Maga­zin

Gemein­nüt­zig­keit im Kiez

August 2022 | Sozia­les Enga­ge­ment in Ber­lin

Gemein­nüt­zig­keit im kiez

Sie sind auch in ihrer Nach­bar­schaft, aber viel­leicht wur­den sie bis­her kaum wahr­ge­nom­men: Unschein­ba­re Häu­ser in Wohn­ge­gen­den, die als Zen­tren für Bürger*innen Frei­zeit­ge­stal­tung und kon­kre­te Hil­fe anbie­ten. Wir haben zwei Pari­tä­ti­sche Ein­rich­tun­gen in Ber­lin besucht.

Das Roll­berg­vier­tel in Nor­den von Neu­kölln. Prä­gend sind die soge­nann­ten Mäan­der­bau­ten, ein Ensem­ble ver­schie­de­ner rela­tiv fla­cher Wohn­ge­bäu­de aus den 60er Jah­ren, an denen zuerst ihre acht­ecki­ge Form auf­fällt. Gebaut als klas­si­scher sozia­ler Woh­nungs­bau. Auch wenn sich hier vie­les seit Jahr­zehn­ten optisch kaum ver­än­dert hat, haben sich in der Roll­berg­stra­ße die Ange­bots­mie­ten zwi­schen 2009 und 2015 ver­dop­pelt. Der Kiez ist beliebt, vie­le wol­len zwi­schen dem Tem­pel­ho­fer Feld und der Knei­pen­mei­le Weser­stra­ße woh­nen. Und der Kiez wird damit immer teu­rer für die Alt­ein­ge­ses­se­nen.

Mit­ten­drin steht das Bür­ger­zen­trum Neu­kölln, eine Pari­tä­ti­sche Ein­rich­tung, die sich vor­wie­gend, aber nicht nur an älte­re Men­schen rich­tet. Cen­giz­han Yüksel ist 29 Jah­re alt und hier seit 2020 Geschäfts­füh­rer. In die­ser Funk­ti­on ist er auch an der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie Ber­lin. Ins­ge­samt ist der stu­dier­te Ver­wal­tungs­wis­sen­schaft­ler seit 2011 im Pari­tä­ti­schen Umfeld aktiv. Das Bür­ger­zen­trum selbst ist deut­lich älter als ihr Geschäfts­füh­rer. Bereits 1983 eröff­ne­te die Ein­rich­tung, die damals noch „Haus des älte­ren Bür­gers“ hieß. Dr. Gabrie­le Schlim­per, heu­te Lan­des­ge­schäfts­füh­re­rin des Pari­tä­ti­schen Ber­lin, war hier auch ein­mal Geschäfts­füh­re­rin.

Mit der Ent­schei­dung, dass Ange­bot auf brei­te­re Schich­ten aus­zu­wei­ten, wur­de es vor eini­gen Jah­ren zum Bür­ger­zen­trum, auch um den sich seit eini­gen Jah­ren stark ver­jün­gen­den Kiez Neu­köll­ns abzu­bil­den. „Der Schwer­punkt bleibt aber wei­ter­hin die offe­ne Senior*innenenarbeit“, erklärt Yüs­kel.

30.000 bis 40.000 Besucher*innen hat das Bür­ger­zen­trum im Jahr, zumin­dest wenn kein Coro­na herrscht. Die Band­brei­te geht von Senior*innen in Grund­si­che­rung bis zu sehr ver­mö­gen­den älte­ren Men­schen. Hier ist weni­ger wich­tig, wie hoch die Ren­te oder der Kon­to­stand ist, son­dern dass sich jeder die Frei­zeit im Bür­ger­zen­trum leis­ten und die glei­chen Ange­bo­te wahr­neh­men kann. Das Ange­bot reicht von Gärt­nern über Kegeln bis hin zum Tanz­tee, den vor Coro­na schon­mal 200 Leu­te besuch­ten. Auch vie­le krea­ti­ve Ange­bo­te bie­tet das Bür­ger­zen­trum – alles selbst­ver­wal­tet. Das Bür­ger­zen­trum stellt in ers­ter Linie die Infra­struk­tur. Wich­tig ist, dass die Besucher*innen ihre eige­nen Ideen von Frei­zeit­ge­stal­tung ent­wi­ckeln und umset­zen anstatt etwas vor­ge­setzt zu bekom­men. Cen­giz­han Yüksel: „Es ist uns wich­tig, dass sie Senior*innen selbst­or­ga­ni­siert sind und dadurch ihre Idee von Gemein­nüt­zig­keit in die Welt tra­gen.“

Von Senior*innen für Senior*innen

Eine davon ist Inge Schwar­zer, Jahr­gang 1950. Sie ist mit 58 Jah­ren in Alters­teil­zeit gegan­gen und mit viel Zeit, wie sie sagt. Zunächst fing Frau Schwar­zer als Lese­pa­tin im damals noch „Haus des älte­ren Bür­gers“ genann­ten Bür­ger­zen­trum an, heu­te lei­tet sie die 14-köp­fi­ge Hand­ar­beits­grup­pe mit Damen im Alter von 54 bis 90 Jah­ren . „Aber ich muss ehr­lich sagen, dass ich die wenigs­te Geschick­lich­keit habe“, sagt die Senio­rin und lacht. Sie selbst orga­ni­siert Buch­hal­tung und Ver­kauf. Denn was in die­ser Grup­pe und ande­ren gefer­tigt wird, wird für den guten Zweck ver­kauft. Und da kommt eini­ges zusam­men: „Wir haben am Schluss weit über 1000 Euro gespen­det“, freut sich die Ber­li­ne­rin. Das hat unter ande­rem die Auto­ma­tik­tü­ren des Bür­ger­zen­trums mit­fi­nan­ziert oder wur­de für Bedarfs­ge­gen­stän­de für obdach­lo­se Men­schen aus­ge­ge­ben.

Orts­wech­sel. Ber­lin Wed­ding. Hier steht die Fabrik Oslo­er Stra­ße. Die Ein­rich­tung resi­diert in einer der klas­si­schen Ber­li­ner Hin­ter­hof-Fabri­ken, wie man sie frü­her auch in Wohn­vier­teln gebaut hat. Der Fabri­kant Albert Rol­ler ließ hier ab 1855 Maschi­nen und spä­ter Zünd­höl­zer her­stel­len. Als die Fir­ma in den sieb­zi­ger Jah­ren insol­vent ging, ent­deck­ten ver­schie­dens­te Initia­ti­ven das gro­ße und zen­tra­le Hin­ter­hof-Gelän­de, um fort­an sozio­kul­tu­rel­le Arbeit zu fabri­zie­ren. Wären die attrak­ti­ven Fabrik­ge­bäu­de nicht früh einer gemein­nüt­zi­gen Kiezar­beit gewid­met wor­den, wür­den hier viel­leicht wie ander­orts Start Ups jetzt Apps pro­gram­mie­ren.

Es ist bereits viel los an die­sem ver­reg­ne­ten Mitt­woch­mor­gen in der Fabrik. Frei­wil­li­ge Helfer*innen berei­ten ein klei­nes Kiez­früh­stück im Ein­gangs­be­reich vor. Unzäh­li­ge Ver­ei­ne, Ver­bän­de und Initia­ti­ven fin­den seit Jahr­zehn­ten in der Fabrik Oslo­er Stra­ße ihr Zuhau­se. 20 davon lis­tet die Home­page auf. Von der Schreiba­by­am­bu­lanz über die Druck­werk­statt bis hin zur Gewalt­prä­ven­ti­on fin­det sich hier fast die gesam­te Band­brei­te der gemein­nüt­zi­gen Arbeit.

Lie­ber Sozia­le Arbeit als Wirt­schaft

Ein paar Meter wei­ter tref­fe ich bereits mei­ne Inter­view­part­ne­rin Ali­ye Stra­cke-Gönül. Die quir­li­ge Frau ist seit Ende 2020 Geschäfts­füh­re­rin der Fabrik und war zuvor bei der AWO in der Migra­ti­ons­be­ra­tung. Zuvor hat­te sie eine Bank­leh­re gemacht, ein Stu­di­um im Bereich Poli­tik und Ver­wal­tung absol­viert und eini­ge Jah­re im Aus­land gear­bei­tet. Irgend­wann, so ent­schied sie, woll­te sie aber nicht mehr in der Wirt­schaft arbei­ten und wech­sel­te in den sozia­len Bereich. Damit ist Frau Stra­cke-Gönül auch geo­gra­phisch zurück zu ihren Wur­zeln gekehrt, denn zwei Stra­ßen wei­ter von der Oslo­er Stra­ße ist sie auf­ge­wach­sen und ihre Eltern woh­nen bis heu­te dort. Schon früh ist sie in die Put­te in der Oslo­er Stra­ße gegan­gen, eine der weni­gen Ein­rich­tun­gen und Treff­punk­te für Migrant*innen im Kiez. Frau Stra­cke-Gönül weiß also ganz genau, wor­auf es ankommt: „Wir wol­len, dass die Men­schen im Kiez wis­sen: Wenn ich etwas brau­che, dann gehe ich in die Fabrik Oslo­er Stra­ße.“

Zunächst gibt mir die Geschäfts­füh­re­rin eine Füh­rung durch den gro­ßen Gebäu­de­kom­plex der Fabrik. Halt machen wir bei Durch­bruch e.V. Jugend­li­che, die Pro­ble­me haben und woan­ders kei­ne Aus­bil­dung absol­vie­ren kön­nen, wer­den hier zu Instal­la­teu­ren aus­ge­bil­det. Tho­mas Knaak ist hier Aus­bil­dungs­lei­ter und erzählt, wer alles bei ihm eine Aus­bil­dung macht: „Im Moment haben wir eine gro­ße Men­ge an Flücht­lin­gen. Ansons­ten haben wir Jugend­li­che mit ver­schie­de­nen Pro­blem­la­gen wie Alko­hol­kon­sum, Dro­gen, Gewalt, psy­chi­sche und schu­li­sche Pro­ble­me. Halt alles, was die Groß­stadt zu bie­ten hat.“ Durch­bruch ist dabei erfolg­reich. 90 Pro­zent der Jugend­li­chen schaf­fen hier ihren Berufs­ab­schluss. Auch das ist Gemein­nüt­zig­keit: Da wo der freie (Ausbildungs-)Markt nicht wei­ter­hilft, sprin­gen gemein­nüt­zi­ge Ver­ei­ne ein.

Wenn die Qua­drat­me­ter­prei­se stei­gen

Gen­tri­fi­zie­rung ist die wohl der­zeit größ­te Bedro­hung für die Gemein­nüt­zig­keit. Cen­giz­han Yüksel aus dem Bür­ger­zen­trum Neu­kölln weiß: „Gera­de in dem sich ver­än­dern­den Kiez, in dem sich viel auf schön ver­klei­de­te Pro­fit­ma­xi­mie­rung aus­rich­tet, wird bezahl­ba­rer Raum knapp. Egal wie vie­le Akteu­re unter­wegs sind: Es stellt sich immer auch die Fra­ge, wem die Lie­gen­schaf­ten gehö­ren und was die Eigen­tü­mer damit machen.“ Man kön­ne inzwi­schen für über 30 Euro pro Qua­drat­me­ter für ein Laden­lo­kal in Neu­kölln neh­men. Sozia­le Trä­ger könn­ten das nicht stem­men.

Ali­ye Stra­cke-Gönül ver­bin­det damit auch eine per­sön­li­che Geschich­te: „Ich habe Ber­lin vor 20 Jah­re ver­las­sen und erst da ist mir das The­ma auf­ge­fal­len.“ Dass der Wed­ding im Kom­men ist, ist ein Run­ning Gag in der Ber­li­ner Bub­ble. So schlimm wie in Neu­kölln ist es noch nicht, aber auch hier wer­den stei­gen­de Mie­ten und Ver­drän­gung ein zuneh­men­des Pro­blem. „Wir sind ver­gleichs­wei­se noch gut dran“, meint Stra­cke-Gönül über ihren Kiez. Bezahl­ba­re Woh­nun­gen oder Ein­rich­tun­gen sind auch hier zuneh­mend Man­gel­wa­re, beson­ders für Fami­li­en, die immer öfter in der Fabrik Bera­tung suchen.

Die Fabrik und das Bür­ger­zen­trum sind in ihrer Struk­tur unter­schied­lich auf­ge­stellt. Das Bür­ger­zen­trum ist auch ein soge­nann­tes „Haus der Pari­tät.“ Das Logo steht unüber­seh­bar am Ein­gang. Und es bedeu­tet Sicher­heit, da die­se Häu­ser, die man in ganz Ber­lin fin­det, Lie­gen­schaf­ten des Lan­des­ver­ban­des, der Mit­glieds­or­ga­ni­sa­tio­nen oder der Stif­tung sind. „Räu­me die wir anbie­ten, wür­de jeder Unter­neh­mer anders ver­wer­ten. Wenn man es anders gewinn­brin­gend ver­mark­ten könn­te, wäre hier kein Platz für Gemein­nüt­zig­keit“, ist sich Yüksel sicher. „Damit wer­den wir zu einem Hafen für Ehren­amt und Gemein­nüt­zig­keit in die­sem sehr gefrag­ten Sze­ne­vier­tel.“

Nicht auf Pro­fit aus

Etwas anders ist es im Wed­ding. Das Gebäu­de der Fabrik Oslo­er Stra­ße gehört der GSE, einer gemein­nüt­zi­gen GmbH, die sich der dau­er­haf­ten Siche­rung von sozia­len Ein­rich­tun­gen ver­schrie­ben hat und Treu­hän­de­rin des Lan­des Ber­lin ist. Die Initia­ti­ven sind hier Mieter*innen und Frau Stra­cke-Gönül qua­si ihre Ver­mie­te­rin. Hier kom­men ihr auch ihre Erfah­run­gen in der Wirt­schaft zugu­te: „Als Ver­ein sind wir dar­auf ange­wie­sen, unse­re Arbeit nicht im wirt­schaft­li­chen Sin­ne zu sehen. Auch die Ver­mie­tung und Wei­ter­ver­mie­tung von Räum­lich­kei­ten müs­sen sich die Orga­ni­sa­tio­nen leis­ten kön­nen.“ Denn die stei­gen­den Gewer­be­mie­ten sind auch im Wed­ding ein Pro­blem: „Wir wol­len nichts ver­die­nen, son­dern den Orga­ni­sa­tio­nen, die sich die stei­gen­den Miet­prei­se nicht mehr leis­ten kön­nen, einen Ort zu schaf­fen.“ Das zeigt sich auch in der Mitarbeiter*innen-Struktur, denn hier hat nie­mand eine vol­le Stel­le. „Wir wür­den uns eine fes­te­re und lang­fris­ti­ge­re Finan­zie­rung wün­schen. Wir sind von Fremd­fi­nan­zie­run­gen abhän­gig“, so Stra­cke-Gönül.

Dafür muss man aber gewis­se Abstri­che machen, auch an den Ört­lich­kei­ten. Das alte Gebäu­de in der Oslo­er Stra­ße kann nicht umfas­send iso­liert wer­den, so dass es im Som­mer oft zu warm und im Win­ter zu kalt ist. Immer­hin die Fens­ter ent­spre­chen inzwi­schen den neu­es­ten ener­ge­ti­schen Stan­dards. Auch in Neu­kölln könn­te das ein oder ande­re mal erneu­ert wer­den. Der Auf­zug, immens wich­tig für die älte­ren Damen und Her­ren, stammt noch aus den acht­zi­ger Jah­ren. Sei­ne Tech­nik hat im Kel­ler die Grö­ße von zwei Schrän­ken und sieht aus wie ein anti­ker Super­com­pu­ter. Hin­zu kom­men noch zwei beein­dru­cken­de, raum­neh­men­de Ölwan­nen, die für den Betrieb des Auf­zugs uner­läss­lich sind.

Gemein­nüt­zi­ge Ein­rich­tun­gen wie das Bür­ger­zen­trum Neu­kölln und die Fabrik Oslo­er Stra­ße über­neh­men fun­da­men­ta­le Auf­ga­ben vor Ort, aus denen sich der Staat teil­wei­se zurück­ge­zo­gen hat. Eigent­lich soll­te man ihnen den roten Tep­pich aus­rol­len, aber oft­mals ist das Gegen­teil der Fall. Ali­ye Stra­cke-Gönül beklagt bei­spiels­wei­se eine gewis­se Skep­sis von Sei­ten eini­ger Behör­den, wenn es ums Geld geht. „Ich kann aber alle beru­hi­gen: Wir haben jedes Jahr eine Steu­er­prü­fung, einen Jah­res­ab­schluss, müs­sen Ver­wen­dungs­nach­wei­se erbrin­gen und sind sehr offen und trans­pa­rent“ sagt sie. Gro­ße Sprün­ge könn­te man sowie­so nicht machen. Hier arbei­tet nie­mand, der oder die reich wer­den will. Hier geht es um die Men­schen vor Ort.

Autor: Phil­ipp Mei­nert

Arti­kel aus dem Ver­bands­ma­ga­zin DER PARI­TÄ­TI­SCHE Aus­ga­be 02 | 2022: Vor­fahrt für Gemein­nüt­zig­keit

Ehren­amts­ma­nage­ment inten­siv

Hybrid-Kurs

Start 19. Okto­ber 2022

Ein Fami­li­en­zen­trum inno­va­tiv und nach­hal­tig füh­ren

Zer­ti­fi­kats­kurs

Start 28. Novem­ber 2022

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Bei­trag zum Zer­ti­fi­kats­kurs Ehren­amts­ma­nage­ment inten­siv

Juli 2022 | Frei­wil­li­ges Enga­ge­ment

In 100 Stun­den zum/zur Ehrenamtsmanager:in

Wer sich für Men­schen mit Beein­träch­ti­gung ehren­amt­lich enga­gie­ren will, ist bei der Lebens­hil­fe Ber­lin an

der rich­ti­gen Adres­se. Die Mög­lich­kei­ten rei­chen von Ein­zel­be­treu­ung, Paten­schaf­ten in Wohn­grup­pen und Wohn­ge­mein­schaf­ten über die Unter­stüt­zung von Lese­klubs oder Eltern-Kind-Grup­pen bis zu Sport­pa­ten­schaf­ten. Hil­fe und Unter­stüt­zung wer­den auch bei Ver­an­stal­tun­gen gebraucht. Grund­sätz­lich ist die Lebens­hil­fe in allen

Berei­chen offen für Ideen und Vor­schlä­ge für frei­wil­li­ges Enga­ge­ment. Mehr als 100 ehren­amt­lich Enga­gier­te zählt die Lebens­hil­fe Ber­lin. Die erfolg­rei­che Bilanz kommt nicht von unge­fähr. Vor über 20 Jah­ren wur­de das Frei­wil­li­gen­ma­nage­ment in der Lebens­hil­fe Ber­lin ein­ge­führt und von Tan­ja Weiß­lein auf­ge­baut. Seit­dem

enga­gie­ren sich Men­schen für Men­schen mit kogni­ti­ver Beein­träch­ti­gung und Lern­schwie­rig­kei­ten.

Kor­ne­lia Gold­bach lei­tet seit 2021 das Frei­wil­li­gen­ma­nage­ment in der Lebens­hil­fe Ber­lin. Obwohl sie seit

vie­len Jah­ren in der Ein­rich­tung arbei­tet, war die Lei­tung des Frei­wil­li­gen­ma­nage­ments für sie neu. Dar­um nahm sie von Okto­ber 2021 bis Mai 2022 am Zer­ti­fi­kats­kurs Ehren­amts­ma­nage­ment inten­siv an der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie Ber­lin teil.

In 100 Stun­den qua­li­fi­zie­ren sich die Teilnehmer:innen zum/zur Ehrenamtsmanager:in. In dem Kurs erwer­ben die

Teilnehmer*innen die not­wen­di­gen Fach­kennt­nis­se und Metho­den für die stra­te­gi­sche Ent­wick­lung, Gestal­tung, Beglei­tung und Koor­di­na­ti­on von ehren­amt­lich Enga­gier­ten sowie für die Zusam­men­ar­beit von Haupt- und Ehren­amt­li­chen in Ein­rich­tun­gen der Sozi­al­wirt­schaft. Schon nach den ers­ten Semi­nar­ta­gen war für Kor­ne­lia Gold­bach klar: „Die Fort­bil­dung ist eine ganz tol­le Ver­an­stal­tung und ich freue mich sehr, dar­an teil­neh­men zu kön­nen.“

Die Lebens­hil­fe Ber­lin ist eine von vie­len Orga­ni­sa­tio­nen und Ein­rich­tun­gen im Pari­tä­ti­schen Lan­des­ver­band, die­Wert auf ein pro­fes­sio­nel­les Ehren­amts- bzw. Frei­wil­li­gen­ma­nage­ment legen. Denn ehren­amt­li­ches und frei­wil­li­ges Enga­ge­ment ist kei­ne Rand­er­schei­nung. Im Ber­li­ner Lan­des­ver­band kom­men zu rund 55.000 Mit­ar­bei­ten­den etwa 30.000 Ehren­amt­li­che hin­zu. Ehren­amt­lich Enga­gier­te zu gewin­nen und zu hal­ten, ist aller­dings kein Selbst­läu­fer. Der aktu­el­le Deut­sche Frei­wil­li­gen­sur­vey und wei­te­re Stu­di­en ver­wei­sen auf die Auf­ga­ben, die in der Pra­xis her­aus­for­dernd sind, wie bei­spiels­wei­se die Abnah­me zeit­in­ten­si­ver ehren­amt­li­cher Tätig­kei­ten, die Gewin­nung jun­ger Enga­gier­ter sowie die zeit­li­che und fach­li­che Über­for­de­rung von ehren­amt­lich

Enga­gier­ten. Ehren­amts­ma­nage­ment ist eine aner­kann­te haupt­amt­li­che Lei­tungs- und Füh­rungs­auf­ga­be in der Sozi­al­wirt­schaft.

Vor über 20 Jah­ren wur­de der Kurs „Ehren­amts­ma­nage­ment inten­siv“ durch Prof. Dr. Ste­phan Wag­ner an

der Pari­tä­ti­sche Aka­de­mie Ber­lin ins Leben geru­fen. Seit­dem haben zahl­rei­che Ver­ant­wort­li­che für Enga­ge­ment, Ehrenamtsmanager:innen und Freiwilligenkoordinator:innen aus den Mit­glieds­or­ga­ni­sa­tio­nen den Zer­ti­fi­kats­kurs durch­lau­fen.

Im Fokus ste­hen drei Schwer­punk­te des Ehren­amts­ma­nage­men­tes: Die Ehrenamtlichen/Freiwilligen, Anfor­de­run-gen an die Organisations­entwicklung und an die Ehrenamtsmanager:innen. Der Kurs wur­de über die Jah­re modi­fi­ziert und wei­ter­ent­wi­ckelt. Aktu­ell wird der Kurs als Blen­ded Lear­ning ange­bo­ten, sprich Prä­senz- und Online-Semi­na­re wech­seln sich ab. So lässt sich der Kurs auch noch bes­ser in den Arbeits­all­tag inte­grie­ren. Die Teilnehmer:innen bau­en sich in Peer-Group-Mee­tings ihr Netz­werk auf. In Pra­xis-Talks ler­nen sie ande­re Ehrenamtsmanager:innen und ihre Arbeit ken­nen. Die Dozie­ren­den Chris­tia­ne Bie­der­mann und Bea­te Häring brin­gen ihr lang­jäh­ri­ges Know­how als Trai­ne­rin­nen im Frei­wil­li­gen­ma­nage­ment ein, der Jurist Erik Judis die recht­li­chen Grund­la­gen im Ehren­amt.

Kor­ne­lia Gold­bach, ehe­ma­li­ge Teil­neh­me­rin: Was hat der Kurs kon­kret gebracht?

„Neben der kom­pe­ten­ten fach­li­chen Anlei­tung der Refe­ren­tin­nen, sich das The­ma „Ehren­amt“ im

gesell­schaft­li­chen Kon­text zu erschlie­ßen, erleb­te ich den Kurs als sehr hilf­reich, um den

Manage­ment­pro­zess in der Frei­wil­li­gen­ar­beit in sei­ner voll­kom­me­nen Gän­ze zu erfas­sen

und in mei­ner prak­ti­schen Arbeit in der eige­nen Orga­ni­sa­ti­on umzu­set­zen.“

Ehren­amts­ma­nage­ment inten­siv

Hybrid-Kurs

Start 19. Okto­ber 2022

Ein Fami­li­en­zen­trum inno­va­tiv und nach­hal­tig füh­ren

Zer­ti­fi­kats­kurs

Start 28. Novem­ber 2022

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Ist eine psy­chi­sche Stö­rung (auch) eine Bezie­hungs­stö­rung?

Ein Bei­trag von Dr. Syl­via Sie­gel

Juli 2022 | Sozi­al­psych­ia­trie

Ist eine psy­chi­sche Stö­rung (auch) eine Bezie­hungs­stö­rung?

Die Fra­ge lässt sich mehr­fach mit Ja beant­wor­ten. Ja, weil in der psy­chi­schen Ent­wick­lung (ver­mut­lich ver­stö­ren­de) Bezie­hungs­er­fah­run­gen auf eine Art und Wei­se von den Betrof­fe­nen ver­ar­bei­tet wur­den, dass die­se ihre Psy­che nur ein­ge­schränkt ent­wi­ckeln konn­ten. Ja, weil Betrof­fe­ne des­halb in ihrer eige­nen intra­psy­chi­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on ein­ge­schränkt sind. Ja, weil Betrof­fe­ne in ihrer Bezie­hungs- und Inter­ak­ti­ons­fä­hig­keit gestört sind. Ja, weil auch Hel­fer in der Inter­ak­ti­on mit Betrof­fe­nen in sol­che gestör­ten Bezie­hungs­mus­ter hin­ein­ge­ra­ten. Die Fra­ge mit so vie­len Jas zu beant­wor­ten, ermög­licht ein ver­tief­tes Ver­ständ­nis von dem, was in Men­schen mit psy­chi­scher Beein­träch­ti­gung inner­lich abläuft. Ein sol­ches Ver­ständ­nis erlaubt, den Kli­en­ten gegen­über gelas­sen und somit hilf­reich zu sein.

Neben dem psy­cho­ana­ly­ti­schen Ver­ständ­nis gibt vor allem die Bin­dungs­theo­rie nach John Bowl­by und Mary Ain­s­worth ver­ständ­li­che Kon­zep­te an die Hand, um den Zusam­men­hang von psy­chi­scher Stö­rung und gestör­ter Bezie­hungs­er­fah­rung zu begrei­fen. Ein Kind wird mit der Fähig­keit, sich zu bin­den, gebo­ren. Wie die­se Fähig­keit im Ein­zel­nen aus­ge­prägt wird, hängt von indi­vi­du­el­len Bin­dungs- und Bezie­hungs­er­fah­run­gen ab. Das indungs­sys­tem regt einer­seits die Suche nach Gebor­gen­heit, Sicher­heit und das Bedürf­nis, Teil der Grup­pe zu sein, sowie ande­rer­seits den For­scher­drang, das Neu­gier­de- und Risi­ko­ver­hal­ten an. Bezie­hungs­er­fah­run­gen wer­den ver­in­ner­licht. Hier­bei ent­steht eine inne­re Büh­ne mit ver­schie­de­nen Dar­stel­lern, die sowohl das „Ich“ reprä­sen­tie­ren als auch Vor­stel­lun­gen von „dem/den Ande­ren“.

Hat man unter­stüt­zen­de, wich­ti­ge Bezugs­per­so­nen erlebt, kann man z. B. in eine Prü­fungs­si­tua­ti­on mit fol­gen­der

intra­psy­chi­scher Büh­ne gehen: ein „Ich“ mit einem guten Selbst­wert­ge­fühl, einem ver­mu­te­ten Bild des Prü­fers, das ange­mes­sen rea­li­täts­nah ist, einem Selbst­ver­trau­en, das einem sagt: „Du schaffst das!“, einer Kom­mu­ni­ka­ti­ons-fähig­keit, die in der Lage ist, auch bei Auf­re­gung nach­zu­fra­gen und rich­tig zuzu­hö­ren, einer Hand­lungs­fä­hig­keit nach innen, wel­che es ermög­licht, die gelern­ten Inhal­te abru­fen zu kön­nen und einer Hand­lungs­fä­hig­keit nach außen, um die­se Inhal­te aus­zu­spre­chen und zu prä­sen­tie­ren. Hin­zu kom­men intra­psy­chi­sche Hel­fer­in­stan­zen, wel­che intra­psy­chi­sche Befürch­tun­gen und Erre­gungs­zu­stän­de beru­hi­gen kön­nen und somit hel­fen, den Blick nach vor­ne zu rich­ten.

Hat jemand eher abwer­ten­de und ungu­te Bezie­hungs­er­fah­run­gen gemacht, kann die Büh­ne wie folgt aus­se­hen: ein klei­nes Kin­der-Ich, etwas ver­ängs­tigt, steht gegen­über einer oder meh­re­ren gro­ßen Auto­ri­tä­ten, die mit stren­gem Blick alles schnell abwer­ten. Als Hel­fer­in­stan­zen in der Situa­ti­on gibt es Angst­ver­stär­ker, die sagen; „Auf­pas­sen!“, da ansons­ten noch mehr Gefahr droht. Das Adre­na­lin­sys­tem wird auf Hoch­tou­ren gepusht, weil viel Gefahr ver­or­tet wird. Die Hand­lungs­sys­te­me sind dar­auf aus­ge­rich­tet, psy­chi­sche Ernied­ri­gung zu ver­mei­den oder mit die­ser klar­zu­kom­men.

Sicher­lich sind die­se bei­den Bil­der extrem, aber sie ver­deut­li­chen, wie bio­gra­fi­sche Bezie­hungs­er­fah­run­gen und psy­chi­sche Stö­rung bzw. aktu­el­les Ver­hal­ten mit­ein­an­der zusam­men­hän­gen kön­nen. Sie bie­ten auch Erklä­rungs­mus­ter, wie psy­chi­sche Stö­rungs­mus­ter auf der inne­ren Büh­ne auf­recht­erhal­ten wer­den. Und es

wird auch ver­ständ­lich, war­um man als Hel­fer sei­tens des Kli­en­ten mal in die eine oder ande­re Rol­le gedrängt wird, obwohl man sich fach­lich gleich ver­hält.

Betrach­tet man psy­chi­sche Stö­run­gen unter dem Aspekt einer Fol­ge nach innen ver­la­ger­ter dys­funk­tio­na­ler Bezie­hungs­mus­ter, ermög­licht das Fol­gen­des: als Hel­fer gewinnt man ein dif­fe­ren­zier­te­res Bild, was in den Kli­en­ten vor sich geht und wel­che Aus­wir­kung das auch auf das Bezie­hungs­ver­hal­ten zum Hel­fer und zu sei­ner Umwelt

hat. Das ist natür­lich ein weit­aus tie­fe­res Ver­ständ­nis einer psy­chi­schen Stö­rung als das Erler­nen von Sym­pto­men und von Regeln des Umgangs. Man kann also dif­fe­ren­zier­ter, situa­tiv ange­pass­ter und indi­vi­du­ell effi­zi­en­ter mit dem Kli­en­ten umge­hen. Gleich­zei­tig wird das eige­ne Krän­kungs­po­ten­ti­al bzw. die Ten­denz, sich im Hil­fe­ge­sche­hen zu ver­aus­ga­ben, redu­ziert.

Zu guter Letzt: Bezie­hungs­ar­beit schafft nicht nur Ver­trau­en, son­dern, wenn man sich als Hel­fer die eige­nen inne­ren Wahr­neh­mun­gen und Reak­tio­nen auf den Kli­en­ten bewusst macht, gewinnt man vie­le Infor­ma­tio­nen über ihn. Die­se kann man ent­we­der als eine empa­thi­sche Spie­ge­lung zurück­ge­ben oder sie ermög­li­chen es einem, bes­ser zu

ver­ste­hen, war­um bestimm­te Ver­wick­lun­gen ent­ste­hen kön­nen und wie man sich davor schützt. Das betrifft den Bereich der Über­tra­gung und Gegen­über­tra­gung.

Unter der Über­tra­gung ver­steht man die unbe­wuss­te Dyna­mik, dass der Kli­ent im Hel­fer nicht mehr das rea­le Gegen­über sieht, son­dern in ihn (meist) eine bekann­te Bezie­hungs­per­son pro­ji­ziert. Bei die­sem Vor­gang, der unbe­wusst abläuft, bleibt auch der Kli­ent selbst nicht mehr auf Augen­hö­he, son­dern fällt z.B. in die „Kin­der­rol­le“. Obwohl plötz­lich ein Rück­fall in den Ver­gan­gen­heits­film statt­fin­det, wird es meist vom Kli­en­ten als sehr aktu­ell und

mit star­ken Gefüh­len erlebt. Das Erle­ben des Hel­fers wird als Gegen­über­tra­gung defi­niert. Das kann unter­schied­lichs­te Aspek­te auf­wei­sen: Fühlt sich der Hel­fer bei einem Kli­en­ten mit Angst­stö­rung z.B. auch stark ver­un­si­chert, gestresst, hilf­los, so kann das die Gefüh­le des Kli­en­ten spie­geln. Man ver­steht mehr, wie es in dem Kli­en­ten aus­sieht, kann empha­tisch spie­gelnd reagie­ren. Wird der Hel­fer unge­dul­dig, ärger­lich etc. so kann dies die Reak­ti­on bekann­ter Bezie­hungs­per­so­nen oder das eige­ne Über-Ich des Kli­en­ten spie­geln. Wenn ein Kli­ent sei­ne Angst sehr ver­steckt und statt­des­sen aggres­siv nach Außen auf­tritt, kön­nen die Ver­un­si­che­rungs- und

Befürch­tungs­ge­füh­le des Hel­fers nicht unbe­dingt sei­ne eige­ne rea­le Ein­schät­zung der Situa­ti­on spie­geln, son­dern viel­mehr gewinnt er so ein Bild, was im Kli­en­ten hin­ter der Fas­sa­de pas­siert. Kurz­um: Wenn man als Hel­fer sei­ne eige­nen Reak­tio­nen in der Bezie­hung mit dem Kli­en­ten nicht nur der rea­len Situa­ti­on zuord­net, son­dern auch erkennt, dass man Infor­ma­tio­nen über Innen­le­ben und Bezie­hungs­struk­tu­ren des Kli­en­ten erhält, muss man nicht in jede Bezie­hungs­fal­le tap­pen.

Fazit: Bezie­hungs­er­fah­run­gen wer­den intra­psy­chisch ver­ar­bei­tet und bil­den eine Art Pro­gram­mie­rung, die zur Selbst­re­gu­la­ti­on, Kom­mu­ni­ka­ti­on und Hand­lungs­fä­hig­keit die­nen. Nega­ti­ve Bezie­hungs­er­fah­rung wir­ken sich destruk­tiv auf die­ses Sys­tem und die Vor­stel­lung von einem selbst und sei­ner Umwelt aus. Gute Bezie­hungs­er­fah­run­gen jedoch stär­ken das Ich und damit auch die Selbst­wirk­sam­keit im Außen. In der Inter­ak­ti­on mit dem Kli­en­ten tre­ten dem Hel­fer gegen­über Phä­no­me­ne auf, die als Über­tra­gung und Gegen­über­tra­gung bezeich­net wer­den.

Das Wis­sen um die Bedeu­tung von Bin­dung? Bezie­hungs­er­fah­run­gen? in der Arbeit mit Men­schen mit psy­chi­scher Beein­träch­ti­gung ermög­licht ein tie­fe­res Ver­ständ­nis wovon? Dies unter­stützt eine kla­re, für den Kli­en­ten hilf­rei­che

Bezie­hungs­ge­stal­tung. Der Hel­fer gewinnt Infor­ma­tio­nen über das Innen­le­ben der Kli­en­ten sowie deren Bezie­hungs­struk­tu­ren. All dies sind Fak­to­ren, die für ein aktu­el­les, meist dys­funk­tio­na­les Ver­hal­ten bedeut­sam sind.

Foto: Ilka Perc

Bezie­hungs­dy­na­mik bei psy­chi­schen Stö­run­gen

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28.–30. Sep­tem­ber 2022

Psy­chisch belas­te­te Eltern und ihre Kin­der

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Inter­view mit Ben­ja­min Schorn, Foren­sic Inves­ti­ga­ti­on Spe­zia­list

Juni 2022 | Per­so­nal­füh­rung

Inter­view mit Ben­ja­min Schorn

Ben­ja­min Schorn ist Foren­sic Inves­ti­ga­ti­on Spe­zia­list und besitzt mehr­jäh­ri­ge Erfah­rung in der Durch­füh­rung foren­si­scher Son­der­un­ter­su­chun­gen in Kri­mi­nal­ver­dachts­fäl­len, zuletzt bei der KPMG AG in Mün­chen, wo er unter ande­rem an der Auf­klä­rung des Wire­card-Skan­dals mit­ge­wirkt hat. Im Rah­men sei­ner Tätig­keit beschäf­tigt er sich inten­siv mit psy­cho­lo­gi­schen Befra­gungs­tech­ni­ken mit Tätern, Opfern und Zeu­gen sowie den Moti­va­to­ren, Stres­so­ren und der Ver­hal­tens­an­ti­zi­pa­ti­on von unter­schied­li­chen Per­sön­lich­keits­pro­fi­len. Er ist Trä­ger des ein­zi­gen welt­weit aner­kann­ten Titels im Bereich Foren­sik und Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät und wur­de 2021 als akkre­di­tier­ter Exper­te in die Exper­ten-Daten­bank der euro­päi­schen Straf­ver­fol­gungs­be­hör­de EURO­POL auf­ge­nom­men. Sei­ne wis­sen­schaft­li­chen Bei­trä­ge über sozi­al- und per­sön­lich­keits­psy­cho­lo­gi­sche Erkennt­nis­se im Bereich Wirt­schafts- kri­mi­na­li­tät wer­den regel­mä­ßig im ACFE Fraud Maga­zin ver­öf­fent­licht.

Im Jahr 2021 hat er das Insti­tut für Gover­nan­ce & Psy­cho­lo­gie gegrün­det und lei­tet dort ein Team aus Kri­mi­nal-psy­cho­lo­gen und Psy­cho­the­ra­peu­ten.

Was ver­ste­hen wir unter Foren­sic Lea­ders­hip – Per­sön­lich­keits­pro­filing als Füh­rungs­in­stru­ment bzw. Foren­sic Nego­tia­ti­on-Per­sön­lich­keits­pro­filing als Ver­hand­lungs­in­stru­ment?

Im Semi­nar Foren­sic Lea­ders­hip wer­den die Erkennt­nis­se aus der kri­mi­nal­psy­cho­lo­gi­schen Arbeit in die täg­li­che

Füh­rungs­pra­xis über­tra­gen. Dazu gehö­ren sowohl Gesprächs­tech­ni­ken, die bei Ver­neh­mun­gen von Zeu­gen, Opfern und Beschul­dig­ten her­an­ge­zo­gen wer­den, als auch pro­fes­sio­nel­le Ein­schät­zun­gen unter­schied­li­cher Ver­hal­tens­wei­sen. Im Semi­nar Foren­sic Nego­tia­ti­on nut­zen Sie die­ses Wis­sen, um psy­cho­lo­gisch wir­kungs­voll

mit ver­schie­de­nen Per­sön­lich­keits­sti­len Ihrer Geschäftspartner:innen zu ver­han­deln.

Was ist beson­ders rele­vant, wel­che aktu­el­len Bezü­ge gibt es zu den ange­bo­te­nen Inhal­ten?

Die Auf­ga­be eines Foren­si­kers und Wirt­schafts­kri­mi­no­lo­gen besteht zu einem wesent­li­chen Teil dar­aus, die Ursa­che-Wir­kungs-Zusam­men­hän­ge für (teil­wei­se schäd­li­ches) Ver­hal­ten zu begrei­fen. Für die­ses Ver­ste­hen zie­hen wir wis­sen­schaft­li­che Model­le aus der (Sozial-)psychologie und Kri­mi­no­lo­gie her­an, deren Kennt­nis­se sich eben­falls in die Füh­rungs­pra­xis ablei­ten las­sen. Denn die Her­aus­for­de­rung einer heu­ti­gen Füh­rungs­kraft besteht zuneh­mend dar­in, den Anfor­de­run­gen und Ansprü­chen nach einer indi­vi­du­el­len Behand­lung und Berück­sich­ti­gung der ein­zel­nen Mit­ar­bei­ter gerecht zu wer­den.

Wel­che Vor­tei­le bie­tet Per­sön­lich­keits­pro­filing, aber auch wel­che Schwierigkeiten/Hemmnisse? Was sind Ihre per­sön­li­chen Erfah­run­gen?

Per­sön­lich­keits­pro­filing bie­tet zunächst ein­mal die Chan­ce, anhand von wis­sen­schaft­li­chen Para­me­tern eine gute Ein­schät­zung unse­res Gegen­übers zu erzie­len. In der foren­si­schen Arbeit hilft uns eine sol­che Dia­gnos­tik auf der einen Sei­te dabei, ein bes­se­res Ver­ständ­nis für die Moti­ve von Straf­tä­tern zu erlan­gen. Auf der ande­ren Sei­te ver­langt auch eine pro­fes­sio­nel­le Befra­gung eine ent­spre­chen­de Anti­zi­pa­ti­on unter­schied­li­cher Gefühls­wel­ten und Ver­hal­tens­wei­sen des Gesprächs­part­ners. Eine pro­fes­sio­nel­le Ein­schät­zung der inne­ren Dyna­mi­ken von Zeu­gen, Opfern und Beschul­dig­ten, ver­hilft uns in der Ver­neh­mung also an auf­rich­ti­ge und ehr­li­che Infor­ma­tio­nen

zu gelan­gen, die für die Fall­auf­klä­rung bedeut­sam sind. Gleich­zei­tig besteht in der Ein­ord­nung von Ver­hal­tens­wei­sen die Gefahr einer vor­schnel­len Stig­ma­ti­sie­rung im Sin­ne von „Der ist so und so eine Per­son.“ Hier gilt es, die eige­ne Hypo­the­se hin­sicht­lich der Hin­ein­ka­te­go­ri­sie­rung von Per­sön­lich­keits­ei­gen­schaf­ten auch immer wie­der refle­xiv zu hin­ter­fra­gen.

Wie läuft Kurs ab? Was ist kon­kre­ter Inhalt des Kur­ses? Wie gelingt eine Ver­bin­dung von Theo­rie und Selbst­re­fle­xi­on?

Der Kurs beschäf­tigt sich im Wesent­li­chen mit dem Begrei­fen von unter­schied­li­chen (teil­wei­se schwie­ri­gen) Ver­hal­tens­wei­sen von Mitarbeiter:innen und Füh­rungs­kräf­ten sowie der dazu­ge­hö­ri­gen Ver­hal­tens­an­ti­zi­pa­ti­on, die stets – ana­log zu foren­si­schen Ver­neh­mun­gen – auf Bezie­hungs­för­de­rung aus­ge­rich­tet ist.

Das Beson­de­re an die­sem Kurs ist, dass neben pro­fun­den Model­len aus der Wis­sen­schaft und span­nen­den Pra­xis­bei­spie­len aus dem foren­si­schen All­tag, ein Schau­spie­ler zur Ver­fü­gung steht, mit dem her­aus­for­dern­de Situa­tio­nen real­ge­treu geübt wer­den kön­nen.

Gibt es Vor­aus­set­zun­gen, die die Teil­neh­men­den des Semi­na­res erfül­len müs­sen? Für wen ist die Ver­an­stal­tung beson­ders emp­feh­lens­wert?

Die Teilnehmer:innen benö­ti­gen kei­ne Vor­kennt­nis­se. Die Ver­an­stal­tung ist sowohl für Fach­kräf­te rele­vant, die regel­mä­ßig in Teams zusam­men­ar­bei­ten und grup­pen­dy­na­mi­schen Phä­no­me­nen aus­ge­setzt sind, als auch für Füh­rungs­kräf­te, die eige­ne Mitarbeiter:innen anlei­ten sol­len.

Vie­len Dank für das Gespräch!

__________________________________

Das Gespräch führ­te Sol­vejg Hes­se, Bil­dungs­re­fe­ren­tin an der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie Ber­lin

Foren­sic Lea­ders­hip – Per­sön­lich­keits­pro­filing als Füh­rungs­in­stru­ment

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19.–20. Sep­tem­ber 2022

Foren­sic Nego­tia­ti­on – Per­sön­lich­keits­pro­filing für die Ver­hand­lungs­füh­rung

Semi­nar

14.–15. Novem­ber 2022

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Inter­view mit Sina Roh­ner aus dem Stu­di­en­gang Sozia­le Arbeit, BA

Ein­blick ermög­li­chen in die viel­fäl­ti­gen Arbeits­be­rei­che und Hand­lungs­fel­der der Sozia­le Arbeit

15. Juni 2022 | Füh­rung

Im Gespräch mit unse­rer Dozen­tin Sina Roh­ner

 

Neben Pro­fes­so­rin­nen und Pro­fes­so­ren sowie wis­sen­schaft­li­chen Mit­ar­bei­ten­den unse­rer koope­rie­ren­den Hoch­schu­le dozie­ren auch Praktiker:innen im Stu­di­en­gang Sozia­le Arbeit. Sina Roh­ner unter­stützt im Modul „Arbeits­fel­der und Ziel­grup­pen“ unse­re Stu­die­ren­den beim Theo­rie Pra­xis­trans­fer.

1. Frau Roh­ner, neben Ihrer Tätig­keit als Dozen­tin bei uns im Stu­di­en­gangs- und Semi­nar­be­reich arbei­ten Sie für die INDE­PEN­DENT LIVING Stif­tung. Wel­che Auf­ga­ben haben Sie dort?

Ich bin seit 2009 für die INDE­PEN­DENT LIVING Stif­tung als Sozi­al­päd­ago­gin tätig. Vie­le Jah­re arbei­te­te ich als BEW-Bera­te­rin mit jun­gen Men­schen. Ich absol­vier­te eine Aus­bil­dung zur „inso­fern erfah­re­nen Fach­kraft nach § 8a SGB VIII“ und somit auch eine Auf­ga­be als Kin­der­schutz­fach­kraft inne. Seit eini­gen Jah­ren arbei­te­te ich als Qua­li­täts­be­auf­trag­te für die Stif­tung und lei­te das Pro­jekt „Betreu­tes Ein­zel­woh­nen für Mäd­chen* und jun­ge Frau­en*“.

2. Was ist Ihre Moti­va­ti­on, zusätz­lich als Dozen­tin zu unter­rich­ten – sowohl im Stu­di­en­gang Sozia­le Arbeit als auch in unse­rem neu­en Kom­pakt­kurs Jugend­hil­fe für Quereinsteiger:innen und sozi­al­päd­ago­gi­sche

Fach­kräf­te?

Mir ist es wich­tig Theo­rie und Pra­xis in Ver­bin­dung zu brin­gen. Durch mei­ne all­täg­li­che prak­ti­sche Arbeit ist es mir mög­lich auf aktu­el­le The­men, Schwer­punk­te und Metho­den der Sozia­len Arbeit ein­zu­ge­hen. Dies hat in der Leh­re den Vor­teil, dass Erfah­run­gen geteilt wer­den und im bes­ten Fal­le Syn­er­gien ent­ste­hen kön­nen.

3.

Was sind inhalt­li­chen Schwer­punk­te Ihrer Ver­an­stal­tun­gen? Wel­che The­men, Theo­rien bzw. Metho­den leh­ren Sie bei uns?

Aktu­ell unter­rich­te ich im Bache­lor-Stu­di­en­gang das Modul „Arbeits­fel­der und Ziel­grup­pen“. Ich stel­le den Stu­die­ren­den ver­schie­de­ne Arbeits­be­rei­che der Sozia­len Arbeit vor und las­se hier Expert*innen eben­so zu Wort kom­men, wie auch Theo­rien und Metho­den ihre Anwen­dung fin­den.

Schwer­punk­te in die­sem Semes­ter sind der HzE-Bereich mit den beglei­ten­den The­men Kin­der­schutz, Par­ti­zi­pa­ti­on, Metho­den zur kol­le­gia­len Fall­be­ra­tung und wei­te­res. Ich ach­te sehr dar­auf die The­men inter­sek­tio­nal zu

betrach­ten und lade hier zum Aus­tausch und zur Dis­kus­si­on ein.

4. Die Ziel­grup­pe im Bache­lor­stu­di­en­gang Sozia­le Arbeit umfasst ja gera­de auch die Qua­li­fi­zie­rung von Neu- bzw. Quereinsteiger*innen im Sozia­len Bereich. War­um ist die­se Qua­li­fi­zie­rung wich­tig und wel­chen Bei­trag leis­tet das Stu­di­um an der Aka­de­mie dabei?

Sozia­le Arbeit ist eine sehr anspruchs­vol­le Tätig­keit und soll­te des­we­gen auch wis­sen­schafts­ba­siert sein.

Will die Sozia­le Arbeit den Anspruch einer Pro­fes­si­on ein­lö­sen, muss sozi­al­ar­bei­te­ri­sches Han­deln auf Metho­den und Theo­rien begrün­det sein.

5. Haben Sie bei Ihren Vor­le­sun­gen bestimm­te Lern- oder Qua­li­fi­ka­ti­ons­zie­le vor Augen?

 

Mir ist es beson­ders wich­tig, dass die Stu­die­ren­den (Quereinsteiger*innen) den Raum bekom­men, ihre eige­ne Fach­lich­keit und ihre bis­he­ri­gen Erfah­run­gen in der Sozia­len Arbeit zu benen­nen, ihren Kommiliton*innen zur Ver­fü­gung zu stel­len und zu dis­ku­tie­ren. Des Wei­te­ren sol­len sie in mei­nen Semi­na­ren die aktu­el­len Ent­wick­lun­gen im Bereich der Sozia­len Arbeit ver­mit­telt bekom­men, um die­se in der eige­nen Pra­xis anzu­wen­den.

6. Wel­che Erkennt­nis­se wün­schen Sie sich für die Stu­die­ren­den im Rah­men Ihres Stu­di­ums? Gibt es irgend­et­was, das Ihnen da beson­ders am Her­zen liegt?

In mei­nen Semi­na­ren haben die Stu­die­ren­den die Gele­gen­heit die diver­sen und mit­un­ter auch sehr kom­ple­xen Arbeits­ge­bie­te der Sozia­len Arbeit ken­nen­zu­ler­nen. Die Viel­fäl­tig­keit und auch die Fle­xi­bi­li­tät, mit wel­cher Sozi­al­ar­bei­ten­de im Arbeits­all­tag umge­hen müs­sen über­rascht die Teil­neh­men­den immer wie­der. 

7. Was neh­men Sie als Dozen­tin auch von unse­ren Teil­neh­men­den und Stu­die­ren­den mit für Ihre Pra­xis?

Ich erle­be die Zusam­men­ar­beit mit den Stu­die­ren­den als sehr leben­dig und berei­chernd. Die Semi­na­re füh­ren dazu, dass wir uns aus den ver­schie­de­nen Arbeits­be­rei­chen ken­nen­ler­nen und sich dadurch pro­duk­ti­ve Netz­wer­ke bil­den.

Vie­len Dank für das Gespräch!

_____________________________________________

Das Inter­view führ­te Chris­tin Fritz­sche, Bil­dungs­re­fe­ren­tin und Bereichs­lei­tung Stu­di­en­gän­ge an der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie Ber­lin

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen

zu unse­rem Stu­di­en­an­ge­bot

Sozia­le Arbeit, Bache­lor of Arts

fin­den Sie hier

Start: 1. Okto­ber 2022

Wir haben noch wei­te­re Ange­bo­te rund um das The­ma Agi­li­tät und Neu­es Arbei­ten im Pro­gramm

Eine Über­sicht fin­den Sie hier:

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Wir­kung und Wirk­sam­keit in der Ein­glie­de­rungs­hil­fe – ein Bei­trag zur Debat­te um Wir­kung Sozia­ler Arbeit

Mai 2022 | Ein­glie­de­rungs­hil­fe

ein Gast­bei­trag von Regi­na Schödl und Anika Göbel (Der Arti­kel ist ursprüng­lich im Pari­tä­ti­schen Rund­brief 2/2022 erschie­nen.)

Die Dis­kus­si­on zum The­ma Wir­kung und Wirk­sam­keit der Ein­glie­de­rungs­hil­fe wur­de durch gesetz­li­che Vor­ga­ben seit dem stu­fen­wei­sen Inkraft­tre­ten des BTHG im Jah­re 2017 ver­stärkt. Mit der durch das Bun­des­teil­ha­be­ge­setz in Gang gesetz­ten Reform wird sowohl der Begriff der Wirk­sam­keit der Leis­tungs­er­brin­gung (§ 128 SGB IX), als auch der Wir­kungs­kon­trol­le im Ein­zel­fall (§ 121 Abs. 2 SGB IX) expli­zit ein­ge­führt. Damit gibt es zwei Instru­men­te, die eine Steue­rung der Leis­tungs­er­brin­gung an ver­schie­de­nen Punk­ten gewähr­leis­ten soll. Eine kon­kre­te Defi­ni­ti­on der Begrif­fe Wir­kung und Wirk­sam­keit sowie deren Nach­weis erfolg­te dabei nicht.

Die Debat­te um die Wir­kung und die Wirk­sam­keit der erbrach­ten Ein­glie­de­rungs­hil­fe­leis­tung ist jedoch drin­gend not­wen­dig und wird durch­aus kon­tro­vers dis­ku­tiert. Zum einen besteht die Sor­ge, dass die Defi­ni­ti­on von Wir­kung und Wirk­sam­keit mit einer Öko­no­mi­sie­rung und Kon­trol­le der Leis­tungs­er­brin­gung ein­her­geht, zum ande­ren zei­gen jedoch bereits seit Län­ge­rem durch­ge­führ­te Wir­kungs­pro­jek­te sehr wohl die Mög­lich­keit auf, Wir­kun­gen der Sozia­len Arbeit nach­wei­sen und dar­stel­len zu kön­nen.

Selbst­be­stim­mung und Teil­ha­be sind Leit­zie­le der Ein­glie­de­rungs­hil­fe

Vor der Ein­füh­rung des BTHG betrach­te­te die Ein­glie­de­rungs­hil­fe anspruchs­be­rech­tig­te Men­schen mit Behin­de­rung als hil­fe­be­dürf­tig, deren Leben in der Gemein­schaft durch ent­spre­chen­de Für­sor­ge und Päd­ago­gik zu

för­dern sei. Mit dem Bun­des­teil­ha­be­ge­setz strebt der Gesetz­ge­ber einen weit­rei­chen­den Hal­tungs­wan­del gegen­über Men­schen mit Behin­de­rung an. Leis­tungs­be­rech­tig­te Men­schen mit Behin­de­rung sol­len Leis­tun­gen

erhal­ten, die eine selbst­be­stimm­te und gleich­be­rech­tig­te Teil­ha­be am Leben in der Gesell­schaft ermög­li­chen.

Benach­tei­li­gun­gen sol­len ver­mie­den bzw. wir­kungs­voll redu­ziert wer­den. Nicht mehr der Mensch mit Behin­de­rung muss ler­nen, sich sei­ner Umwelt anzu­pas­sen. Bar­rie­ren, die Men­schen an der vol­len und gleich­be­rech­tig­ten Teil­ha­be hin­dern und beein­träch­ti­gen, sol­len abge­baut wer­den. Selbst­be­stim­mung und Teil­ha­be sind die Leit­zie­le der Ein­glie­de­rungs­hil­fe und bil­den damit die Grund­la­ge für die Ent­wick­lung von Kri­te­ri­en der Wir­kung und zum

Wir­kungs­nach­weis.

Und wie soll die Wirk­sam­keit erfasst wer­den?

Die Leis­tun­gen der EGH erzeu­gen im bes­ten Fall posi­ti­ve Ver­än­de­run­gen für Men­schen mit Behin­de­rung. Dies sind Wir­kun­gen auf Ebe­ne des Ein­zel­fal­les. Wer­den die Leis­tun­gen der Trä­ger in den Blick genom­men und eva­lu­iert, gibt dies Hin­wei­se zu deren Wirk­sam­keit. Die­se Leis­tun­gen kön­ne zum einen quan­ti­ta­tiv erfasst wer­den, müs­sen aber auch einer qua­li­ta­ti­ven Betrach­tung stand­hal­ten. Im Zusam­men­hang mit der Wir­kung und der Wirk­sam­keit in der Ein­glie­de­rungs­hil­fe sind noch vie­le Fra­gen unge­klärt. Daher wird das The­ma Wir­kung und Wirk­sam­keit

in der Ein­glie­de­rungs­hil­fe in einem Semi­nar an der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie am 26. August 2022 the­ma­ti­siert. Das halb­tä­gi­ge Semi­nar gibt einen kur­zen Über­blick über den aktu­el­len Stand der fach­li­chen Dis­kus­si­on rund um das The­ma Wir­kung und Wirk­sam­keit. Es zeigt auf, wie Wir­kungs­ori­en­tie­rung sowie Eva­lua­ti­on in der prak­ti­schen Arbeit gefasst wer­den kön­nen und hilft bei der Ein­ord­nung des Kon­zep­tes in der Ein­glie­de­rungs­hil­fe. 

Wir­kung und Wirk­sam­keit in der Ein­glie­de­rungs­hil­fe

Semi­nar

26. August 2022

Das Pari­tä­ti­sche Ein­glie­de­rungs­hil­fe­fo­rum

Ein inter­dis­zi­pli­nä­res Fach­in­for­ma­ti­ons- und Wei­ter­bil­dungs­an­ge­bot des Pari­tä­ti­schen Wohl­fahrts­ver­bands LV Ber­lin e.V. und der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie

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Wei­ter­bil­dung als Bei­trag zur Bewäl­ti­gung des Fach­kräf­te­man­gels in der Jugend­hil­fe

3. Mai 2022 | Jugend­hil­fe

ein Gast­bei­trag von Anna Zag­i­dul­lin (M.A.), Refe­ren­tin Hil­fen zur Erzie­hung und Jugend­ar­beit

Pari­tä­ti­scher LV Ber­lin e.V.

Die Jugend­hil­fe gehört zu den Arbeits­fel­dern, die signi­fi­kant von gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen beein­flusst

wer­den. Dies lässt sich an der kon­ti­nu­ier­lich stei­gen­den Fall­zah­len­ent­wick­lung in der letz­ten zehn Jah­ren able­sen, die ins­be­son­de­re auf wei­ter stei­gen­de und ver­dich­ten­de Armuts­ri­si­ken, den Zuwachs an allein­er­zie­hen­den Haus­hal­ten, das erhöh­te Migra­ti­ons­ge­sche­hen und die Fol­gen der Flucht, die Zunah­me an psy­chi­schen und

see­li­schen Erkran­kun­gen, den Anstieg der Kin­des­wohl­ge­fähr­dung, den Bevöl­ke­rungs­zu­wachs in Groß­städ­ten usw. zurück­zu­füh­ren ist.

 

Die­se gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen sind bun­des­weit zu ver­zeich­nen und erhö­hen die Nach­fra­ge nach sozi­al­päd­ago­gi­schen Fach­kräf­ten in der Jugend­hil­fe deut­lich. Der Anstieg der Beschäf­tig­ten­zah­len in der Jugend­hil­fe gibt die­se Ent­wick­lung gut wie­der. Laut Bun­des­amt für Sta­tis­tik ist die Zahl der Beschäf­tig­ten in der Kin­der- und Jugend­hil­fe (ohne Kin­der­ta­ges­be­treu­ung) im Jahr 2020 bun­des­weit erneut ange­stie­gen, näm­lich um 4,2 % gegen­über dem Jahr 2018. Fast jede drit­te Per­son des päd­ago­gi­schen und Ver­wal­tungs­per­so­nals war im Jahr 2020 in der Heim­erzie­hung tätig, gefolgt von der öffent­li­chen Jugend­hil­fe (zum Bei­spiel Ver­wal­tung und Jugend­äm­ter) und der offe­nen Jugend­ar­beit.

 

Des Wei­te­ren ver­schär­fen die fach­li­chen und struk­tu­rel­len Anpas­sungs­an­for­de­run­gen unter ande­rem im Zusam­men­hang mit der jüngs­ten Reform des Kin­der- und Jugend­hil­fe­ge­set­zes den Bedarf an sozi­al­päd­ago­gi­schen Fach­kräf­ten, zum Bei­spiel durch die hohe Bedeu­tung des Kin­der­schut­zes und den Schutz­auf­trag bei Kin­des­wohl­ge­fähr­dung, durch die wei­te­re Stär­kung von Kin­der­rech­ten und den Aus­bau von Par­ti­zi­pa­ti­on, Selbst­ver­tre­tung und Betei­li­gung jun­ger Men­schen, durch die inklu­si­ve Aus­ge­stal­tung der Kin­der- und Jugend­hil­fe usw.

 

Zudem befin­den sich die frei­en Trä­ger der Jugend­hil­fe in einem star­ken Wett­be­werb um die sozi­al­päd­ago­gi­schen Fach­kräf­te mit den Kin­der­ta­ges­stät­ten, der außer­schu­li­schen Kin­der­be­treu­ung, der Ein­glie­de­rungs­hil­fe usw. Die­se Arbeits­fel­der wach­sen aktu­ell eben­falls rasant und haben einen hohen Bedarf am Per­so­nal. 

 

Wir haben uns im Lan­des­ver­band in Gre­mi­en mit zahl­rei­chen Geschäfts­füh­run­gen der frei­en Trä­ger der Jugend­hil­fe gefragt, wie die Jugend­hil­fe in Ber­lin im Fort- und Wei­ter­bil­dungs­be­reich so gestärkt wer­den kann, dass sie den wach­sen­den fach­li­chen Anfor­de­run­gen stand­hal­ten und durch attrak­ti­ve Fort- und Wei­ter­bil­dungs­an­ge­bo­te im Wett­be­werb mit ande­ren sozi­al­päd­ago­gi­schen Arbeits­fel­dern mög­li­cher­wei­se gestärkt wer­den kann.

 

Wir wis­sen, dass die Haupt­al­ters­grup­pe der Beschäf­tig­ten in der Ber­li­ner Jugend­hil­fe bei­spiels­wei­se in den sta­tio­nä­ren Ein­rich­tun­gen eine eher jün­ge­re Per­so­nen­grup­pe mit mehr­jäh­ri­ger Berufs­er­fah­rung ist. Laut Amt für Sta­tis­tik Ber­lin-Bran­den­burg sind es im Jahr 2020 die 20–30-Jährigen (29,35 %), gefolgt von 30–40-Jährigen (27,74 %), 50–60-Jährigen (18,38 %) und 40–50-Jährigen (17,48 %).

Kom­pakt­kurs Jugend­hil­fe für Quereinsteiger:innen und sozi­al­päd­ago­gi­sche Fach­kräf­te

Zer­ti­fi­kats­kurs

Wir möch­ten die­se Per­so­nen­grup­pe mit attrak­ti­ven, fami­li­en­freund­li­chen und berufs­be­glei­ten­den

Fort- und Wei­ter­bil­dungs­mo­del­len anspre­chen, um sie vom Arbeits­feld Jugend­hil­fe zu über­zeu­gen, beruf­li­che Ent­wick­lungs­we­ge auf­zu­zei­gen und mög­li­cher­wei­se auch einen beruf­li­chen Wech­sel inner­halb der unter­schied­li­chen sozi­al­päd­ago­gi­schen Arbeits­fel­der zu ermög­li­chen.

 

Dabei haben wir fest­ge­stellt, dass wir auf die­sem Gebiet aus unter­schied­li­chen Grün­den einen Nach­hol­be­darf haben. Es müs­sen mehr fle­xi­ble und berufs­be­glei­ten­de Wei­ter­bil­dungs­mo­del­le ent­wi­ckelt wer­den, die die gesetz­li­chen und fach­li­chen Inhal­te breit auf­stel­len und nicht nur theo­re­tisch, son­dern auch mit einem hohen Pra­xis­be­zug ver­mit­teln. Eine ziel­grup­pen­ad­äqua­te und lebens­welt­be­zo­ge­ne Orga­ni­sa­ti­on von Wei­ter­bil­dungs­for­ma­ten ist dabei ent­schei­dend. Auch die stär­ke­re Ein­be­zie­hung und Anspra­che von Quer­ein­stei­gen­den wird uns künf­tig immer mehr beschäf­ti­gen. 

 

In die­sem Jahr erprobt die Pari­tä­ti­sche Aka­de­mie Ber­lin ein inno­va­ti­ves, modu­lar auf­ge­bau­tes Wei­ter­bil­dungs­an­ge­bot, wel­ches den aktu­el­len Anpas­sungs­an­for­de­run­gen in der Jugend­hil­fe weit­rei­chend Rech­nung trägt. Die­ses Ange­bot wur­de in Zusam­men­ar­beit mit dem Pari­tä­ti­schen LV Ber­lin, der Ein­rich­tungs­auf­sicht der Senats­ver­wal­tung, Bil­dung, Jugend und Fami­lie sowie der Uni­ver­si­tät für Wei­ter­bil­dung Krems ent­wi­ckelt.

 

Der neue Kom­pakt- und Zer­ti­fi­kats­kurs Jugend­hil­fe erhöht die Mobi­li­tät der sozi­al­päd­ago­gi­schen Fach­kräf­te in der Jugend­hil­fe, indem er breit ange­leg­te Fel­der abdeckt, wie zum Bei­spiel Hil­fen zur Erzie­hung, Jugend­so­zi­al­ar­beit, Fami­li­en­för­de­rung, Jugend­be­rufs­hil­fe. Nach Vor­ab­spra­che mit der Ein­rich­tungs­auf­sicht kann bei Quer­ein­stei­gen­den aus Ber­lin der erfolg­rei­che Kurs­ab­schluss und/oder je nach indi­vi­du­el­lem Qua­li­fi­ka­ti­ons­be­darf die erfolg­rei­che Teil­nah­me an aus­ge­wähl­ten Kurs­mo­du­len auf den Fach­kräf­te­schlüs­sel ange­rech­net wer­den.

 

Das Allein­stel­lungs­merk­mal die­ses Ange­bo­tes ist der hohe Pra­xis­trans­fer. Der Kom­pakt- und Zer­ti­fi­kats­kurs wird von vie­len erfah­re­nen Füh­rungs- und Lei­tungs­kräf­ten aus den pari­tä­ti­schen Mit­glieds­or­ga­ni­sa­tio­nen und

Dozie­ren­den mit lang­jäh­ri­ger Exper­ti­se und ent­spre­chen­dem Renom­mee im SGB VIII-Feld aktiv mit­ge­stal­tet. Damit möch­ten wir sicher­stel­len, dass die Inhal­te die­ses Zer­ti­fi­kats­kur­ses stets aktu­ell blei­ben.

 

Die Ent­wick­lung die­ses neu­en Wei­ter­bil­dungs­an­ge­bo­tes geht auf die her­aus­ra­gen­de Zusam­men­ar­beit aller Betei­lig­ten zurück, die sich in den Inhal­ten deut­lich erken­nen lässt. Wir sind sehr gespannt auf die Rück­mel­dun­gen aus dem ers­ten Durch­gang und sind bei der Imple­men­tie­rung und Erwei­te­rung der Grup­pe von Fort­bil­dungs­in­ter­es­sier­ten offen. Denk­bar sind zum Bei­spiel Anpas­sungs­wei­ter­bil­dun­gen für (sozial-)pädagogisch qua­li­fi­zier­te Geflüch­te­te.

 

Wei­ter­füh­ren­de Infor­ma­tio­nen über den Kom­pakt- und Zer­ti­fi­kats­kurs Jugend­hil­fe fin­den Sie auf der Inter­net­sei­te des Pari­tä­ti­schen Jugend­hil­fe­fo­rums: www.paritaetisches-jugendhilfeforum.de

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Maga­zin

Die Mas­ter­ar­beit als Busi­ness­plan

2. Mai 2022 | Mas­ter Sozi­al­ma­nage­ment

Jut­ta Over­mann und Chris­ta Jan­ßen unter­rich­ten mit Schwer­punkt Entre­pre­neurs­hip im Mas­ter Sozi­al­ma­nage­ment an der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie Ber­lin. Im Inter­view spre­chen sie über die stei­gen­de

Rele­vanz des The­mas und den Weg von der ers­ten Grün­dungs­idee bis zur Umset­zung.

Wo und in wel­cher Posi­ti­on arbei­ten Sie der­zeit, wenn Si nicht gera­de bei uns an der Aka­de­mie unter­rich­ten?

Jan­ßen: Ich bin als Gast­do­zen­tin im Bereich Grün­der­leh­re an der Ber­li­ner Hoch­schu­le für Tech­nik (BHT) tätig.

Over­mann: So wie mei­ne Kol­le­gin bin auch ich der­zeit an einer Hoch­schu­le aktiv. Aktu­ell bin ich wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin im Pro­jekt ASHEXIST an der Ali­ce-Salo­mon-Hoch­schu­le, bei dem wir den Gründer:innengeist wecken und stär­ken wol­len. Zudem arbei­te ich als Bera­te­rin im Grün­dungs­be­reich.

Was ist Ihre Moti­va­ti­on zusätz­lich als Dozen­tin­nen im Stu­di­en­gang Sozi­al­ma­nage­ment tätig zu sein?

Jan­ßen: Social Entre­pre­neurs­hip war mir schon immer ein beson­de­res Anlie­gen. Der Aus­tausch und die kri­ti­schen Fra­gen und Anmer­kung der Stu­die­ren­den sind mir sehr wich­tig.

Over­mann: Ich glau­be auch hier haben wir bei­de etwas gemein­sam: sozia­le Ver­ant­wor­tung mit unter­neh­me­ri­schem Den­ken zu ver­bin­den, hat mich schon lan­ge sehr inter­es­siert. Sol­che The­men las­sen sich in die­sem Stu­di­en­gang wun­der­bar auf­grei­fen und mit den Stu­die­ren­den dis­ku­tie­ren.

Unser Mas­ter Sozi­al­ma­nage­ment rich­tet sich an Men­schen mit Berufs­er­fah­rung, die sich noch wei­ter­ent­wi­ckeln und per­spek­ti­visch auch Füh­rungs­ver­ant­wor­tung über­neh­men möch­ten. Wel­chen Ein­fluss hat das Stu­di­um auf die beruf­li­che Ent­wick­lung der Stu­die­ren­den?

Over­mann: Aus den Gesprä­chen mit den Stu­die­ren­den habe ich mit­ge­nom­men, dass es bei vie­len eine Moti­va­ti­on war, neue beruf­li­che Her­aus­for­de­run­gen zu suchen und auch Füh­rungs­ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. Da bie­ten die Manage­ment­the­men in die­sem Stu­di­en­gang vie­le wich­ti­ge Aspek­te und Inhal­te, die sie dann für den nächs­ten beruf­li­chen Ent­wick­lungs­schritt direkt nut­zen kön­nen. Zudem berich­ten die Stu­die­ren­den aus ihrer Berufs­pra­xis, dass die Anfor­de­run­gen und Auf­ga­ben immer kom­ple­xer wer­den und BWL-Wis­sen, Kos­ten­rech­nung, Finan­zen aber auch Füh­rungs­the­men immer mehr an Bedeu­tung gewin­nen.

Jan­ßen: Nach mei­nen Beob­ach­tun­gen kann ich das nur bestä­ti­gen. Nicht sel­ten wird der nächs­te Kar­rie­re­schritt schon wäh­rend des Stu­di­ums gemacht. Die ein­zel­nen Modu­le des Stu­di­en­gangs sind eine sehr gute und

umfas­sen­de Vor­be­rei­tung auf anspruchs­vol­le Fach- und Füh­rungs­auf­ga­ben.

Der Stu­di­en­gang ist bei uns als Fern­stu­di­um mit Prä­sen­z­wo­chen in Ber­lin auf­ge­baut. Wel­che Vor­tei­le sehen Sie in die­sem Modell und viel­leicht im berufs­be­glei­ten­den Stu­die­ren all­ge­mein?

Over­mann: Ich bin immer wie­der beein­druckt, wie Stu­die­ren­de beruf­li­che Anfor­de­run­gen, fami­liä­re Auf­ga­ben und das Stu­di­um mit­ein­an­der ver­ein­ba­ren. Aller­dings schaf­fen sie das oft nur, da sie durch die­ses Modell eine zeit­li­che Fle­xi­bi­li­tät haben und die Prä­sen­z­wo­chen als Block statt­fin­den. Von Teil­neh­men­den, die nicht aus Ber­lin kom­men, hören wir oft, wie toll die Zeit in Ber­lin ist. Hier ler­nen sich die Grup­pen noch bes­ser ken­nen und nut­zen natür­lich auch gern die Ange­bo­te der Stadt.

Jan­ßen: Ler­nen soll neue Per­spek­ti­ven eröff­nen. In einer inspi­rie­ren­den Stadt wie Ber­lin lässt sich das beruf­li­che Netz­werk in den Prä­senz­zei­ten gut erwei­tern. Auch der Erfah­rungs­aus­tausch ist leich­ter mög­lich als bei einem rei­nen Fern­stu­di­um.

Sozi­al­ma­nage­ment, Mas­ter of Arts

Berufs­be­glei­ten­der Stu­di­en­gang in Koope­ra­ti­on mit der Ali­ce Salo­mon Hoch­schu­le Ber­lin

Start: 10. Okto­ber 2022

Sie sind bei­de Teil eines grö­ße­ren Teams von Dozie­ren­den. Wel­chen The­men­schwer­punkt leh­ren Sie bei uns?

Jan­ßen: Mein Her­zens­the­ma ist Entre­pre­neurs­hip – und das auch schon, als die­se The­ma­tik in der Sozi­al­wirt­schaft eher ver­pönt war. In den letz­ten Semes­tern ist dann das wis­sen­schaft­li­che Arbei­ten dazu­ge­kom­men.

Over­mann: Mein Fokus liegt auf dem The­ma „Grün­den im sozia­len Bereich“ und das ver­ste­he ich tat­säch­lich sehr umfas­send. Da kön­nen Social Start-Ups dabei sein, aber auch klas­si­sche Grün­dun­gen wie die Arbeit als Berufsbetreuer:in oder eine Selb­stän­dig­keit im päd­ago­gi­schen Bereich. Dabei schaue ich mir den Markt für sol­che

Ange­bo­te gern genau­er an und wie sich aus einer ers­ten Idee, dann tat­säch­lich eine Geschäfts­idee ent­wi­ckelt.

Ist das The­ma Entre­pre­neurs­hip aktu­ell für die Sozi­al­wirt­schaft beson­ders rele­vant? Wenn ja, war­um?

Jan­ßen: Auf Tagun­gen und Kon­fe­ren­zen bemer­ke ich ein gro­ßes Inter­es­se von Sei­ten der gro­ßen Play­er im Markt und zugleich beob­ach­te ich vie­le Grün­dungs­ab­sich­ten von neu­en Markt­teil­neh­mern.

Over­mann: Das The­ma gewinnt auf jeden Fall an Bedeu­tung. Das erle­be ich auch in mei­ner Tätig­keit als wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin. Wir haben an einem Bar­camp zum The­ma „Social Entre­pre­neurs­hip macht Hoch­schu­le“ aktiv teil­ge­nom­men, bei dem vie­le Hoch­schu­len und Orga­ni­sa­tio­nen betei­ligt waren. In Ber­lin gibt es aktu­ell das Pro­jekt Social Eco­no­my Ber­lin, bei dem Initia­ti­ven und sozia­le Unter­neh­men kos­ten­freie Bera­tun­gen in Anspruch neh­men kön­nen.

Haben Sie bereits Erfah­run­gen mit Unter­neh­mens­grün­dun­gen durch Absolvent:innen gemacht?

Over­mann: Tat­säch­lich hat­te ich schon eini­ge Mas­ter­ar­bei­ten zu betreu­en, in denen Busi­ness­plä­ne erstellt wur­den. Dabei waren oft­mals die Grün­dun­gen für einen spä­te­ren Zeit­punkt geplant. Als Bera­te­rin war ich dann in die Umset­zungs­pha­se nicht mehr invol­viert. Das kann jetzt anders sein, da wir wei­ter­füh­ren­de Unter­stüt­zungs­an­ge­bo­te im Rah­men des ASHEXIST-Pro­jek­tes anbie­ten. Ins­be­son­de­re für grün­dungs­in­ter­es­sier­te Stu­die­ren­de aus Ber­lin kann das inter­es­sant sein, da wir im Juni 2022 unser Gründer*innenzentrum eröff­nen. Ergän­zend bie­ten wir aber auch vie­le inter­es­san­te Ver­an­stal­tun­gen online an. (Mehr dazu fin­det man hier.)

Gibt es dabei beson­de­re Kom­pe­ten­zen, die beson­ders wich­tig sind?

Jan­ßen: Jede Grün­dung ist anders, aber Ent­schlos­sen­heit Ent­schei­dungs­stär­ke und Freu­de am Netz­wer­ken sind ein guter Aus­gangs­punkt. Bei grö­ße­ren, kom­ple­xen Vor­ha­ben soll­te auf eine gute Team­zu­sam­men­stel­lung geach­tet wer­den, bei der unter­schied­li­che Kennt­nis­se und Stär­ken kom­bi­niert wer­den.

Over­mann: Gera­de der Team­ge­dan­ke spielt eine wich­ti­ge Rol­le. Die Her­aus­for­de­run­gen bei Grün­dungs­vor­ha­ben sind oft­mals so kom­plex, dass eine Per­son allein das gar nicht bewäl­ti­gen kann. Daher ist es sehr hilf­reich, wenn man sei­ne eige­nen Stär­ken kennt und bereit ist, sich Unter­stüt­zung zu holen, wenn die­se benö­tigt wird.

Eine beson­de­re Her­aus­for­de­rung ist sicher­lich der Weg von der ers­ten Grün­dungs­idee zur tat­säch­li­chen Umset­zung. Wie kann die­ser wich­ti­ge ers­te Schritt gelin­gen?

Jan­ßen: Es emp­fiehlt sich nach Grün­dungs­un­ter­stüt­zung Aus­schau zu hal­ten. Es gibt tat­säch­lich viel­fäl­ti­gen Rat und Coa­ching für Grün­dung all­ge­mein aber auch spe­zi­ell für Grün­dun­gen im sozia­len Bereich.

Over­mann: Bevor man sich nach der För­de­rung umschaut, macht es sicher Sinn, sich den Markt und die Akteur:innen anzu­schau­en. Wer bie­tet schon etwas Ver­gleich­ba­res an?

Sie bei­de betreu­en oft­mals Mas­ter­ar­bei­ten – Wie beur­tei­len Sie die Mög­lich­keit, die Mas­ter­ar­beit als Vor­ar­beit für eine Grün­dung zum Bei­spiel als Busi­ness­plan zu nut­zen?

Jan­ßen: Das ist in der Tat eine gute Mög­lich­keit, sich auf eine Grün­dung vor­zu­be­rei­ten, indem man aus­ge­wähl­te Aspek­te im Rah­men einer Mas­ter­the­sis ver­tie­fend bear­bei­tet.

 

Over­mann: Aus mei­ner Sicht lässt sich in einer Mas­ter­ar­beit ein The­ma inten­siv bear­bei­ten, dabei wer­den theo­re­ti­sche Hin­ter­grün­de aus­ge­führt und die Rele­vanz für die Pra­xis wird erläu­tert. Ein Grün­dungs­vor­ha­ben

kann als prak­ti­sches Umset­zungs­bei­spiel in Form eines Busi­ness­plans beschrie­ben wer­den. So konn­te ich als Teil einer Mas­ter­ar­beit bei­spiels­wei­se die Grün­dung einer Pfle­ge­ein­rich­tung oder die eines Trä­gers begut­ach­ten.

Wel­che Rol­le spielt Nach­hal­tig­keit bei einer Neu­grün­dung in der Sozi­al­wirt­schaft heut­zu­ta­ge?

Over­mann: Aus der Per­spek­ti­ve von Stu­die­ren­den höre ich ver­stärkt, dass ihnen Nach­hal­tig­keit und sinn­stif­ten­des Arbei­ten wich­tig sind. Bei Grün­dungs- und Pro­jekt­ideen sol­len dann auch ent­spre­chen­de Kri­te­ri­en berück­sich­tigt wer­den und res­sour­cen­scho­nen­de Ange­bo­te, wie­der­ver­wend­ba­re Arbeits­ma­te­ria­li­en oder der Ein­satz von Recy­cling­ma­te­ri­al rea­li­siert wer­den.

Vie­len Dank für das Gespräch!

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Das Gespräch führ­te Johan­na Brö­mer, Bil­dungs­re­fe­ren­tin an der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie Ber­lin

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Maga­zin

Der sou­ve­rä­ne und pro­fes­sio­nel­le Umgang mit Ver­än­de­rung ist ent­schei­dend

3. Mai 2022 | Organisations­entwicklung

Inter­view mit Gabrie­le Gir­ke und Micha­el Völ­ker, Dozent:innen und

fach­li­che Lei­tung im Zer­ti­fi­kats­kurs Sys­te­mi­sche Organisations­entwicklung und ‑bera­tung

Micha­el Völ­ker, Sie sind seit 12 Jah­ren als Dozent und Co-Lei­tung im Zer­ti­fi­kats­kurs „Sys­te­mi­sche Organisations­entwicklung und ‑bera­tung“ für die Pari­tä­ti­sche Aka­de­mie tätig. Es ist inzwi­schen der 15. Kurs, der in den letz­ten Jah­ren ste­tig wei­ter­ent­wi­ckelt wur­de. Was kann man sich dar­un­ter vor­stel­len,

wofür braucht man eine sol­che Qua­li­fi­ka­ti­on?

Völ­ker: Orga­ni­sa­tio­nen, ob Ver­ei­ne, Netz­wer­ke, Unter­neh­men oder Behör­den ver­än­dern sich oft, weil äuße­re oder inne­re Impul­se dafür sor­gen. Man kann es dann wild lau­fen las­sen und nur reagie­ren, wenn es uner­wünsch­te Kon­flik­te zwi­schen den Betei­lig­ten gibt. Man kann auch irgend­was anschie­ben und hof­fen, dass die Neben­wir­kun­gen nicht zu schlimm wer­den. Oder man küm­mert sich über­haupt nicht um das „Gan­ze“, son­dern sorgt für den eige­nen Nut­zen. Beliebt sind auch Hal­tun­gen, wie „das haben wir immer schon so gemacht“ oder „das geht sowie­so nicht“. Oder die Angst vor Feh­lern führt dazu, Schwach­stel­len eher zu ver­ste­cken und man begnügt sich aus Angst dar­über, dass etwas Unab­seh­ba­res bei Ver­än­de­run­gen her­aus­kom­men könn­te, mit dem uner­freu­li­chen Ist-Zustand. Wir sind nicht ganz so ver­än­de­rungs­freu­dig in Orga­ni­sa­tio­nen, wie das nötig und mög­lich wäre ange­sichts der vie­len Impul­se wie z.B. Digi­ta­li­sie­rung, gesetz­li­che und kon­zep­tio­nel­le Ände­run­gen, neue Genera­tio­nen und Wer­te, sozia­le Span­nun­gen und knap­pe Res­sour­cen.

Kurz gesagt spü­ren vie­le ange­hen­de oder bereits täti­ge Füh­rungs­kräf­te, dass der sou­ve­rä­ne und pro­fes­sio­nel­le Umgang mit Ver­än­de­run­gen zum ent­schei­den­den Erfolgs­fak­tor von Orga­ni­sa­tio­nen gewor­den ist. Das Manage­ment muss dabei einen Spa­gat schaf­fen, für ein mög­lichst „rei­bungs­lo­ses All­tags­ge­schäft“ zu sor­gen

und gleich­zei­tig Inno­va­tio­nen ein­zu­füh­ren – Impul­se zu geben, Stär­ken aus­zu­bau­en, Poten­tia­le zu mobi­li­sie­ren. Dafür sind manch­mal klei­ne über­leg­te Schrit­te aus­rei­chend, meist geht es jedoch um kom­ple­xe­re Ver­än­de­run­gen. Dabei müs­sen Füh­rungs­kräf­te gleich­zei­tig Abläu­fe und Struk­tu­ren anpas­sen, Ver­ant­wor­tungs­be­rei­che und Koor­di­na­ti­on klä­ren, Mit­ar­bei­ten­de füh­ren, Stra­te­gien und Prin­zi­pi­en genau­so im Auge behal­ten, wie die Aus­stat­tung und die Kul­tur der Unter­neh­mung.

Die­se Ver­än­de­rungs­pro­zes­se müs­sen trotz – oder wegen – der Kom­ple­xi­tät mit teils unvor­her­seh­ba­ren Wir­kun­gen pro­fes­sio­nell gestal­tet wer­den und das kann man ler­nen: mit siche­ren Erkennt­nis­sen über die Ent­wick­lungs­mus­ter von Orga­ni­sa­tio­nen, mit geüb­ten Instru­men­ten, die Ver­än­de­run­gen nach­hal­tig steu­ern und mit reflek­tier­ten prak­ti­schen Erfah­run­gen.

Zu die­sem The­ma gibt es zahl­rei­che Stu­di­en­gän­ge und Fort­bil­dun­gen, was ist das Beson­de­re an die­sem Kurs an der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie Ber­lin?

Gir­ke: Hier tref­fen sich vor allem (Nachwuchs-)Führungskräfte, die sich auf die Über­nah­me einer anspruchs­vol­len Füh­rungs­auf­ga­be vor­be­rei­ten wol­len oder die­se Tätig­keit schon aus­üben und ein­fach siche­rer und bes­ser wer­den und sich brei­ter auf­stel­len wol­len. Oder die sich auf eine künf­ti­ge Bera­tungs­tä­tig­keit vor­be­rei­ten, also aus dem Manage­ment in eine exter­ne Bera­tungs­rol­le wech­seln. Auf jeden Fall wol­len sie wis­sen­schaft­lich gesi­cher­te Grund­la­gen, prak­tisch erprob­te Metho­den und Instru­men­te hand­ha­ben ler­nen – letz­te­res beson­ders. Das soll schon wäh­rend des Kur­ses in der eige­nen Orga­ni­sa­ti­on in einem ohne­hin statt­fin­den­den Ver­än­de­rungs­pro­jekt ange­wen­det und reflek­tiert wer­den. In klei­nen selbst gewähl­ten Lern­grup­pen unter­stüt­zen sich die Teil­neh­men­den außer­dem gegen­sei­tig und das ist ins­ge­samt ein Mar­ken­zei­chen die­ses Kur­ses zwi­schen den Lehr-Modu­len.

Micha­el Völ­ker, Sie sind selbst ein lang­jäh­ri­ger und viel gefrag­ter Orga­ni­sa­ti­ons­be­ra­ter, haben den Kurs zu der heu­ti­gen Form mit ent­wi­ckelt: hät­ten Sie einen sol­chen Kurs gern selbst gehabt zu Beginn Ihrer Kar­rie­re?

Völ­ker: Ja, das ist wohl so. Ich habe meh­re­re Stu­di­en­gän­ge und vie­le Aus­bil­dun­gen absol­viert und aus mei­nen und den Erfah­run­gen von Kolleg:innen gelernt. Die Super­vi­si­ons- und Coa­ching­aus­bil­dun­gen habe ich Stück für Stück mit Erkennt­nis­sen zur Organisations­entwicklung und Kon­flikt­ma­nage­ment ver­bun­den, weil das die Pra­xis so erfor­der­te. Auch mei­ne eige­ne Füh­rungs­tä­tig­keit in einem Ver­ein und einer Stif­tung haben mir gezeigt, wie wich­tig es ist, dabei die Orga­ni­sa­ti­ons-Bril­le auf­zu­set­zen, orga­ni­sa­tio­na­le Wech­sel­wir­kun­gen im Auge zu behal­ten, „blin­de

Fle­cken“ zu ken­nen, aus dem Schei­tern zu ler­nen, nicht allen Moden nach­zu­ren­nen, aber neu­gie­rig zu blei­ben auf neue Erklä­rungs­mus­ter oder Metho­den, mög­lichst ganz­heit­lich zu arbei­ten und das Mach­ba­re zu unter­stüt­zen. Des­halb ver­folgt die­ser Kurs auch kon­se­quent den sys­te­mi­schen Ansatz.

Gabrie­le Gir­ke, Sie haben klei­ne und gro­ße Unter­neh­men und Ver­ei­ne gelei­tet, waren als Fort­bild­ne­rin und Hoch­schul­leh­re­rin tätig und arbei­ten seit eini­gen Jah­ren in der Co-Lei­tung die­ses Kur­ses – was ist nach Ihrer Erfah­rung das Erfolgs­re­zept?

Gir­ke: Das kann ich ganz genau sagen, auch aus dem Unter­schied zu mei­nen ande­ren beruf­li­chen Erfah­run­gen her­aus und zumal wir es immer wie­der erle­ben und zum Abschluss eines Kur­ses von den Teil­neh­men­den hören:

Zum einen wer­den sie unter­stützt, bereits wäh­rend des Bil­dungs­gangs Stär­ken und Ver­än­de­rungs­be­dar­fe in der eige­nen Orga­ni­sa­ti­on pro­fes­sio­nell zu ana­ly­sie­ren, Ver­än­de­rungs­vor­ha­ben zu initia­li­sie­ren und zu kon­zi­pie­ren und das eige­ne Füh­rungs­ver­hal­ten zu qua­li­fi­zie­ren. Also: kein Wis­sen rein­st­op­fen und hof­fen, dass man es wie­der­fin­det, wenn es gebraucht wird. Nicht nur Theo­rien „über“, son­dern Metho­den im Füh­rungs- oder Bera­tungs­han­deln. Dabei pro­fi­tie­ren Sie von Wis­sen, aus­ge­wie­se­nen Erfah­run­gen und Unter­stüt­zung durch lang­jäh­rig erfolg­rei­che Berater:innen und Dozent:innen. 

Zum ande­ren: Der Wei­ter­bil­dungs­gang ist so ange­legt, dass die Teil­neh­men­den

Ver­än­de­rungs­vor­ha­ben sowohl aus inter­ner Ver­ant­wor­tung nach­hal­tig und ver­ant­wort­lich gestal­ten, als auch Organisations­entwicklung als (exter­ne) Bera­tung ler­nen kön­nen. Die­ser Per­spek­tiv­wech­sel ist kei­ne Ver­un­si­che­rung, son­dern ver­tieft und ver­brei­tert die Qua­li­fi­ka­ti­on.

Und weil aller guten Din­ge drei sind stel­len wir didak­tisch die Pra­xis und Erfah­run­gen der Teil­neh­men­den in den Mit­tel­punkt – das ist nicht nur bele­bend und abwechs­lungs­reich, son­dern hat einen eigen­stän­di­gen Lern­wert, der immer wie­der her­vor­ge­ho­ben wird in den Rück­mel­dun­gen und den wir im Lau­fe des Kur­ses auch beson­ders för­dern.

Sys­te­mi­sche Organisations­entwicklung und ‑bera­tung

Zer­ti­fi­kats­kurs mit Dr. Gabrie­le Gir­ke, Micha­el Völ­ker (u.a.)

Start: 8. Sep­tem­ber 2022

Auch an Sie die Fra­ge: hät­ten Sie einen sol­chen Kurs gern selbst gehabt zu Beginn Ihrer Kar­rie­re als Füh­rungs­kraft?

Gir­ke: Oh, ja! Aber es ist, wie es ist, so sehen es auch vie­le Teil­neh­men­de: „jetzt weiß ich end­lich, war­um das nicht geklappt hat“, hören wir immer wie­der. Ich selbst habe oft genug durch „Aua“ gelernt und es dann spä­ter ver­stan­den durch die Beschäf­ti­gung mit Organisations­entwicklung. Aber da hat sich in den letz­ten Jah­ren ohne­hin viel getan, For­schung und reflek­tier­te Erfah­run­gen haben Erkennt­nis­se gebracht, die ich in den ers­ten Jah­ren mei­ner Tätig­keit als Füh­rungs­kraft nicht zur Ver­fü­gung hat­te. Das war nicht kata­stro­phal, aber man­ches hät­te bes­ser lau­fen kön­nen für mich und ande­re. Und es kommt etwas hin­zu: die digi­ta­le und sozia­le Welt hat sich so ver­än­dert, dass man heu­te mit ein­fa­chen Rezep­ten nicht zurecht­kommt; die Zusam­men­hän­ge sind kom­ple­xer gewor­den, so dass man mit Unvor­her­seh­ba­rem, Gleich­zei­tig­keit und schnel­lem Wan­del gut umge­hen kön­nen muss. Dar­auf ist die Wei­ter­bil­dung aus­ge­rich­tet. Sie ist anwen­dungs­ori­en­tiert und ent­spricht zugleich hoch­schu­li­schen Kri­te­ri­en (mit

aner­kann­ten Credit-Points).

Herr Völ­ker, alle Dozent:innen sind wie Sie selbst erfah­re­ne Organisationsberater:innen, die wis­sen, was man braucht, um Ver­än­de­run­gen kom­pe­tent zu mana­gen. Wor­in besteht genau eine sol­che Ver­än­de­rungs­kom­pe­tenz?

Völ­ker: Man braucht einen ganz­heit­li­chen Blick auf die­ses merk­wür­di­ge viel­ge­stal­ti­ge „Lebe­we­sen Orga­ni­sa­ti­on“ und zugleich die Fähig­keit, die wesent­li­chen Aspek­te von Ver­än­de­rungs­pro­zes­sen im Blick zu behal­ten. Instru­men­te für ziel­ge­rich­te­te Inter­ven­tio­nen und die Fähig­keit, sie situa­tiv ange­mes­sen ein­zu­set­zen, das ist ein wei­te­res

Merk­mal. Außer­dem muss man Kon­zep­te ken­nen, um Ver­än­de­rungs­pro­zes­se in geeig­ne­ter Wei­se in Gang zu set­zen und die­se auch in Kri­sen- und Kon­flikt­si­tua­tio­nen kom­pe­tent zu beglei­ten. Das braucht vor allem ein Ver­ständ­nis für sozia­le (Gruppen)Prozesse und muss die Mög­lich­kei­ten und Gren­zen der Steue­rung von Orga­ni­sa­tio­nen ein­kal­ku­lie­ren. Letzt­lich braucht man für ein erfolg­rei­ches Ver­än­de­rungs­ma­nage­ment die Fähig­keit, das eige­ne Han­deln in Ver­än­de­run­gen und die eige­ne Rol­le zu reflek­tie­ren, um so die Qua­li­tät des Manage­ments und der Füh­rung ste­tig zu erhö­hen.

Und das alles kann man im Kurs ler­nen?

Völ­ker: Ja, und dabei haben die Teil­neh­men­den einen jeweils unter­schied­li­chen Erfah­rungs­hin­ter­grund, Lern­for­men und eige­ne Zie­le – davon hängt ab, wel­che Kom­pe­ten­zen sie indi­vi­du­ell im Ver­lauf des Kur­ses ent­wi­ckeln wol­len.

Sicher ist – das wis­sen wir aus den Abschluss­re­fle­xio­nen und aus den z.T. lang­jäh­rig statt­fin­den­den Fol­low up‘s – dass sie in ihrer Füh­rungs- oder Bera­tungs­tä­tig­keit deut­lich ziel­si­che­rer und metho­disch fle­xi­bler wer­den. Weil

das für die davon „Betrof­fe­nen“ auch deut­lich posi­tiv spür­bar ist, bele­gen eini­ge von ihren Kolleg:innen dann auch den nächs­ten Kurs, denn das wol­len sie dann auch kön­nen. Und des­halb tref­fen wir auch oft Absolvent:innen aus Stu­di­en­gän­gen hier wie­der.

Frau Gir­ke, noch eine letz­te Fra­ge zum Inhalt des Kur­ses: wie sieht der inhalt­li­che Auf­bau ganz kon­kret aus?

Gir­ke: Der Inhalt ist modul­haft auf­ge­baut, beginnt mit Kon­zep­ten, Erfolgs­fak­to­ren und Maß­nah­men der Organisations­entwicklung. Es wer­den Model­le und Instru­men­te erar­bei­tet und geübt, um Stär­ken und Ent­wick­lungs­be­dar­fe zu erken­nen. Wei­te­re The­men sind Wer­te­sys­te­me bei Per­so­nen und Orga­ni­sa­tio­nen sowie erprob­te Metho­den der Orga­ni­sa­ti­ons­be­ra­tung. Ent­lang eige­ner Ent­wick­lungs­pro­zes­se wird geübt, wie

Ver­än­de­run­gen initia­li­siert, kom­mu­ni­ziert und Betei­li­gung orga­ni­siert wer­den muss. Füh­ren in Ver­än­de­run­gen sowie der Umgang mit Wider­stän­den und Kon­flikt­ma­nage­ment neh­men einen wich­ti­gen Raum ein. In jedem Kurs wird ein Ver­tie­fungs­se­mi­nar zu einem aus­ge­wähl­ten The­ma ange­bo­ten, z.B. agi­le Metho­den, erfolg­rei­ches Ver­han­deln, Selbst­ma­nage­ment o.ä. Zum Abschluss wer­den alle gelern­ten Metho­den zusam­men­ge­führt, sor­tiert, ergänzt um Maß­nah­men­pla­nung und Sta­bi­li­sie­rung von Ver­än­de­rungs­pro­zes­sen und in einer kom­ple­xen Fall­stu­die

zusam­men­fas­send ange­wen­det. 

Das ist ein anspruchs­vol­les Pen­sum, wodurch wer­den die Teil­neh­men­den unter­stützt?

Sie haben die Mög­lich­keit, in der Wei­ter­bil­dung Pro­blem­stel­lun­gen, Kon­zep­te und Vor­ge­hens­wei­sen aus der eige­nen Füh­rungs- oder Bera­tungs­pra­xis zu bear­bei­ten und pro­fi­tie­ren durch die pro­fes­sio­nel­le Bear­bei­tung und Refle­xi­on auch von den jeweils ande­ren. Dadurch wird eine beson­ders inten­si­ve Ver­ar­bei­tung der fach­li­chen Inputs der Dozent:innen gewähr­leis­tet. Durch die­se viel­fäl­ti­gen Fall­be­spre­chun­gen kön­nen die Teil­neh­men­den Mus­ter und

Lösungs­mög­lich­kei­ten erken­nen, die ihnen durch den eige­nen Manage­ment-All­tag oft ver­bor­gen blei­ben.

Vie­len Dank für das Gespräch!

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Das Inter­view führ­te Susan­ne Stein­metz, Bil­dungs­re­fe­ren­tin an der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie Ber­lin

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Frau Güns­ter, mit ihrem Sozi­al­un­ter­neh­men Thumbs and Hearts för­dern Sie die digi­ta­le Medi­en­kom­pe­tenz Jugend­li­cher. Was genau bie­ten Sie an?

Wir bie­ten The­men-Work­shops rund um digi­ta­le Medi­en­kom­pe­tenz für Jugend­li­che und für päd­ago­gi­sche Fach­kräf­te an. Dar­in geht es um Wer­bung und Influencer:innen, um Fake News und Recher­che, um Selbst­dar­stel­lung und Selbst­wahr­neh­mung und um Tole­ranz und Viel­falt in Social Media. Unser Ziel ist, Jugend­li­che zu befä­hi­gen, ein Bewusst­sein für die kon­su­mier­ten Inhal­te zu ent­wi­ckeln, sie ein­zu­ord­nen und zu hin­ter­fra­gen.

Wie kamen Sie auf die Idee?

Mit Thumbs and Hearts möch­te ich das Wis­sen aus meh­re­ren Bran­chen ver­bin­den. Ich bin ursprüng­lich PR-Bera­te­rin und habe selbst Social Media Kam­pa­gnen für Unter­neh­men geplant und umge­setzt. Die Idee zu Thumbs and Hearts ent­stand gemein­sam mit einer ehe­ma­li­gen Kol­le­gin. Jugend­li­che sind meh­re­re Stun­den täg­lich in Social-Media-Netz­wer­ken unter­wegs, die in ers­ter Linie wirt­schaft­li­che Inter­es­sen ver­fol­gen. Hin­zu kommt die wach­sen­de Bedeu­tung der Creator Eco­no­my. Die Wer­be­bot­schaf­ten der Influencer:innen sind zum Teil geschickt ver­packt, die Kenn­zeich­nungs­pflicht nicht ein­deu­tig gere­gelt. Uns ist es ein Anlie­gen, die digi­ta­le Medi­en­kom­pe­tenz der Jugend­li­chen so zu stär­ken, dass sie sou­ve­rän Influ­en­cer-Con­tent, Wer­bung, PR und Mei­nun­gen ein­ord­nen kön­nen, Fak­ten von Fake News unter­schei­den, und ein Bewusst­sein ent­wi­ckeln für den Ein­fluss vom Algo­rith­mus der Netz­wer­ke und ihrer Fil­ter-Bub­ble.

Ihr beruf­li­cher Weg führt von der Pri­vat­wirt­schaft über die Jugend­hil­fe zum eige­nen Sozi­al­un­ter­neh­men. Inwie­fern hat das Mas­ter­stu­di­um Sozi­al­wirt­schaft Ihre Berufs­lauf­bahn beein­flusst?

Als Quer­ein­stei­ge­rin in der Sozi­al­wirt­schaft woll­te ich das Stu­di­um nut­zen, um mich in der Bran­che zu pro­fes­sio­na­li­sie­ren. Neben dem Beruf zu stu­die­ren ist her­aus­for­dernd, für mich war es aber auch unglaub­lich

empowernd und hat mich moti­viert, mich in der Sozi­al­wirt­schaft wei­ter­zu­ent­wi­ckeln.

Wie konn­ten Sie die Inhal­te des Stu­di­ums in Ihre Berufs­pra­xis ein­brin­gen?

Ich habe damals als New­bie in der Bran­che bei einem Jugend­hil­fe­trä­ger mit vie­len unter­schied­li­chen Ange­bo­ten und Ein­rich­tun­gen gear­bei­tet. Das Stu­di­um hat mir viel Hin­ter­grund­wis­sen ver­mit­telt, um die wirt­schaft­li­chen Zusam­men­hän­ge bes­ser zu ver­ste­hen: wie sieht die­ser Markt in Deutsch­land eigent­lich aus, wie funk­tio­niert er und wel­che unter­schied­li­chen Finan­zie­rungs­mo­del­le gibt es? In mei­nem Job danach als Pro­jekt­ma­na­ge­rin für ein

För­der­pro­gramm des Bun­des war das Wis­sen um Zusam­men­hän­ge neben der Kennt­nis der Pra­xis eben­falls ent­schei­dend, um unter­schied­li­che För­der­vor­ha­ben gezielt zu bera­ten. Bei der Grün­dung mei­nes eige­nen Sozi­al­un­ter­neh­mens hat mir vor allem das Vor­wis­sen zu recht­li­chen und steu­er­li­chen Aspek­ten enorm gehol­fen. Und vie­le ganz kon­kre­te Stu­di­en­in­hal­te von Rech­nungs­we­sen bis Unter­neh­mens­stra­te­gie spie­len aktu­ell eine gro­ße Rol­le in mei­nem Arbeits­all­tag.

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Das High­light des Stu­di­ums war für mich unse­re tol­le Stu­di­en­grup­pe! Wir sind sehr zusam­men­ge­wach­sen, vor allem durch die Prä­sen­z­wo­chen. Durch mei­ne Kommiliton:innen habe ich vie­le Insights aus unter­schied­lichs­ten Bran­chen der Sozi­al­wirt­schaft erhal­ten. Das war unglaub­lich berei­chernd. 

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Ja, wir sind noch in Kon­takt. Ich hof­fe, dass wir es schaf­fen, bald wie­der ein Reuni­on-Grup­pen­tref­fen zu machen, das war seit Pan­de­mie­be­ginn etwas schwie­rig. Ich habe mich wäh­rend mei­ner Grün­dung mit einem Kom­mi­li­to­nen aus­ge­tauscht, der Erfah­rung mit der Aus­grün­dung einer gemein­nüt­zi­gen GmbH hat und mir wert­vol­le Tipps geben konn­te.

Vie­len Dank für das Gespräch!

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Das Gespräch führ­te Johan­na Brö­mer, Bil­dungs­re­fe­ren­tin an der Pari­tä­ti­schen Aka­de­mie Ber­lin

Mehr Infos zur Thumbs and Hearts gGmbH fin­den sie unter www.thumbsandhearts.com

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