außer­dem als Gan­zes auf den Weg machen möch­ten und mit dem Ansatz der Wir­kungs­ori­en­tie­rung Ver­än­de­rungs­pro­zes­se ansto­ßen möch­ten, bera­ten wir selbst­ver­ständ­lich auch indi­vi­du­ell für maß­ge­schnei­der­te Inhouse-Ange­bo­te oder beglei­ten­de Coa­chings.

Zivil­ge­sell­schaft­li­che Orga­ni­sa­tio­nen sind die Basis auf der unse­re Demo­kra­tie steht. Sie ste­hen für gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halt, für Soli­da­ri­tät und für Mensch­lich­keit. Die Leis­tun­gen, die sie erbrin­gen und die

Wir­kun­gen, die sie mit ihrer Arbeit erzie­len gilt es noch viel deut­li­cher sicht­bar zu machen. Denn sie wir­ken.

Zur Autorin:

Anne Jeg­lin­ski ist Lei­te­rin der Geschäfts­stel­le Bezir­ke, Inno­va­ti­on und Wir­kung beim Pari­tä­ti­scher Wohl­fahrts­ver­band Ber­lin

Wir­kungs­ma­nage­ment

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beglei­ten­dem Coa­ching

Annet­te Loy

Bereichs­lei­tung Semi­na­re

Pari­tä­ti­sche Aka­de­mie Ber­lin

loy@akademie.org

030 275 8282 15

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